„Für die Freiheit war ich bereit, mein Leben zu opfern.“ Leslie Mandoki, Musikproduzent

22jährig flüchtete er aus dem damals kommunistischen Ungarn nach Deutschland. Heute ist Leslie Mandoki, 65, sowohl mit dem ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán als auch mit der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel verbunden und agiert als Brückenbauer. In der Politik wie auf der Bühne.

Er ist der Antityp des androgynen Wesens. Er ist vielmehr der Inbegriff des archaischen Mannes, wenn er vor einem steht mit seiner Mähne und dem düsteren Blick.

Kennengelernt habe ich ihn, es muss ein Jahrzehnt her sein, auf der Berlinale. Ich sass im Abendkleid an einem Tisch voller Männer. Es gibt Frauen, die mögen es, alleine an Anlässe zu gehen und ich bewundere diese. Mir war nicht ganz wohl, zumal Berlin nicht mein Revier ist und der Stuhl neben mir unbesetzt war.

Von der dramatischen Flucht zur Popband.

Ständig schielte ich zum Eingang des Saales um auszumachen, wer hier wohl zu sitzen kommen würde. Die Tür ging auf und er stand da. Mir war sofort klar, dass der Stuhl neben mir ihm gehören musste.

Ich wusste damals nicht, was für eine bewegte Geschichte Leslie Mandoki hat. Dass er als László Mándoki in Budapest zur Welt kam, als Student Mitglied der Opposition war, 17-mal verhaftet wurde, ehe er 1975 vor der kommunistischen Regierung flüchtete, in einer lebensgefährlichen Nacht- und Nebelaktion durch einen Eisenbahntunnel.

Dass er vier Jahre später mit der Band Dschinghis Khan und dem gleichnamigen Titel für Deutschland Platz 4 belegte am Eurovision Song Contest und die Truppe danach veritable Erfolge feierte und Spitzenpositionen in den Charts belegte, in Deutschland, in der Sowjetunion, in Japan, Australien und Israel.

Die von Ralph Siegel produzierte Band ist aus heutiger Sicht eher eine lästige Pop-Episode für den am Musikkonservatorium Budapest ausgebildeten Mandoki.

Das alles wusste ich nicht, als er sich damals auf der Berlinale neben mich setzte. Auch nicht, dass er als Produzent Phil Collins, Lionel Richie, Chaka Khan in seinem Studio hatte, Musiker, mit deren Bilder seine Studiowände geradezu tapeziert sind. Heute steht er zusammen mit klingenden Namen des Jazz und Rock als „ManDoki Soulmates“ auf internationalen Bühnen.

Eine raue Kulisse, die zu ihm passt.

Er ist ständig unterwegs und es ist eine Herausforderung, einen Gesprächstermin mit ihm zu finden. Nach einigem Hin- und Her treffen wir uns bei seinem Studio in Tutzing, am Starnberger See. Hier wohnt er auch, seit Jahrzehnten, direkt neben seinem Lebensfreund, dem Musiker Peter Maffay.

Mit seiner Frau, einer Ärztin, zog Mandoki hier drei inzwischen erwachsene Kinder auf. Sie alle stehen auch auf der Bühne: Lara als Schauspielerin, Julia als Sängerin und sein Sohn Gabor als Musiker und Co-Produzent einiger der Shows seines Vaters.

Die schwarzen Wolken hängen tief über dem Wasser, eine raue Kulisse. Die Szenerie passt zu diesem Mann. Und zu unserem Gespräch.

Er lebt radikal intensiv.

Anna Maier: „Ich lebe radikal intensiv“, ist deine häufigste Antwort, wenn man dich fragt, wie es dir geht. Wann hast du Momente der Ruhe? Gibt es einen ruhigen Leslie Mandoki?

Leslie Mandoki: Ja klar, den gibts. Wenn ich auf meinem See segle oder wenn ich mit dem Kanu rausfahre, das sind die ganz ruhigen Momente. Im Studio nicht, da sind teilweise 25 Leute um mich herum, von früh bis spät, hier über Ruhe zu sprechen wäre vermessen. Aber draussen auf dem See, da finde ich sie, meistens sehr, sehr früh, um fünf Uhr zum Sonnenaufgang, oder spät abends, bei Wind und Wetter, auch im Winter. Das ist schon schön, wenn Schnee liegt und am Bootshaus Eiszapfen hängen.

Teilst du diese Momente auch mit jemandem oder musst du dann alleine sein?

Sagen wir es mal so: Als die Kinder noch nicht erwachsen waren, da habe ich diese Zeit gerne mit ihnen geteilt. Ich hab sie dann auch mal in der Früh mit dem Kanu zum Gymnasium oder zur Vorschule gepaddelt. Heute habe ich als Rückzugsort eine Wohnung in meiner Geburtsstadt Budapest. Da kann ich runterfahren, das ist herrlich. Ich mag es, Menschen zu beobachten, einfach auf der Strasse zu gehen und Eindrücke aufzusaugen, das gibt mir Ruhe. Ich liebe es, wenn ich in Städten bin, in denen ich mich zu Hause fühle.

Du warst ein politischer Flüchtling, bist unter abenteuerlichen Umständen aus Ungarn geflohen, fast ums Leben gekommen. Was hat es für dich gebraucht, dass du dich in Budapest wieder zu Hause fühlen konntest?

Den Fall der Diktatur. Ich wollte nicht zurück, bis die Diktatur mit all seinen menschlichen und strukturellen Spuren verschwunden ist. Auch wenn in der Stadt die Spuren des Krieges und der 56ger-Revolution des Volkes immer spürbar sein werden.

„Ich war bereit, für die Freiheit mein Leben zu opfern.“

Vor drei Jahren war ich mit meinen drei Kindern in Budapest und wir haben unsere Wohnung eingerichtet. Die liegt im Zentrum des alten Teils der Stadt. Auf einer Wand war das Titelbild des Time Magazine von 1956 in riesiger Größe aufgemalt, also auf 20 mal 10 Meter: „The Man of the Year“, ein Budapester Junge, ein Student, der gegen den Kommunismus gekämpft hatte.

Das war so ein Moment, in dem ich gespürt habe, dass meine Kinder gar nicht verstehen können, wie Menschen in ihrem Alter dermaßen die Sehnsucht nach Freiheit hatten, dass sie bereit waren, ihr Leben zu opfern.

Mein Sohn hatte gerade sein erstes Diplom hinter sich und ich sagte zu ihm: „Okay, wir machen jetzt einen Dokumentarfilm, auf den Spuren deiner Grossväter.“ Da bin ich mit ihm zuerst nach Moskau gefahren zu Michail Gorbatschow, dem früheren Staatspräsidenten der Sowjetunion, und habe ihn und viele weitere interessante Persönlichkeiten und Zeitzeugen, die noch leben, Geschichtsgelehrte und Historiker, zu dem Thema befragt.

Danach habe ich in allen möglichen Staatsarchiven, inklusive dem amerikanischen, nach Dokumenten über den ungarischen Volksaufstand gesucht. Am Schluss hatte ich Unmengen an Material zusammen. Daraus entstand mein Buch „Sehnsucht nach Freiheit“ und der dazugehörige Dokumentarfilm.

„Wie vermitteln wir der Facebook-Generation die Sehnsucht nach Freiheit?“

Du hast dieses Zeitdokument gemacht wegen deinen Kindern, damit diesen die Geschichte deiner Heimat erklärt wird?

Meine Kinder kennen natürlich die geschichtlichen Zusammenhänge. Mir ging es vielmehr um die wichtige Frage: Wie können wir sie der Facebook-Generation vermitteln, diese Sehnsucht nach Freiheit, welche damals 22jährige wie mich dazu gebracht hat, unter Lebensbedrohung zu flüchten?

Für unsere Kinder ist Freiheit wie Brot oder Wasser, einfach selbstverständlich. Ich frage mich aber, wenn wir uns die derzeitigen Entwicklungen in Europa anschauen, ob diese Selbstverständlichkeit nicht automatisch dazu führt, dass die Freiheit in Gefahr gerät.

„Ich kenne die Position eines illegalen Einwanderers.“

Ich glaube, dass wir momentan eine Zeit erleben, in der Europa neu aufgesetzt wird.

Da bin ich einverstanden. Geradezu tragisch sind für mich zwei Aspekte: Der eine ist, dass wir Mitteleuropäer, oder im Speziellen auch wir Deutschen, eine Scheu haben, unseren Wertekanon, der sich nach der Schreckensherrschaft der Nazis herauskristallisiert hat, zu vermitteln, geschweige denn, ihn zu verteidigen oder einfach normal zu formulieren: „Pass auf, bei uns sind Frauen gleichberechtigt. Sie sind Ärztinnen, Lektorinnen und Unternehmerinnen. Wir tolerieren weder Multi-Ehen noch verheiraten wir unsere Kinder, wir dulden keine Homophobie und keinen Antisemitismus, und Religionsfreiheit ist eine Selbstverständlichkeit.“

Unsere Trennung von Staat und Religion, das ist ein unfassbarer Wert. Es kann nicht sein, dass Menschen aus humanitären Erwägungen Zuflucht kriegen, aber wir selber versagen dann, diesen einen verbindlichen Wertekodex zu vermitteln.

Gehst du anders an diese ganze Thematik heran, weil du eben auch ein ehemaliger Flüchtling bist?

Ja, natürlich. Ich kenne die Position eines illegalen Einwanderers und eines Asylsuchenden. Mit 22 Jahren hab ich das Asylverfahren quasi von innen kennengelernt, die Einbürgerung, die gesamten Stationen. Und ich bin sehr dankbar für die offene, tolerante, offensichtlich durchlässige Gesellschaft, die ich vorfand. Gerade darum möchte ich diese so beibehalten.

„Die Bundeskanzlerin kennt meine Meinung.“

Ich bin überhaupt nicht kritisch gegenüber den Menschen, die zu uns kommen und eine andere Kultur und Wertvorstellung haben. Ich bin kritisch gegenüber unserem eigenen Verhalten, auch mir selbst gegenüber. Ich könnte noch viel mehr Brückenbauer sein.

Du bist mit der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel freundschaftlich verbunden. Sagst du ihr auch, was deiner Meinung nach politisch anders laufen müsste?

Es ist so, dass Schlüsselpersönlichkeiten in der Union und ich einen Austausch haben und wir über vieles diskutieren. Ich würde mir als Künstler niemals anmaßen, ihnen Ratschläge zu geben, aber jeder kennt meine Meinung, auch die Bundeskanzlerin. Ich äußere meine Sicht der Dinge immer und überall deutlich.

Ich ziehe auch Vergleiche zwischen den beiden Nationen, denen ich kulturell verbunden bin.

Zwischen diesen beiden Nationen gibt es aber krasse Unterschiede: Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán gilt in Sachen Flüchtlingspolitik als Hardliner und als Gegenspieler zur deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel. Wie stehst du dazu?

Mir fehlt ein europäischer Integrationskodex. Eigentlich müssten doch die 28 Mitgliedsstaaten der Europäischen Union einen allgemein verbindlichen Integrationskodex unterzeichnen, wie wir mit unseren Einwanderern umgehen.

Ungarn tut meines Erachtens gegenwärtig nichts anderes, auch wenn dies zu kommunizieren anstößig klingen mag, als das europäische Völkerrecht einzuhalten. Denn das Schengener Abkommen besagt, dass derjenige, der eine Außengrenze hat, diese schützen muss. Ungarn hat nun mal eine Außengrenze, die Bundesrepublik hat keine. Ergo muss eine Situation geschaffen werden, dass – nicht so wie ich damals nach Deutschland flüchten konnte, als illegaler Einwanderer – jemand registriert werden muss.

„Es ist immer besser zu diskutieren und zu streiten, als gar nicht zu kommunizieren.“

Kannst du Ungarn wirklich kritisch betrachten?

Ich sage es mal so: Ich bin absolut kritisch in jede Richtung. Was ich aber nicht unterstützen kann, was ich ablehne ist, dass man Brücken abbricht.

Viktor Orbán war kürzlich hier bei dir in Tutzing. Wie kam es dazu?

Es hat sich ergeben, dass er in Bayern war und dann hat er gesagt, ich würde dich ganz gerne mal besuchen.

Viktor Orbán hat dich angerufen und gefragt, ob er dich besuchen darf?

Nicht, ob er darf. Er meinte: „Wie wär’s, wenn du ein paar deutsche Intellektuelle einladen würdest, ich würde gerne die deutsche Seele besser verstehen.“ Und ich finde, genau das ist der richtige Ansatz. Er sagte: „Es wäre wahnsinnig interessant, bei dir zu Hause einen Abend zu verbringen, wo man mit deutschen Intellektuellen diskutiert, für ein besseres gegenseitiges Verständnis.“ Und das haben wir dann gemacht.

Wer war da? 

Die Elite des Landes. Da wurde im geschützten Rahmen ausgetauscht. Wir müssen diese Foren schaffen, weil es immer besser ist zu diskutieren und zu streiten über eine bessere Welt, als gar nicht zu kommunizieren. Und deshalb fand ich es auch gut, klug und zukunftsweisend von Viktor Orbán, mich zu bitten, Intellektuelle – auch Linksintellektuelle – des Landes an einen spontanen Tisch zu holen und zu fragen: „Okay, wie tickt ein Linksintellektueller in Deutschland und wie denkt ein ungarischer Bildungsbürger?“

Und mit was für einem Fazit ging er da raus, weisst du das?

Weil der Austausch in einem geschützten Rahmen stattfand, konnte er sehr offen geführt werden. Ich hoffe, dass jeder Gast etwas mehr Verständnis für Europa mitgenommen hat.

„Ich wäre nicht so anmassend zu denken, dass meine Meinung wichtig ist.“

Ich finde es bemerkenswert, dass er dich anruft für so ein Treffen, anstatt dass er eine solche Zusammenkunft im politischen Berlin sucht. Woher kennst du ihn denn so gut?

Er ist mal bei einem Konzert zu mir gekommen, backstage. Da haben wir uns kennengelernt. Er sah mich wohl als Bindeglied: Ich lebe seit vielen Jahren in Deutschland und verstehe den Deutschen Standpunkt, ich bin aber auch ein gebürtiger Ungar. Ich verstehe die eine, aber auch die andere Mentalität. Wenn ich in Ungarn bin, dann versuche ich, die deutsche Seele zu vermitteln. Wenn ich hier in Deutschland bin, versuche ich die ungarische Seele zu vermitteln.

Wie wichtig findest du es, dass Künstler, die viele Menschen erreichen, eine politische Haltung zeigen?

Ich wäre nicht so anmaßend zu denken, dass meine Meinung wichtig ist, wichtig ist für mich meine Musik. Wir haben gerade in New York gespielt, und dort habe ich auch darüber gesprochen, dass es so viele Menschen gibt, die täglich in den sozialen Netzwerken posten, was sie gerade essen, was sie gerade tragen. Ich glaube nicht, dass es jemanden interessiert, was auf meinem Teller liegt. Ich gebe viel Intimeres von meinem Leben preis.

„Unsere Musik ist wie ein handgeschriebener Liebesbrief an unser Publikum.“

Über die Musik?

Über meine Lieder. Die erzählen mehr als 10‘000 Postings. Natürlich haben Künstler auch ein gewisses Sendungsbewusstsein. Ich versuche meine Musik zu spielen und damit etwas zu bewirken, auch wenn Popmusik ja häufig mehr wie eine kurze SMS wahrgenommen wird. Meine Bedingung an meine Musik ist die, dass sie eher wie ein handgeschriebener Liebesbrief an unser Publikum wirken soll.

Du machst seit Jahrzehnten Musik, arbeitest mit den wichtigsten zeitgenössischen Künstlern zusammen, bist mit europäischen Politikern per du. Machst Filme, schreibst Bücher. Du wirkst unerschrocken und wie jemand, der einfach mal macht. Ist deine Devise im Leben: „Alles ist möglich!“?

In gewisser Weise, ja. In New York, bei unserem letzten Konzert, gab es Standing Ovation. Da hatte ich Freudentränen in den Augen, ich war tief gerührt. Das ist ein wunderschöner Moment der Anerkennung. Und ich empfinde das nicht als selbstverständlich. Tu ich nie.

ManDoki Soulmates auf der Bühne des Beacon Theatre NY. Quelle: www.mandoki-soulmates.com

„Du führst nur die Verlierer an.“

Ich wuchs in Ungarn auf während der Diktatur und mein Vater sagte immer zu mir: „Junge, die einzige Möglichkeit, diese Diktatur zu bekämpfen, ist Bildung.“ Er hatte eine klare Erwartungshaltung formuliert, dass ich der jahrgangsbeste Schüler sein soll. Das war so eine Art Selbstverständlichkeit. In der vierten Klasse war ich dann nur noch der Zweitbeste. Das hat ihn tief getroffen. Ich habe gesagt: „Vater, von 170 Schülern bin ich die Nummer zwei!“ Da antwortete er: „Nein. Du führst nur die Verlierer an.“

Ein Psychologe oder Psychoanalytiker würde vielleicht sagen: „Was für ein armer Mensch dieser Mandoki, was für ein schrecklicher Vater.“ Ich verehre meinen Vater, er war eine großartige Persönlichkeit, und er war nicht schrecklich, sondern es war ihm sehr bewusst, dass der Diktatur nur durch Bildung zu entkommen ist.

„Meine Kinder sollten nie zensierte Zeitungen lesen müssen.“

Er starb an Krebs als ich 16 war, das war der dunkelste Moment meines Lebens. Und am Sterbebett sagte er zu mir: „Sohn, das schlimmste daran, dass ich jetzt gehen muss, ist, dass ich meine Enkelkinder nicht mehr kennenlernen werde. Aber du musst mir eines versprechen: Meine Enkel werden nie zensierte Zeitungen lesen.“ Da habe ich gesagt: „Aber Vater, da ist der eiserne Vorhang…“ Und er erwiderte: „Nee, nee, das ist nichts für dich, finde deinen Weg und lebe deine Träume und träume nicht dein Leben.“

Und das war dann mein Leitsatz: „Dreams can only fly on the wings of freedom.“ Und deshalb: Was ist schon Erfolg, wenn nicht, dass man in Freiheit lebt? Und dass man sich entfalten kann. Ich habe Vorstellungen, die ich durchaus als Visionen bezeichnen würde, und dann versuche ich, die Kraft zu entwickeln, sie auch wahr werden zu lassen.

„Wie ist es hier mit den freien Medien?“

Aber wie ist es denn für dich, wenn dein Vater sagt, er möchte, dass die Enkelkinder nicht mit zensierten Zeitungen aufwachsen und in Ungarn, in deinem Heimatland, wird aber doch Zensur betrieben?

Einfach mal vorab: Mein Heimatland ist jetzt Bayern. Ungarn ist mein Geburtsland. Ich fühle im Herzen ungarisch, da komm ich her, fühle mich der Kultur und meiner Muttersprache verbunden. Aber zu Hause bin ich in Bayern, hier habe ich den grössten Grad an Identifikation.

Ich weiß, dass es im Westen eine verbreitete Annahme ist, dass in Ungarn Zensur betrieben wird. Aber gerade, weil das Thema in meiner Lebensgeschichte einen prägenden Stellenwert einnimmt, bin ich dem hinterhergegangen.

Ich besuchte einen deutschen Journalisten, der in Budapest lebt, Jan Mainka, ein ehemaliger DDR-Bürger, der 1989 in Budapest blieb und sich dort verliebte, während er auf die Öffnung der Grenzen wartete. Er hat eine Budapester Zeitung gegründet. Ich habe gefragt: „Jan, wie ist das? Du lebst hier seit 1989, wie ist es hier mit freien Medien?“ Seine Antwort war: „Es gibt keine Zensur.“ Und er hat mir das durchdekliniert.

Da bin ich am Abend ins Hotel gegangen und habe dort meine Süddeutsche Zeitung, die ich noch aus München mitgebracht hatte, gelesen. Und da stand zufälligerweise an dem Tag, wieder mal, dass in Ungarn die Medien nicht frei wären und es kein freies Fernsehen mehr gibt. Dann war ich also da im Hotel und hab rumgezappt.

„Freie Medien sind eine wichtige Säule der Demokratie.“

Ich blieb hängen bei RTL Klub, dem größten privaten Fernsehsender Ungarns: Die Nachtnachrichten waren voller Kritik an Orbán. Beim Weiterschalten sah ich die News auf ATV, das war der erste private TV-Sender Ungarns: Fast die gesamte Sendung bestand aus kritischer Berichterstattung über die Regierung und das selbe Bild zeigte sich beim Nachrichtensender HIR TV.

Am nächsten Tag auf dem Weg nach Hause, in der Senator-Lounge, lagen da insgesamt neun Tageszeitungen. Und alle neun, ich habe das erstaunt zur Kenntnis genommen, haben auf den Titelseiten verbal auf den Ministerpräsidenten eingeprügelt. Das war vor einem Jahr. Ich habe mich gefragt: Wenn es eine Zensurbehörde gäbe, dann wäre das alles doch nicht da?

Aber wir lesen über das Mediengesetz in Ungarn, das den Behörden erlaubt, Sender, Zeitungen und Online-Portale zu kontrollieren und zu bestrafen. Wir erhalten die Information, dass regierungskritische Medien mundtot gemacht werden. Und du sagst nun, du hast vor Ort überhaupt keine Zensur erlebt. Wie erklärst du dir das?

Freiheit und absolut freie Medien sind für mich ein Lebensthema und eine der wichtigsten Säulen der Demokratie. Und, ergo, ist ein kritischer Journalismus für mich eine Selbstverständlichkeit. Vor 25 Jahren gab es schätzungsweise so um die 20 deutsche Journalisten, die aus Budapest berichtet haben für die Süddeutsche, FAZ, die Zeit, Spiegel, Stern, Focus. Davon gibt es meines Wissens keinen einzigen mehr. Warum nicht?

„Ich bin immer noch so idealistisch, wie ich es mit 16 war.“

Du hast eine politische Haltung, machst Aussagen, mit denen du mit Sicherheit aneckst. Bist das Gegenbild zum gecasteten Posterboy. Und trotzdem stehst du dann auf den großen Bühnen, kriegst Standing Ovation. Wie geht das?

Ich glaube, das ist der Hunger der Menschen nach Ehrlichkeit und nach Authentizität. Ich sage auf der Bühne oft: Ich kenne die Wahrheit nicht. Aber ich bin ehrlich. Und ich sage, was ich meine und das sehen viele als Integritätsbekenntnis.

Warum funktioniert es bei dir und bei so vielen anderen nicht?

Vielleicht ist es die Unangepasstheit, die Rebellion im Herzen. Dass ich immer noch so idealistisch bin, wie ich es mit 16 war. Natürlich habe ich Pendelschläge im Leben, aber ich habe versucht, meine Mitte zu wahren. Und vor allem habe ich unfassbare Demut vor meinem Publikum. Ich könnte mich bei jedem einzelnen zutiefst demütig bedanken, dass sie mich in ihr Leben lassen. Die Liebe unseres Publikums ist aber auch eine Verpflichtung. Das bedeutet Verantwortung.

Inwiefern?

Mein Leben hat mir eine grosse Chance geboten, gesellschaftliche Dynamik, Prozesse in der Gesellschaft, von der ersten Reihe aus beobachten zu können. In dem sich Ministerpräsidenten bei mir an meinen Dinnertisch setzen, mit Entscheidungsträgern aus Industrie und Medien.

Ich habe die Ehre, das Privileg, gehabt, mit Lionel Richie bis Phil Collins zu arbeiten, sie hier bei mir zu haben. Ich habe für mich formuliert, dass ich es meinem Publikum schulde, all das, was ich dadurch lerne, über meine Haltung und meine Musik zurückzugeben.

„Ich habe noch 40 Jahre eingeplant!“

Du bist 65 geworden, kein bisschen leise, wirst eigentlich immer lauter. Einen pensionierten Leslie Mandoki wird es nie geben, oder?

Wovon redest du denn? Also es ist so, nach einem Viereinhalb-Stunden-Konzert …

… würdest du dich am liebsten zur Ruhe setzen?

Nein, nein, nein. Das einzige Problem, das ich nach viereinhalb Stunden Konzert habe, dass ich eigentlich so viel Testosteron in mir spüre, dass ich gern gleich nochmals von vorne anfangen würde.

Wirst du auf der Bühne sterben? Wäre das ein schöner Gedanke?

Quatsch. Also ich habe noch 40 Jahre eingeplant. Ich habe immer wild gelebt und ich bin noch nie ernsthaft krank gewesen. Das Schicksal, der liebe Gott, Karl Marx oder wer auch immer dafür zuständig ist, der hat es gut mit mir gemeint. Auch meine Großeltern sind beide alt geworden. Insofern habe ich die Hoffnung, dass dieses radikal-intensive Tempo mich auch gar nicht erst rosten lässt.

Nix mit Golf spielen (lacht)?

Nein, dafür hab ich keine Zeit, nach einem Projekt kommt immer das nächste, mir fallen immer Dinge ein, die ich machen möchte, ich arbeite jetzt gerade an zwei Filmen und Filmmusik und unzähligen spannenden Sachen.

„Mein Aussehen entstand aus Rebellion.“

Was hat es eigentlich mit deinen langen Haaren und dem Schnauzbart auf sich? Was müsste passieren, damit du sagen würdest, du würdest dieses Aussehen ändern? Ist das deine Art von Rebellion?

Gewesen natürlich, weil bis zum Abitur durften wir keine langen Haare haben und auch keinen Schnauzbart. Jede Woche wurden die Haare gemessen, sie durften nicht über der Norm sein. Das war natürlich eine Rebellion nach dem Abitur, die Haare wachsen zu lassen. Das ist dann auch so geblieben.

Bleibt das so, für immer?

Ich wüsste nicht, warum nicht. Ich hab meinen Schnurrbart nie abrasiert. Ich weiß gar nicht, wie das geht.

www.mandoki-soulmates.com

Text: Anna Maier

Bilder: Jessica Kassner

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