Juwelen finden

Ich werde häufig gefragt, wie ich meine Interviewpartner finde, die «alle so eine spannende Geschichte haben». Die kurze Antwort ist: Zufall.

Für die ausführliche Antwort darauf möchte ich aber gerne etwas ausholen:

Die langen Schulferien sind vorbei, das Alltagsleben hat die meisten wieder. Zumindest geht es den Eltern unter uns so. Die fünf Wochen Sommerferien, die wir in der Schweiz haben, sind – so lange sie an manchen Tagen, an denen man das leicht quengelnde «Was können wir denn noch spielen?» der Kinder nicht mehr hören mag, auch wirken können – ziemlich kurz, wenn man vergleicht, wie viele Wochen, ja Monate, unsere Nachbarländer im Sommer ihre Schultore schliessen.

Meist hat dies einen simplen Grund: Es ist schlicht zu heiss, als dass in den Kinderköpfen etwas anderes Platz hätte als der Gedanke nach dem nächsten Eis, das sich in Sekunden in eine klebrige Flüssigkeit verwandelt, die zwischen den Fingern und an den Fingern entlang aufs Kleidchen tropft.

Im letzten Sommer, den wir auf Mallorca verbrachten, waren es ganze zweieinhalb Monate, die die Kinder schulfrei verbrachten. Wer arbeitet, der hat davor einen ausgedehnten Organisationparcours zu durchlaufen. Das geht dann so: Das eine Kind besucht während einer Woche einen Reitkurs, das andere absolviert alle zwei Tage ein Fussballtraining, das dritte fährt drei Wochen nach Schottland für einen Sprachaufenthalt. Bleiben immer noch gut zwei Monate.

Während dieser Zeit kann man das Haus tagsüber kaum verlassen, da die Sonne gnadenlos brennt und da auch eine extradicke Schicht Sonnencrème kaum reicht, die empfindliche Kinderhaut zu schützen. Abgesehen davon, dass auf Mallorca im Sommer die schönen Strände mit Handtüchern komplett abgedeckt sind und man das Wasser kaum erreicht. Nö, Spass geht anders.

Bei der Sommerhitze Mallorcas zieht es alle ans, ins oder aufs Wasser.

Vom Suchen…

In diesem letzten Sommer, als ich von A nach B nach C fuhr, um die Kinder zur zeitlich begrenzten Ablenkung zu fahren, kam mir die Idee für mein Online-Magazin. Einerseits, weil mir auch auf der Insel regelmässig aussergewöhnliche Menschen über den Weg liefen – die Schweizer Innenarchitektin Iria Degen, der deutsche Weinbauer Frank Marucchia, der mallorquinische Maler Pablo Bujosa (auf den Namen klicken, um direkt zum entsprechenden Artikel zu kommen) -, andererseits weil meine Lebensleidenschaft (wenn ich dies mal so pompös ausdrücken darf) das Schreiben ist. Seit ich 11 Jahre alt war, wollte ich immer nur schreiben und habe dies hauptberuflich beim Radio und Fernsehen eher vernachlässigt.

So publizierte ich die ersten drei Porträts für mein Magazin, jeder weitere Monat war gefüllt, bevor ich überhaupt dazu kam, aktiv suchen zu müssen.

Innenarchitektin Iria Degen mit Anna Maier in ihrem Interior-Geschäft in Santanyi, Mallorca.

… und Finden

Das neueste Interview mit dem Sternekoch Andrew Fairlie ist ebenfalls auf eine fast wundersame Weise entstanden: Wir waren gerade im Urlaub in Schottland und hatten als Höhepunkt für den letzten Abend einen Tisch gebucht in Schottlands bestem Restaurant, seit 12 Jahren in Folge (!) mit zwei Michelin-Sternen ausgezeichnet, dem «Andrew Fairlie», benannt nach seinem Sternekoch. Noch bevor wir zur Reise aufbrachen, fragte ich an, ob ich bei dieser Gelegenheit mit dem Chef ein Interview machen könnte.

Während drei Wochen erhielt ich keine Antwort und hatte es schon fast vergessen, als es mir kurz vor dem Abflug wieder einfiel und ich nachhakte. Prompt kam der Bescheid, dass es vermutlich nicht klappen würde, da Andrew Fairlie in seine wohlverdienten Jahresferien mit der Familie verreist sei. Falls sich die Pläne ändern würde, gäbe man mir Bescheid. Für mich war die Sache somit erledigt.

Zwei Tage, bevor wir zu Gast waren, kam plötzlich eine E-Mail, dass Fairlie zurück sei und mich gerne treffen würde. An unserem allerletzten Ferientag. Da ich nicht mehr damit gerechnet hatte, wusste ich nichts über den Koch, von dem manche Gourmets sagen, er sei der beste in ganz Grossbritannien. Was, wenn er total langweilig wäre? Ich setzte mich hin und begann zu recherchieren.

Von Zufall…

In einfachen Verhältnissen aufgewachsen, als Kind für die Geschwister gekocht, weil die Eltern beide berufstätig waren, Tellerwäscher, irgendwie in den Beruf als Koch «reingerutscht» und mit 20 die erste Auszeichnung erhalten und unzählige Essfreunde beglückt. Seit 35 Jahren seiner Leidenschaft treu geblieben, er sagt heute noch, dass es ihm nichts ausmache, dass Kochen sehr viel mit wiederkehrenden Arbeiten zu tun hat: «Man muss sich bewusst sein, dass man eine Perfektion nur erreichen kann, in dem man eine Sache wieder und wieder tut. Auch wenn das heisst, dass man kiloweise Orangen schält. Mich hat das nie gelangweilt.»

Dann las ich in einigen Artikeln, dass Andrew Fairlie mit Anfang 40 einen Hirntumor diagnostiziert erhielt. Und er trotz Chemotherapie diese unterbrach, um den Kilimandscharo zu besteigen: «Weil ich es versprochen hatte. Es ging um eine Charity.» Dieser Mann und sein Leben begannen mich zu interessieren. Ich las und las. Da war ich zufällig auf ein Juwel gestossen (und genau so geht es mir sehr häufig bei der Recherche, da ich der Überzeugung bin, dass jeder Mensch eine spannende Geschichte zu erzählen hat, man muss sie nur entdecken.).

… oder Schicksal?

Wie funkelnd das Juwel war, sollte ich aber erst beim Gespräch erfahren. Als ich – gut vorbereitet und trotzdem etwas nervös – auf den Maestro wartete, erschrak ich zuerst. Der Grund war, dass Fairlie bei unserer Begegnung einen leichten epileptischen Anfall hatte. Im Verlaufe des Gesprächs erfuhr ich, dass er täglich bis zu 40 (!) solche haben kann.

Vielleicht auch, weil ich ihm von meiner eigenen Krankheitsgeschichte (dem eingeklemmten Nerv und den darauf folgenden drei Operationen meiner Diskushernien an der Halswirbelsäule) erzählte, hatten wir an diesem Nachmittag im menschenleeren Restaurant sitzend ein Gespräch, das mich ganz tief berührte. Da sass ein Mensch vor mir, der mir so offen und authentisch sein Leben schilderte, sein Schicksal, dass ich gerührt war von seinem Vertrauen. Eine schöne Seele, ich kann es nicht anders ausdrücken.

Andrew Fairlie im Gespräch mit Anna Maier vor dem Gleneagles-Hotel, in dem sich sein Sternerestaurant befindet.

Mit dem Herzen…

Endgültig die Tränen in die Augen trieb mir eine kleine Szene nach dem Gespräch. Ich erklärte Andrew Fairlie, dass ich für den Abend meine 17jährige Tochter im nahegelegenen Sommercamp abholen würde, um mit ihr bei ihm zu essen. Was ich ihr denn empfehlen könne, er hätte ja auch Töchter, die seien in diesem Alter ja manchmal nicht ganz so offen für kulinarische Exkursionen… Es war mir zugegebenermassen etwas peinlich, ihm, dem viel gerühmten Sternekoch, Inhaber des einzigen Restaurant Schottlands mit zwei Guide-Michelin-Sternen, diese Frage zu stellen.

Und seine Antwort? Er stellte eine Gegenfrage: «Was würdest du ihr denn kochen, wenn sie heute nach Hause käme?» – «Spaghetti Bolognese, wie immer, wenn wir aus den Ferien zurückkehren.» – «Dann werde ich diese für sie zubereiten. Du scheinst deine Tochter sehr zu lieben. Sie wird hier eine gute Zeit haben.»

Der Kellner, der diese kleine Unterhaltung mitgekriegt hatte, scherzte: «Das werden wohl die weltbesten Spaghetti werden!» Und er sollte Recht behalten.

Während ich am Abend dinierte und mir in ungefähr sechs Gängen Fairlies Köstlichkeiten auf der Zunge zergehen liess, drehte meine Tochter ihre Spaghetti und bemerkte nicht die verwunderten Blicke der anderen Gäste, die dieses Gericht nirgends auf der Karte entdeckten.

Die Spaghetti standen nicht im Menü und auch nicht auf der Rechnung. Das ist Andrew Fairlie.

Und dies ist nur eine der Begebenheiten, wie ich – Zufall oder Schicksal – immer wieder auf aussergewöhnliche Menschen treffe. Und ich bin dankbar über meinen Beruf, der es mir ermöglicht, über genau solche zu schreiben.

… und mit den Augen

Seit einiger Zeit fotografiere ich die Porträtierten auch selbst. Auch wenn ich zugegebenermassen sehr gerne mit Fotografen arbeite – meistens waren es bisher Fotografinnen, ganz tolle Frauen, die ihr Fach ausgezeichnet beherrschen -, da ich mich dann auf das Zuhören und Schreiben konzentrieren kann, gibt es mir eine grössere Flexibilität, aber auch Intimität, wenn ich die Bilder selber schiesse.

Der Grund ist ein simpler: Die Atmosphäre eines Zweiergesprächs ist nicht zu toppen. Gerade für die Art von Gesprächen, wie ich sie führe, hilft ein möglichst kleines Team enorm, um keine künstliche Wand zwischen dem Gesprächspartner und mir zu errichten.

Schreibt mir! Ich freue mich über jedes Feedback: Zu den Bildern, zu den Interviews, aber auch mit Vorschlägen für Menschen, von denen ihr findet, dass Sie ganz dringend mal zu Wort kommen sollten.

Die Anna

Bilder: Anna Maier / Vicki McLeod

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1. August 2018
„Nein, ich will nicht Bundesrat werden.“ Walter Thurnherr, 55, Bundeskanzler
31. August 2018
„Wir Köche sind sensible Wesen. Kritik kann uns zerstören.“ Andrew Fairlie, Sternekoch, 54

Kommentare

  • Beat Merki
    REPLY

    Ich denke, ja bin mir sicher, dass es nicht nur Zufall ist, dass Du immer wieder solche Menschen findest über die Du dann so interessante und berührende Geschichten schreibst, sondern dass es zeigt, dass Du einfach das Gespür hast für die Menschen und so auch immer wieder Leute treffen kannst mit ihren bewegenden Lebensgeschichten.
    Es ist sehr gut, dass Du Dich entschieden hast dieses online Magazin ins Leben zu rufen und damit uns so viele neue, interessante und berührende Geschichten näher bringst. Danke Anna für Dein „kein Hochglanzmagazin“. Ich freue mich jetzt schon auf neue Berichte in Deinem Magazin.
    Liebe Grüsse
    Beat

    31. August 2018
  • Silvana
    REPLY

    Danke Anna, für Dein Berichte und dass es Dein Online Magazin gibt!!
    Einfach wundervoll.
    Silvana

    31. August 2018
  • Regula
    REPLY

    Danke für deine tollen Berichte✨
    Geschichten die aus dem Nichts passieren, kann man als Zufall, Glück oder als „die Besten“ bezeichnen.
    So gesehen, bin ich durch Zufall dabei, etwas vom Besten (denn das Beste sind meine Kids und mein Mann) mit viel Glück aufbauen zu dürfen.
    Eben……….Geschichten die das Leben schrieb💞✨
    AnLu

    23. Oktober 2018

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