„Ich scheue kein Risiko.“ Iria Degen, Innenarchitektin

Iria Degen verbindet in ihrem Leben gern Extreme: das Ruhige und das Risiko, die Kinder und die Karriere. Scheitern ist erlaubt, nur Stillstand mag sie nicht. Auf Mallorca baut sie ein Ferienhaus, dessen Inneneinrichtung man kaufen kann.

Pocahontas!

Sie sieht aus wie Pocahontas, fällt mir auf, als ich Iria Degen zum ersten mal begegne. Eine grazile, hochgewachsene Frau, feine Gesichtszüge, langes, schwarzes Haar, das sie ihrer thailändischen Grossmutter zu verdanken hat. Ein Lächeln erhellt ihr Gesicht: „Vor allem von Kindern höre ich das ab und zu. Ein riesiges Kompliment, weil Pocahontas eine schöne Frau ist, eine liebevolle. Sie verkörpert Werte, die ich auch unterstütze und lebe. Sie geht der Liebe nach. Sie riskiert viel.“

Reiz des Risikos

Auch wenn ich sie auf den ersten Blick eher als zurückhaltend wahrnehme und weniger als Draufgängerin, spielt das Risiko eine entscheidende Rolle im Leben der 48jährigen Zürcherin. „Ich glaube, bei allem, was ich mache, ist ein grosses Engagement dabei. Viel Abenteuer, viel Neues, viel Aufregendes. Das reizt mich. Wenn man bereit ist, Risiken auf sich zu nehmen, dann kommt man an Orte, wo andere nie sind und auch nie hinkommen werden.“

Zürich. Paris. Mallorca.

Der bewusste Gang ins Ausland, um an einem neuen Ort neue Wege zu beschreiten, kommt immer wieder vor in Degens Vita. Die ersten Schritte als Innenarchitektin absolvierte die Zürcherin in Paris bei der in der Branche renommierten Andrée Putman. Das erste Grossprojekt als Bauherrin realisiert sie nun auf Mallorca, der Baleareninsel, die jährlich über 15 Millionen Touristen anzieht, davon eine halbe Million aus der Schweiz. „Die Insel war überhaupt nicht auf meinem Radar. Ich habe sie die letzten Jahre aber lieben gelernt im Urlaub, den wir jeweils mit befreundeten Familien hier gemacht haben. Erst kürzlich wurde mir zudem bewusst, dass mein allererster Flug als Kind nach Mallorca führte. So schliesst sich der Kreis wieder. Irgendwie steht doch alles in den Sternen, was einem blüht im Leben.“

Tres Hermanas

Wir befinden uns auf ihrer Baustelle ausserhalb des Dorfes Ses Salines im Süden der Insel. Hier entsteht „Tres Hermanas“ („Drei Schwestern“), ein futuristisches Haus mit der Architektur des preisgekrönten Schweizers Gus Wüstemann und dem Interior Design Degens. Ein Gemeinschaftsprojekt mit einem Gemeinschaftsraum als Herzstück. Davon abspreizend drei Schlaftrakte, die von bis zu drei Familien als Ferienresidenz gemietet werden können. Das Spezielle daran: Die komplette Inneneinrichtung ist käuflich. Kunst, Dekoration, Möbel. „Living Experience“ nennt sie es.

Rendering: Gus Wüstemann

Rendering: Gus Wüstemann

Noch stehen hier, weg von Meer und Hektik, erst die Grundmauern und ein imposanter Berg aus Aushubmaterial, Steinblöcke, die haushoch aufgetürmt sind. Degen kraxelt für die Fotografin rauf und wieder runter, posiert zwischen den Mauern, die wie eine surreale Kunstinstallation wirken. Schafe blöken, laut, die einzige Unruhe.

Das Meer ist – „dort hinten!“ – als kleine feine Linie am Horizont zu erkennen. Wer hierher kommt, der sucht wohl den totalen Rückzugsort von Tuch-an-Tuch-Touristen – auch wenn der nahe Strand Es Trenc als einer der schönsten der Insel gilt.

Die Sicht aufs Meer ist zu einem Teil verdeckt durch einen üppig bewachsenen Landstrich mit einem einzigen Anwesen drauf. „Es gehört der Besitzerfamilie der spanischen Banca March. So ist sichergestellt, dass dieser Landstrich wohl nie verbaut wird.“ Hier wird wenig dem Zufall überlassen, alles wirkt durchdacht.

Die Dezente

Während Iria Degen mich erklärend durch die Baustelle führt, denke ich, dass ich sie und ihre Arbeit mit denselben Worten beschreiben würde: strukturiert, ruhig und puristisch. Degen bedankt sich für das „schöne Kompliment“.

„Ich bin im Stillen Zuhause. Es ist nie die Hektik, der Tumult oder der Glam, den ich suche. In einem rotem Kleid oder Minirock würde ich mich total unwohl fühlen, weil ich das Gefühl hätte, alle schauen auf mich.“

Im Mittelpunkt zu stehen war ihr schon immer unangenehm, sie sagt „peinlich“, und erwähnt ihre Kindheit: Sie war drei oder vier Jahre alt und verkroch sich unter dem Tisch, als man für sie „Happy Birthday“ sang. „Und ich wollte gar nicht mehr hervorkommen.“

Ratio und Emotio

Ein behütetes Umfeld sei es gewesen. Klein Iria wurde in einer Ärztefamilie gross: Eltern, Geschwister, alles Ärzte. Dass auch sie ein Studium zu machen hatte, stand fest. Auch wenn sie schon damals gerne einen unkonventionelleren Weg eingeschlagen hätte, unterwarf sie sich dem Druck. „Ja, das ist natürlich schon so. Aber ich muss sagen, ich bin meiner Mutter sehr dankbar. Sie zog vier Kinder gross, sie war alleine und wollte uns mitgeben, dass wir immer einen Plan B haben sollten. Gerade mit dem Studium der Rechtswissenschaften wusste ich: Das ist eine super Basis. Ich habe die Ratio UND die Emotio in mir. Ich lebe beides.“

Nach dem Pflichtprogramm brach zügig die Emotio durch. Degen wollte wissen, ob die Leidenschaft für Raumgestaltung, die sie schon als Jugendliche exzessiv auslebte im eigenen Zimmer, das sie ständig ein- und umrichtete, ihre Berufung sei. Die Zelte in Zürich wurden abgebrochen, zum Neustart nach Paris aufgebrochen. Weg vom Druck des Umfeldes, „um nicht zu provozieren“, wie sie verrät.

„Ich habe viele Architektenfreunde und weiss, dass Interior Design, vor allem wenn es Richtung Dekoration geht, eher belächelt wird. Es wird total verkannt, wie viel Mehrwert man den Menschen im Alltag durch die Innenarchitektur geben kann, durch gute Gestaltung und Räume, die funktional und schön sind, um Energie zu tanken.“

Die Erfolgreiche

Angenehmer Nebeneffekt des Studiums war ihr grosses Beziehungsnetz, das zur wichtigen Starthilfe wurde für ihre Karriere. Ihre Freunde hatten schnell gute Jobs, konnten sich Wohnungen und Eigenheime leisten und betrauten Iria Degen früh mit spannenden Aufträgen, als sie noch erste Sporen als Innenarchitektin abverdiente. „Sie fragten mich schon an, als ich noch in Paris war. Alles ging ganz schnell, jedes Projekt brachte ein anderes. Ich musste nie akquirieren.“

Offenbar hat sie mehr gemein mit Pocahontas, als nur das Aussehen. Auch jener öffnete die Gesellschaft einst Tür und Tor, sagt man.

Zwei Jahrzehnte später ist der Olymp erklommen. ID – deren Initialen sogar mit der Berufsbezeichnung Interior Design übereinstimmen – gestaltet Hotels wie das Pullman Europe in Basel, Büroräumlichkeiten wie die von Novartis in Basel oder auch Kliniken, wie die Hirslanden Zürich.

Auch solvente Privatpersonen können ihren Dienst beanspruchen, ab 100qm Wohnfläche. Warum diese Grenze? „Weil die Planerkosten irgendwann nicht mehr in einem gesunden Verhältnis zu den Gesamtausgaben stehen.“

Die Rastlose

Sie läuft und läuft, gut und immer weiter, die Interior Design-Manufaktur Iria Degen. Es wäre für sie „das schlimmste Gefühl“, wenn sie den Eindruck hätte, an Ort zu treten. Darum bleibe sie immer in Bewegung. Nach dem eigenen Office in Paris folgte eines in Zürich und seit letztem Jahr das neueste im mallorquinischen Städtchen Santanyi.

Nur dann und wann ist Kritik zu hören. Sogar die ist leise. Sie sei zu brav, ihr Stil zuweilen langweilig, keine Ecken und Kanten. „Ich werde sicher nie als der hippe Star wahrgenommen. Aber es hilft, dass wir alle dieses Hektische haben im Alltag. Da habe ich schon einen guten Moment erwischt mit meinem Stil. Ein Gegenpol zur schnelllebigen Zeit.“

Die Mutter

So ruhig und zurückhaltend das Bild auch ist, das mit dem Namen Iria Degen einhergeht, auch sie hat Momente, in denen sie aus der Rolle fällt. „Wo ich wirklich manchmal an meine Grenzen gelange, ist bei der Kindererziehung. Erziehung/Beziehung, das ist für mich das Schwierigste. Das schält mich aus meiner Komfortzone und ich versuche ständig, es retrospektiv zu analysieren. Ich glaube, es ist das Beste, was man daraus machen kann: Lernen.“

Zwei Kinder hat sie, einen zehnjährigen Sohn und eine fünfjährige Tochter. Kinder und Karriere sind bei ihr miteinander verwoben, Wohnung und Atelier im selben Haus in Zürich-Höngg. Bis vor kurzem wohnte auch ihr Ex-Mann unter dem selben Dach.

Die Geforderte

„Jetzt bin ich in der wohl anstrengendsten Phase meines Lebens. Ich befinde mich gerade in Scheidung, baue auf Mallorca, ziehe ein Online-Startup auf und möchte gleichzeitig meine Kinder bestmöglich erziehen. Überall Herausforderungen, bei denen ich froh bin, wenn die eine oder andere irgendwann gut über die Bühne gegangen ist. Ich hoffe, ich komme wieder mal in ruhigere Gewässer. Mehr Zeit für mich, das wäre schön.“

Iria Degen, deren Geschäftsmodell es ist, Wohlfühl-Oasen zu erschaffen, fehlt gerade ein Rückzugsort für sich selbst. Aber Ambivalenzen scheinen die Essenz ihres Lebens zu sein. Ruhig und risikofreudig, zurückhaltend und ehrgeizig. Eben doch ziemlich viel Pocahontas.

www.theroomers.com
www.treshermanasmallorca.com

Bilder: Vicki McLeod

 

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Kommentare

  • Leslie Jill Kyra Klaus
    REPLY

    Wow, der erste Beitrag, den ich von Dir lese ich hatte ja keine Ahnung 🙂 Wunderbar geschrieben, ich höre fast Deine angenehme Stimme dabei und kann mir genau vorstellen, was Du beschreibst!
    Enhorabuena Anna, ich freu mich für Dich! Du hast einen neuen Fan für Deinen Blog 😉 Fühl Dich gedrückt,
    Deine Leslie

    1. Februar 2018
  • peter herzog
    REPLY

    was für ein spannender und authentischer bericht! schön, gibt’s solche reportagen noch, auch wenn der aktuelle präsident der vermeintlichen super-macht alles zudröhnt…. tolle frau, höchste professionalität und einfach interessant und inspirierend, mit iria zu arbeiten. weiterhin viel spass, bei designen und schreiben!

    2. Februar 2018

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