Burnout: Die vielen Gesichter

Verlust von Job und Freunden: Ein Burnout zwingt jeden Betroffenen, sich knallhart mit sich und seinem Leben auseinanderzusetzen. 

Vor einem Monat habe ich hier an dieser Stelle das Thema Burnout lanciert. Es ist – bei Gott – kein neues, es wurde schon zig mal darüber geschrieben. „Gähn!“, vielleicht für einige.

Anhand der vielen Rückantworten meiner Leser mit vielen eigenen Beispielen, schien es mir aber, wie wenn ich ein Ventil geöffnet hätte.

Es gibt so viele unter uns, die ein Burnout durchgemacht haben und sich noch nicht mal getrauen, darüber zu sprechen.

Der Tenor, wie es eine meiner Leserinnen schrieb: „Viele haben mir in der düsteren Zeit prophezeit:

‚Du wirst nie wieder voll arbeiten können, die Krankheit wird Dich ein Leben lang begleiten, man wird dich als Psycho abstempeln.‘

Und dabei ist es ist so wichtig, dass – wenn man in einem Burnout drin steckt – man fest daran glaubt, dass man da auch wieder raus kommt.“

Die ungeschönte Realität

Ich möchte an dieser Stelle keine Tipps wiedergeben zum Vorbeugen und auch keine Moralpredigten halten, wie man gar nicht erst in ein Burnout rutscht. Wer schon eines erlebt hat, der weiss selber gut genug, wie schwierig es ist, aus dem Strudel aus Ehrgeiz und Anforderungen des Alltags rauszukommen.

Auch – wie einige sagen – dass ein Burnout häufig „selbst verschuldet“ sei, weil man sich schlicht zu viel auflädt, mag vielleicht in einigen Fällen stimmen, aber bei weitem nicht bei allen und vor allem tut es nichts zur Sache, was danach mit Burnout-Erkrankten passiert.

Da ich keine Psychologin bin sondern Journalistin und schlicht das Glück habe, dass mir viele Menschen ihre ganz persönlichen Lebensgeschichten anvertrauen, möchte ich hier ein paar der Beispiele, die Mitten unter uns passieren, wiedergeben. Natürlich habe ich von allen die Autorisation dafür.

Sie sollen zeigen, wie vielschichtig „Burnouts“ sein können, dass jeder und jede davon betroffen sein können. Häufig trifft es auch Menschen mit einer ausgeprägten sozialen Ader.

Vielleicht helfen die Erfahrungsberichte ja doch dem einen oder der anderen, nachsichtiger mit sich selbst umzugehen und auch mal die Bremse zu ziehen, bevor es zu spät ist. Denn – das scheint alle Burnout-Geschichten zu einen – wenn man mal Mitten drin steckt und nicht mehr kann, hat man plötzlich herzlich wenig emphatische Menschen um einen herum.

Soviel Echtheit, dass es weh tut.

Es sollen Auszüge aus den unzähligen E-Mails sein, die mich erreicht haben zum Thema. Menschen, die so offen schreiben, dass es weh tut. Weil sonst selten jemand zuhört? Burnout gilt ja häufig immer noch als eingebildete und selbstgemachte Erschöpfung. Für Menschen, die nicht stark genug sind. Ja, vielleicht. Und was ist falsch daran? Warum müssen wir alle in Schubladen passen und bis zum Einknicken leisten und gleichzeitig lächeln, über unser schönes Leben parlieren, mit Karriere und Kindern und Freunden und Haus und Hund. Und. Und. Ich mache an dieser Stelle einen Punkt und überlasse das Wort meinen Lesern. DANKE jedem und jeder Einzelnen für das Vertrauen zu schreiben. Und DANKE an alle, die diese Offenheit nicht be- und verurteilen.

PS. Wer mit dem einen oder der anderen Protagonistin in Kontakt treten möchte, schreibt mir bitte eine E-Mail info@keinhochglanzmagazin.com und ich werde diese Nachrichten an die entsprechende Person weiterleiten.

Text: Anna Maier

Bild von Fotograf Beat Mumenthaler: Jean-Pierre Ritler

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FRANK

Liebe Anna, nach 35 Jahren in der Bankenwelt und im Hamsterrad bin ich 2010 mit einem Burnout (ja, es ist eine Depression) ausgestiegen. Das erste Jahr war sehr hart. Mittlerweile lerne ich das Leben und vor allem den Moment zu geniessen 🙏🏻. Lebe bescheidener, doch es war für mich die einzige Wahl diesen Weg zu gehen.

Vorgeschichte: das Burnout kam 2007. War danach 1 Jahr krankgeschrieben, ab 2008 bis 2010 in kleinen Schritten noch eine Runde bis zur Kapitulation gedreht. Zum Alarmsystem: alle Alarmglocken schrillten in diesem Zeitraum, wo 2 Suizide in der Abteilung passierten sowie eine unerträgliche Spannung an meinem Arbeitsplatz herrschte. Darum musste ich mich 2010 entscheiden auszusteigen, mit Priorität Gesundheit. Bin viel in der Natur und achte besser auf meine Bedürfnisse. Da ich meine Lektionen und den Lebenszweck kenne, hilft mir das sehr, immer wieder bewusst bei mir zu SEIN.

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NICOLE

”If a flower doesn’t bloom, you fix the environment, not the flower.”

Mein Burnout fand 2012 statt, als ich im VIP DESK eines der renommiertesten Unternehmen die Stars und Sternchen aus der Wirtschaft, Politik, Medien und Unterhaltung bedienen durfte.

Mein Ehrgeiz, meine Leidenschaft, meine Freude am Beruf, meine Beharrlichkeit und meine positive Einstellung, sowie eine gehörige Portion Glück brachten mich in diese Position. Als eine mit Abstand Jüngste im Team, durfte ich mit diesen grossen Persönlichkeiten der Branche in einem Team zusammenarbeiten. Was für eine Ehre dieser Job doch für mich war.

Doch der Traum wurde bald zum Albtraum. Ich habe alles gegeben, versucht in all die Anforderungen zu passen und habe mich dabei selbst aufgegeben. Viel Druck, wenig Wertschätzung, nur die Zahlen zählten. Dies alles und vieles mehr brachten mich an den Punkt, an dem ich zusammenbrach und nichts mehr ging. Ich konnte nicht mehr aus der Badewanne steigen. Der Körper streikte einfach und setzte einen Punkt.

Rückblickend betrachtet war dies mein Wendepunkt. Für diesen ich unendlich dankbar bin. Schlussendlich sogar das Beste, was mir passieren konnte. Ja, Burnout kann definitiv etwas sehr Positives sein. Ein langer, steiniger Prozess der sich so gelohnt hat.

Mein Burnout hat mich gelehrt Inne zu halten, mich selbst kennen zu lernen, was ich will und was nicht, was mir gut tut und was nicht. Meine Seele hat wieder Raum erhalten. Nach all den negativen Erfahrungen, mich selbst wieder zu lieben und akzeptieren. Nicht mich als Person, sondern die Umgebung und meine negativen Gedankenmuster zu ändern.

Es gibt kein Patentrezept. Jeder hat seinen eigenen Weg. Der Schlüssel für mich war wieder Raum zu schaffen für die wirklich wichtigen Dinge im Leben. Ich entdeckte die Natur, den christlichen Glauben, die Entschleunigung, die Musik, bekam wieder Freude an den «kleinen» Dingen, die eigentlich die wirklich «Grossen» sind.

Mehr Zeit für meine Familie und die richtigen Freunde. Nicht mehr darauf bedacht sein, in gesellschaftliche Vorstellungen zu passen oder was andere von einem halten. Ich verplane die Wochen nicht mehr, sondern lasse Raum für Unvorhergesehenes und das, was ich in diesem Moment gerade Lust habe oder sich ergibt. Dazu muss ich aber viele Termine absagen und freie Zeit einplanen. Nein sagen zu anderen und Ja sagen zu sich selbst.

Heute, 7 Jahre später, bin ich die glücklichste Mutter und Ehefrau und habe mein eigenes Unternehmen aufgebaut.

«I have fixed my environment and now I just bloom»

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OLIVER

Ich bin seit 1991 Proffisquashtrainer, Jahrgang 1970, verheiratet, 2 Jungs (1998,1999), 1 Hund, 1 Katze…

Ab 1991 war ich Trainer, zuerst angestellt, später selbständig.

Am neuen Ort traf ich fast ein weisses Blatt an. Ich hatte die Möglichkeit, alles von Grund auf
aufzubauen und nach meinem Gusto zu planen. Finanziell wars für eine so junge Familie
sehr schwierig. Meine Frau hatte ein kleines Arbeitspensum, die Jungs waren noch sehr klein.
Der Druck war hoch, die Ängste gross…

Mit viel Arbeitseifer und Enthusiasmus baute ich eine grosse Juniorenabteilung auf, konnte
endlich davon leben, der Ort wurde zur Squashhochburg. Damit verbunden waren viele Einsätze
am Wochenende, Vorstandsitzungen, Einsätze als Coach mit der Juniorennationalmannschaft, etc..
volles Programm…! Mit dem Erfolg stiegen auch Ansprüche aus dem Umfeld, sprich übermotivierte Eltern. Das kann schon mal recht Druck machen.

Dazu kam, dass wir mit unseren 4 Courts am Anschlag liefen, weiteres Wachstum war nicht mehr möglich. Daher initiierte ich den Bau eines neuen Squashcenters. Zusätzliche Sitzungen standen auf dem Programm. Wenn Du einen Job an der „Front“ hast, ich sehe pro Woche ca. 200 Leute, zehrt das schon recht an der Substanz. Wir kamen ziemlich weit in der Planung, leider mussten wir anfangs 2007 das Vorhaben „neues Center“ auf Eis legen, weil das Geld nicht zusammen kam… ein herber Schlag für mich.

Ich rettete mich mit letzter Kraft in die jährlichen Sommerferien, in denen ich jeweils 5 Wochen squashfrei lebe…
Vorher spürte ich schon, als ich an ein internationales Turnier als Coach mitging, dass mit meinem Engergiehaushalt etwas nicht stimmte. Beim Kofferpacken merkte ich, dass sich alles dagegen sträubte, ich ging natürlich trotzdem…

In Spanien riss sich dann meine Frau beim Tennisspielen die Achillessehne, Notoperation noch in Spanien, meine Ferien lösten sich in Nichts auf, das war dann zu viel. Ich konnte noch einen Monat arbeiten, am 17. September 2007 (an meinem Geburtstag) wollte meine Psyche nicht mehr… mir zogs den Boden unter den Füssen weg. Alles blockierte, mir hats den Stecker gezogen.

Ich machte bis und mit Dezember eine Pause, ging aber nicht in eine Klinik. Es tat mir extrem gut, einfach Zeit zu haben. Hörte die Vögel zwitschern, fand Zeit für mich und fand heraus, was mir gut tut…

Im Januar 2008 erhöhte ich mein Pensum Woche für Woche und fand den Weg zurück…
Seit dieser Zeit fehlen mir etwa 20 % Leistungsvolumen. Ich merke, wenn ich ans Limit komme und mache dann halt mal einen Tag frei und gehe z.B. ins Thermalbad… Dazu versuche ich jeden Tag eine Mittagspause mit Hypnose-App zu machen, dauert etwa 1 Stunde. Das reduziert den Stresslevel massiv, auch mein Hund liebt diese Pause mit Kontaktliegen…

2016 habe ich leider meinen Vater und meinen Hund verloren. Es war eine sehr schwere Zeit, aber Zeit heilt viele Wunden…
Wenn man machen kann was man liebt, steht man immer wieder auf. Finde eine Szene in „Batman“ sehr hilfreich:
Alfred fragt Bruce: „Warum fallen wir?“ – „Damit wir wieder aufstehen können!!“

Übrigens, das neue Center wurde 2014 eröffnet, ich bin immer noch Squashtrainer und es macht Spass.
Aus dem Hochleistungssport habe ich mich etwas zurückgezogen…

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BARBARA

Ich selber habe leider auch ein Burnout oder eben anders gesagt eine Erschöpfungsdepression erlitten. Das war vor drei Jahren. Zuvor war ich die Powerfrau par excellence. Hatte für alles Zeit, Energie und nichts schien unerreichbar. War immer für alle da.

Im Eilzugstempo machte ich meinen beruflichen Weg. Von meinen Eltern bzw. meiner Mutter wurde ich geprägt, dass man stark sein muss, dass man v.a. durch Leistung geliebt wird. Gute Noten gaben ein Lob. Und davon wollte ich natürlich viel. So lernte ich, mit Leistung zu überzeugen. Ich war eine geschätzte Lehrtochter und später eine erfolgreiche Berufsfrau.

Nach der Geburt meiner Tochter im 2009 änderte sich alles. Ich konnte nicht mehr über mein Leben bestimmen, es ging nicht mehr um Leistung und Erfolg, sondern um dieses kleine Wesen in meinen Armen, das einfach nur sein Mami brauchte. Es vergingen mehrere Wochen, bis ich realisierte, dass ich jetzt gar nichts mehr in der Hand habe, sondern meine Tochter den Takt vorgibt.

Nach dem Mutterschaftsurlaub von immerhin 6 Monaten ging ich zurück zur Arbeit – 90%-Pensum. Ich glaubte damals allen Ernstes, dass ich das hinkriege… Nach kurzer Zeit war ich erschöpft, hatte keine Kraft mehr, Konzentrationsschwierigkeiten… Ich kündigte den Job, reduzierte auf ein 60%-Pensum in einer gewöhnlichen „Linienfunktion“. Aber das war’s nicht. Übernahm wieder eine leitende Funktion. Das ging eine Weile gut. Aber auch da betrieb ich Raubbau an meinem Körper, wohl nur der Anerkennung und des Lobes wegen. Ich war wie getrieben.

Tja und dann, als mein Mann einen schweren Unfall erlitt, klappte ich zusammen. Während einer Geschäftsleitungssitzung hörte ich die Stimmen nur noch wie durch Watte und mich selber nur noch monoton sprechen. Mein damaliger Chef bemerkte, dass mit mir etwas nicht stimmte und holte mich aus dem Meeting. Da klappte ich zusammen und heulte nur noch.

Danach ging alles recht schnell. Mein Mann kaum aus dem Spital, ich ging stationär in eine Klinik. Mehrere Wochen war ich da, durfte an den Wochenenden nach Hause zu meiner Familie. Ich liess mir helfen, fand wieder Boden unter den Füssen. Arbeitete vieles aus meiner Kindheit auf. Nach meiner Rückkehr zum alten Job wurde meine Firma aufgekauft – und mir gekündigt.

MIR GEKÜNDIGT! Sowas gibt es doch nicht… Kurzerhand beschloss ich, mich selbständig zu machen. Der beste Entscheid, den ich fällen konnte. Aber: bis heute muss ich jeden Tag an mir arbeiten, darauf achten, mich nicht wieder zu übernehmen, nicht wieder in die alten „Leistungsmuster“ zu fallen, mich aushöhlen zu lassen. Ich werde nie mehr das Leistungsniveau von damals erreichen. Aber das ist auch nicht nötig. Nur ich vergleiche mit der Vergangenheit.

Ich habe gelernt, mich so anzunehmen, wie ich bin. Dass ich nicht leisten muss, damit man mich gerne hat, sondern weil ich ich bin. Wie ein Alkoholiker nie mehr Alkohol trinken soll, so muss auch ich darauf achten, nie mehr in diese Grenzregionen zu kommen. Die Signale meines Körpers erkenne ich inzwischen und kann vorher abbremsen.

In der Zwischenzeit konnte ich meiner vor 14 Jahren verstorbenen Mutter verzeihen. Ich gebe niemandem die Schuld. Es liegt an uns selber, „Stopp“ und „Nein“ zu sagen, für sich einzustehen. Niemand Anderes tut das für einen! Die Vergangenheit kann ich nicht ändern, meine Erziehung kann ich nicht ändern. Aber ich kann meiner Tochter andere Werte mit auf den Weg geben. Nämlich, dass wir sie unendlich lieben, egal, ob sie eine 1 oder eine 6 nach Hause bringt.

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OSKAR

Als direkt Betroffener, der ich einmal bis zur deutlichen Überschreitung meiner Grenzen gegangen bin und vor der Wiederholung gehandelt hat, kenne ich verschiedene Facetten der Erschöpfungsdepression. In meiner damaligen Führungsposition auch jene, welche die Seite des Vorgesetzten betrifft, wenn jemand aus dem Team betroffen ist.

Heute bin ich offiziell ‚Stellensuchend‘, bezeichne dies meinerseits jedoch eher als den Ort suchend, wo ich meine Berufung mit meinen Qualitäten, Kompetenzen ausleben und meiner Persönlichkeit dem Wohle des Ganzen dienen kann.

Ergänzungen dazu:

Aus meiner Optik ist der Weg in eine Erschöpfungsdepression – sowie auch der Weg wieder aus dieser raus zu kommen – so individuell wie dies jeder Mensch ist und seine entsprechend vorausgegangene Lebensreise.
Wir sind individuell geprägt von unseren frühzeitigsten (und darauf folgenden) Lebensjahren, eignen uns Muster, Glaubenssätze sowie entsprechend resultierende Verhaltensweisen an.

Wir sollten achtsam sein im Umgang mit der Ausdrucksweise – denn es spielt keine Rolle, ob der Weg aus der Erschöpfungsdepression mit/ohne Medikamente, mit/ohne Psychologische Begleitung, Coaching, etc. realisiert werden kann. Was zählt ist einzig, dass heilsame Wendung möglich ist – so wie diese eben dem Individuum entsprechend stattfinden kann.

Obwohl ich neben unterschiedlichen Fachausweisen/Diplomen auch zwei therapeutisch/coachende Fortbildungen absolviert habe, bin ich über meine Grenzen, habe die Signale (deren es sehr viele gab) ignoriert und weggedrückt. Meine Konklusion daraus: Einzig in den Spiegel schauen und das eigene Verhalten reflektieren hilft – das Umfeld hat mich zu nix gezwungen. Das war natürlich ein schmerzhafter Prozess, anzunehmen, dass ich derart mit mir umgegangen bin. Und – ja – es kann jeden von uns treffen, denn alle sind wir Reisende auf unserem individuellen Lebensweg.

Persönliches Alarmsystem…?

Täglich kurze Zeitfenster um wahrzunehmen, wie sich mein Körpersystem anfühlt.
In herausfordernden Situationen den Fokus auf den eigenen Atem legen.
Mich selbst/mein Befinden mindestens so wichtig nehmen, wie das meines Umfeldes.
Mir heilsame Momente (das können einfachste „Auszeiten“ – ich nenn sie lieber time-in 😉) gönnen, wie ich diese auch anderen empfehlen würde.

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VERA

Zum Thema über Burnout würde ich mich gerne äussern. Die Geschichte von Beat Mumenthaler ist eine ähnliche wie meine. Nur bin ich noch etwas jünger und es traf mich mit 33 Jahren… (nach 15 Jahren als MPA/Praxisleiterin)

Auch ich musste mich neu erfinden und bin teilselbstständige Fotografin geworden.

Das Burnout begleitet mich auch heute noch. Kein Tag vergeht an dem ich nicht daran erinnert werde. Die Angst vor ein einem Rückfall bleibt. Das Abwägen, was möglich ist und was nicht mehr, bestimmt den Alltag. Ich bin dabei die Komische, das schwarze Schaf, die mit der Extrawurst. Nur nie die, die alles tut um in der Gesellschaft noch einen Platz zu finden. Das sieht niemand.

Was viele nicht wissen: ein richtiges Burnout ist das „Totale Blackout von Körper und Geist“. Es ist eine langjährige (!) schwere Erkrankung, kein vorübergehender Stresszustand von 2-3 Wochen oder Monaten…
Stetige körperliche Erkrankungen/Entzündungen ausgelöst durch die jahrelange Cortisolproduktion, Konzentrationsschwächen, Sprachstörungen (bei mir) bis zum Shutdown des Gehirns (ein Gehirn aus Blei).

Am Nullpunkt angekommen funktionert das Gehirn kaum mehr: Lesen, TV schauen, Kommunizieren etc geht nicht mehr. Ich hab 16 h am Tag geschlafen, um wieder 2-3 h am Stück „etwas tun“ zu können. 3 Jahre meines Lebens waren futsch und ich hab mich mühsam aufgepäppelt bis ich jetzt nach 5 Jahren wieder max 60-80% arbeiten kann. Es wird nie wieder so sein wie vorher. Und dies macht Angst. In einer Gesellschaft, die nur Leistung anerkennt nicht aber Emotionalität, Sensibilität, Kreativität, ist es für manche von uns ein Kampf ums Überleben.

Solche, die niemals in dieser Situation waren, können es nicht nachempfinden. Reizüberflutung trifft nur diejenigen mit Begabungen in Sensibilität, der Sinne oder solche wie ich mit Grunderkrankungen ADHS. Der Rest empfindet Burnout als Mode-Diagnose, als „Zimerlisi“-Krankheit. Was soll man dazu noch sagen… Mit dem Gehirn hat niemand Mitleid. Wenn es den Error macht, kannst Du auf Verständnis leider lange warten. Für mich bedeutet es noch immer, täglich zu kämpfen um nicht unterzugehen. Ein Kampf der niemand sieht. Oder nicht sehen will.

Mir ist es ein Anliegen das Burnout (und auch ADHS) nicht als Modeerscheinung oder als nichtexistent abgetan wird.

Die Ehrlichkeit über meine Person zu sprechen ist Teil meiner Heilung. Das Verstehen meiner Selbst, mich nicht mehr Verleugnen und meine Fehler zu akzeptieren sind wichtige Dinge für mich… früher wollte ich jemand anderes sein, habe mich angepasst bis zum Burnout.

Ja, ich habe ein Alarmsystem (ein eher später Schutz). Es kommt leider automatisch: Augenzucken, Sprachstörungen, Dünnhäutigkeit, bleierne Müdigkeit während des Tages. Dann ist es schon wieder so, dass ich die Notbremse ziehen muss, was bedeutet: keine Verabredungen, Sport in der Natur, Verzicht auf TV oder grosse Menschenansammlungen. Kommt ab und zu und immer wieder vor.

Generell als Schutz gilt für mich Achtsamkeit in allem was ich tue. Eins nach dem anderen. Multitasking ist nicht meins. Ich esse bewusst und ohne Stress, wenn immer möglich zu Hause. Ich koche selber und gesund. Manchmal mache ich einen Mittagsschlaf, wenn ich das Bedürfnis habe. Ich versuche meinem Körper täglich zuzuhören. Ich pflege den Kontakt zur Natur, gehe 3 x in den Sport, um Sauerstoff in mein Gehirn zu pumpen. Ich habe eine automatishe Zeitschaltuhr welche mir das Handy spät um 23:00 abstellt (sollte sogar früher sein), ich lese Bücher, keine Tablets! Grosse Menschenansammlungen gehen nur bei entsprechender Ruhezeit vorher. Vor einer Hochzeit plane ich mir einen ganzen Tag Vera-Zeit ein. Zeit für sich selber ist wohl mein Schlüssel um seit 5 Jahren Rückfallfrei zu bleiben..

Ich bin, wer ich bin und scheue mich nicht mehr davor dies auch zu zeigen.

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GISELLA

Burnout beschreibt eigentlich den  Zustand gut.
#daistglut #einbrennen #extremeunruhe #unddocheinnichtmehrsein #keinselbst

Mir sind dabei zur gleichen Zeit noch die Augen zugefallen, eine mehrfache Dystonie hat sich auf mein Gesicht gelegt. Am Dominantesten aufgefallen ist der Blepharospasmus (krampfartiger Lidschluss, benötige alle drei Monate Botox, damit die Augen offen bleiben).

Doch half alles um nach Innen zu schauen.
Was hat das Innen für eine Farbe?
Hat das Innen ein Gefühl?
Wie ist Freude?
Wie ist Trauer?

Meistens muss man durch negativ geprägte Gefühle wie z. B Kindheitsschmerz…..
Das ist der mutigste Anfang, dies zuzulassen, Trauer, Einsamkeit, fehlende Freunde, Partner, Familie kommt noch dazu.
Dann in die Stille hineinhorchen, auf die Suche gehen, aushalten, dass Unsicherheit dominiert, dass die Menschen sich zurückziehen.

Bei mir hilft bis heute Meditation, am Morgen, am Abend.
Sich auf das konzentrieren, was gut geht.
Leistungsdruck abbauen.

Geht alles sehr lange, je nach Alter wurde alles schon lange so gelebt.
Heute acht Jahre nach dem Burnout wo ich meine Cafe Bar verkaufen musste, geht’s mir viel besser. Sehe die Chance, die mir gegeben wurde. Fotografiere, Male. Ganz aktuell habe ich eine Fabel illustriert. Meine Tochter hat die Geschichte geschrieben. Caramel, heisst das Buch.

Die Umwelt hat sich verändert, der Freundeskreis ist sehr klein geworden, aber ehrlicher.
Schwierig bleibt: nie mehr wie früher Energie zu haben.
Zeit einzuteilen, sich dem inneren System anzupassen, kein Geld zu haben, nicht unbedingt verstanden zu werden.
Für die Kinder, und ich habe alle drei alleine erzogen mit einem Ferienpapa, bleibt diese Unsicherheit die grösste Herausforderung. Sie kennen mich stark, souverän, als Geschäftsfrau………

Doch ich zeige mich, knüpfe am gesunden Kern an, an der jugendlichen, hübschen Frau und lebe !

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TANJA

Heikles Thema…ich hatte noch nie eine Erschöpfungsdepression und werde mich hüten zu sagen, dass es mir nie passieren kann…

Ich arbeite als Pflegefachfrau in einer Führungsposition in einer Universitätsklinik. Ich habe sowohl als Arbeitskollegin sowie als Führungskraft diverse Personen mit Erschöpfungsdepression im Team gehabt und auch Führungspersonen damit erlebt, zum Teil mit sich wiederholenden Klinikaufenthalten. Da habe ich mich oft gefragt wieso die Therapien nicht greifen…und fühlte mich manchmal schuldig als Chefin…habe ich etwas verpasst, nicht wahrgenommen, zuviel verlangt? Inwiefern bin ich verantwortlich für die Gesundheit auf verschiedenen Ebenen bei meinen Mitarbeitern?

Und je mehr ich mich hinterfragt habe desto mehr fiel mir auf, dass ich immer wieder über ein Thema stolperte, bei jeder einzelnen Situation, insgesamt waren es 5 Menschen, die ich von Beginn an miterlebte: Selbstverantwortung. Immer wieder waren die Umstände schuld. Der Betrieb. Die Strukturen, die nicht passten. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit, die nicht funktioniert. Der Chefarzt, dem wir gleichgültig seien…und so weiter. Und alle waren auch im Privatleben wahnsinnig engagiert. Dies ist nicht wertend gemeint.

Und das Wahrnehmen der Selbstverantwortung? Seine eigenen Grenzen erkennen und äußern? Sich selber gegenüber gnädig sein, mild, sich selber nicht mehr überfordern, nein sagen lernen? Sich fragen, was brauche ich um die Selbstverantwortung wahrnehmen zu können? Wie kann ich mich selber stärken, den Mut entwickeln, um meine Bedürfnisse selber zu erfüllen, damit ich nicht andere dafür verantwortlich machen muss? Das braucht es nämlich, Mut, um für sich selber einzustehen.

Wir sind zu oft in der Aussenwahrnehmung, suchen die Gründe außen und machen das Aussen verantwortlich für unsere Befindlichkeit. Ebenso, ob die Therapien greifen oder nicht: Ich muss etwas dafür tun und nicht darauf warten, dass es von alleine passiert. Dabei liegt der Hauptanteil für unsere gesamte Gesundheit in der eigenen Verantwortung, ich darf nicht anderen die Schuld geben wenn es mir nicht gut geht.

Damit ich richtig verstanden werde: Ich möchte mit meinem Kommentar niemandem zu Nahe treten oder gar psychische Erkrankungen in irgendeiner Form herunterspielen. Es geht mir viel mehr darum, wiederzugeben, was ich aus der Reflexion dieser Erlebnisse für mich für Lehren gezogen habe, ohne einen eigenen Tiefpunkt erlebt zu haben.

Diese Menschen haben mich auch persönlich geprägt, mich mit Fragen konfrontiert, die mich zum Nachdenken brachten. Daraus konnte ich Erkenntnisse für mich ziehen, ich lernte mich zu achten und meine Grenzen wahrzunehmen. Ich suche bewusst regelmäßig die Stille und das Alleinsein, sogar sehr oft, damit ich mich eben stärken kann für all das Aussen. Damit hoffe ich, meine psychische Gesundheit erhalten zu können. Eine Garantie dafür gibt es, glaube ich, keine…

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IRIS

Das Thema „Burnout“ liegt mir sehr am Herzen. In meiner Praxis bin ich im Moment fast täglich damit konfrontiert. Menschen, die nicht mehr schlafen, Ängste haben, Depressionen…
Das ist ja an sich nichts Neues. Was mich aber sehr beschäftigt ist, dass sie immer jünger werden. 30jährige, die doch in ihrer vollen Lebenskraft sein sollten. Ich war am Anfang einfach nur wütend- auf die Wirtschaft, das System, etc.

Nun aber bin ich der festen Überzeeugung, dass jeder eine Eigenveranwortung hat. Dass wir Menschen wieder lernen müssen zu spüren, was uns gut tut und welche Dinge uns krank und leer machen. Es ist so wichtig, dass wir unseren Kindern dies mitgeben, damit sie zu starken und trotzdem emotionalen Menschen werden.

Es ist wichtig, dsss sie  lernen „nein“ zu sagen. Auch wenn das bedeutet weniger zu haben an materiellen Dingen, dafür sie aber glücklich sind,  durch eine gesunde Work/Life Balance..

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