„Ich habe Dinge gesehen, über die ich nicht mal sprechen kann.“ Martin Lount, 50, Hotelmanager

Was verschlägt einen Mann, der als Koch sowohl in Londons besten Restaurants als auch in Krisen- und Kriegsgebieten dieser Welt im Einsatz war, als Hotelmanager auf die Malediven? Vom Ersten Golfkrieg ins Touristenparadies – ein Gespräch über Kulturschocks, Krisen und ewiges Davonrennen.

Wie überlebt er diese vordergründig perfekte Hochglanzwelt?

Diese Frage habe ich mir gestellt, als ich plötzlich und völlig unerwartet in den Briten Martin Lount mit dieser extremen Lebensgeschichte reinstolperte.

Mit meiner Familie verbrachte ich eine Woche auf den Malediven, auf einer Insel, die erst seit ein paar Monaten von ihm geführt wird. Ich begann ein unverbindliches Gespräch…

…und fand mich plötzlich mit Aufnahmegerät Mitten in einem Interview wieder. Meine ursprüngliche Frage, wie eine Familie auf Distanz – Lount ist seit über 20 Jahren verheiratet und hat zwei Töchter, die 18 und 20 Jahre alt sind und mit ihrer Mutter in Dubai leben – funktioniert, wurde zwei, drei Sätze später nebensächlich, als er mir von seinem verrückten Leben erzählte.

Nein, einen Menschen, der in so vielen Krisengebieten der Welt gelebt hat, hätte ich im Inselparadies nicht erwartet.

Martin Lount im Gespräch mit Anna Maier

„Mein Vater sagte: «Was soll das denn? Kochen ist was für Mädchen!»“

Anna Maier: Du warst als Koch in den abenteuerlichsten Regionen und Ländern unterwegs. Heute bist du Hotelmanager im Paradies. Was liegt dazwischen?

Martin Lount: Ja, zig Leben habe ich da rein gequetscht… Angefangen habe ich eigentlich als Maschinenbauer. Witzig, oder? Mein Vater war in London in der Maschinenbaubranche tätig und es war sein grosser Wunsch, dass ich mich ihm anschliesse.

Als ich 14 war, besorgte er mir meinen ersten Job in einem Supermarkt, wo ich die Regale auffüllte. Er sagte: «Mein Sohn, im Leben bekommt man nichts geschenkt. An die Arbeit!» So fing ich zu arbeiten an.

Vier Jahre lang habe ich das gemacht. Daneben jobbte ich an einer technischen Fachhochschule und sollte wie mein Vater Ingenieur werden. Eines Tages nahm ich aber all meinen Mut zusammen und sagte ihm: «Das interessiert mich eigentlich gar nicht. Ich möchte Koch werden.»

Wie hat er reagiert?

Na ja… Mein Vater ist ein Mann der alten Schule, ein ehemaliger Soldat, deshalb sagte er: «Was soll das denn? Kochen ist was für Mädchen!» Trotzdem bewarb ich mich ohne seine Zustimmung bei der örtlichen Fachhochschule und wurde überraschend angenommen.

Du hattest vorher noch nie gekocht?

Noch nie! Und ich war auch nicht vorbelastet: Meine Mutter war keine besonders gute Köchin (lacht).

Was denkst du: Warum haben sie dich an dieser Schule angenommen?

Ich hatte damals – im Beisein meines Vaters – ein Aufnahmegespräch mit der Fakultät. Dazu muss ich sagen: Ich war damals ein sehr ruhiger, sehr schüchterner Junge! Ich betrat also den Raum und redete eine Stunde und zwanzig Minuten lang ohne Punkt und Komma. Ich hörte einfach nicht auf zu reden.

Beim Hinausgehen schaute mein Vater mich an und fragte: «Was war denn mit dir los? Wo kam das alles her?» Daraufhin unterstützte er mich dann doch und zwar zu 100 Prozent. Weil er gemerkt hatte, dass ich das einfach unbedingt wollte.

Woher kam diese Begeisterung?

Keine Ahnung. Sie war plötzlich einfach da, und mir war klar: «Ich werde Koch.»

Und es lief wirklich gut. Ich zählte zu den besten Auszubildenden des Jahrgangs. Als ich nach zwei Jahren endlich mein Diplom in der Tasche hatte, zog es mich raus in die Welt. Das bedeutete damals für mich: London.

Es war noch die gute alte Zeit ohne Internet. Man musste zu potentiellen Arbeitgebern hingehen und sich persönlich vorstellen, deshalb klapperte ich etwa zwei Wochen lang die Küchen Londons ab, klopfte an Türen und sagte: «Entschuldigung, kann ich mit dem Küchenchef sprechen? Ich suche einen Job.»

„Ich handelte mir schon am ersten Tag Schwierigkeiten ein.“

Und du fandest keinen, weshalb du ins Ausland gingst?

Nein, ich fand eine Anstellung, noch dazu eine sehr gute beim Claridge’s Hotel in London. Als ich dort beim Hintereingang anklopfte, stiess ich auf einen Gentleman, der zufälligerweise der Küchenchef war, und er sagte: «Ja, okay, ich brauche jemanden.»

Es war eine dieser wirklich alten Küchen. Nicht modern, so wie heute beispielsweise der britische TV-Koch Gordon Ramsey eine Küche führt. Es war wirklich die taffe alte Schule mit verschiedenen Arbeits-Aufteilungen.

Was war deine Aufgabe?

Dazu muss ich kurz ausholen, denn ich handelte mir am ersten Tag gleich schon Schwierigkeiten ein: In unserer Brigade gab es leitende Positionen und verschiedene Commis-Stufen, ich war ein Commis 2.

Der Commis 1 sagte zu mir: «Du machst meinen Platz sauber.» Und ich antwortete: «Nein, du machst deinen Platz selber sauber.» Tja. Am nächsten Tag wurde ich ins Büro des Küchenchefs geordert. Er hat mich buchstäblich zu Hackbraten verarbeitet…

An deinem allerersten Tag?

Ja, am allerersten. Ich bekam meine erste Abreibung, und man sagte mir: «Okay, du musst erst mal ein bisschen Disziplin lernen!» So musste ich – zweieinhalb Monate lang! – Kartoffeln schälen und Gemüse wenden.

Und du hast das auch tatsächlich gemacht?

Ja, ich hatte keine Wahl. Aber es war hart. Weisst du, wenn man als junger Schnösel seinen Abschluss in der Tasche hat, denkt man: «Ich weiss alles. Ich weiss einfach alles.»

„Ich langweile mich sehr schnell sehr stark.“

Warum warst du denn so ein Rebell?

Ich glaube, ich war immer schon ein wenig rebellisch, oder sehr, je nachdem, wen man fragt. Ich langweile mich, wenn alles immer beim Gleichen bleibt und verstehe auch nicht, weshalb gewisse Leute dies als normalen Zustand akzeptieren.

Manchmal muss man doch Dinge ändern! Sei es den Job oder die Branche, das Umfeld oder auch seine eigenen Ziele.

Hast du Angst davor, dich zu langweilen?

Ich hasse den Gedanken an Routine, ich langweile mich sehr schnell sehr stark. Ich suche eigentlich immer nach neuen Herausforderungen, um Abwechslung in den Alltag zu bringen.

Ich denke, dass dies viel mit meinem Vater zu tun hat, der während 26 Jahren in London gelebt und gearbeitet hat. Er stand auf, verliess das Haus immer zur selben Zeit, ging zum Bahnhof, stand jeden Tag immer genau an derselben Stelle, um auf den Zug zu warten. Die Türen gingen auf, er stieg ein und setzte sich täglich auf denselben Platz. Und es nervte ihn, wenn sein Platz schon besetzt war (lacht).

Über all diese Jahre hinweg reiste er mit den immer gleichen fremden Menschen. Sie wurden zusammen alt, und er vermisste sie, wenn sie plötzlich pensioniert oder verstorben waren.

Du wolltest ein anderes Leben.

Oh ja! Ich wollte etwas ganz anderes. Man muss wissen: Mein Vater war 24 Jahre lang beim britischen Militär. Ich wurde in Deutschland geboren, als mein Vater in Berlin stationiert war. Ich spreche zwar kein Deutsch, aber meine Mutter ist Deutsche, aus Berlin. Sie hat uns drei Kinder im selben Krankenhaus, ich glaube sogar alle im gleichen Krankenhausbett geboren.

Mein Vater war also in Deutschland, er war in Malaysia, im Jemen, in Kenia, in Korea, er sah als junger Mann viel von der Welt.

Er war auch ein Reisender?

Oh ja, er war reiste viel! Als Berufssoldat kämpfte er an vielen, vielen Orten und er war ein hervorragender Geschichtenerzähler.

Ich bin aufgewachsen mit seinen Erlebnissen im Dschungel von Malaysia, über das Leben in Deutschland, bevor es die Berliner Mauer gab, in einem gefrorenen Graben an einem koreanischen Hang, auf einem Panzer sitzend mit 10 nepalesischen Gurkhas in Hong Kong und 50’000 chinesischen Soldaten auf dem Festland. Oder auf der Flucht vor Löwen während einer Armeepatrouille in Kenia.

Er hat ein unglaubliches Leben gelebt. Das hat mich tief drin berührt.

„Meine Mutter starb, als ich fünf war.“

Aber was ist passiert, dass er nach seiner Soldatenzeit sein Leben so eintönig gelebt hat?

Vielleicht wollte er bewusst Ruhe in sein Leben bringen.

Mein Vater hatte es nicht einfach: Nachdem er seinen Dienst abgeschlossen und die Armee verlassen hatte, ist meine Mutter an Krebs erkrankt und starb plötzlich. Ich war damals fünf Jahre alt, mein Bruder und meine Schwester waren 13 und 14.

Mein Vater arbeitete zu der Zeit in einem Ingenieurbüro, war allein mit drei Kindern, machte noch eine Weiterbildung und das alles ohne seine Frau. Er arbeitete unermüdlich.

Bemerkenswert. Bis heute weiss ich nicht, wie er damals seinen Master in Maschinenbau in nur zwei Jahren abschliessen konnte. Normalerweise dauert das Studium fünf Jahre – und er arbeitete daneben noch und hatte seine Familie.

Mein Vater ist aussergewöhnlich, auch wenn ich es ihm nicht oft genug sage.

Er lebt also noch?

Oh ja! Er ist immer noch am Leben, gesund und munter. Und er geniesst das Leben auch immer noch: Drei Mal war er verheiratet, nun ist er mit seiner vierten Freundin zusammen.

Irgendwann kam er zu mir und meinte: «Martin, weisst du, ich habe diese Dame kennengelernt.» Ich sagte: «Okay-y-y». – «Ich bin 84 und sie ist 86.» – Und ich antwortete: «Was?! Du Toy Boy!» (lacht)

Jetzt ist er ein alter Toy Boy und sie sind seit nunmehr fast vier Jahren Freunde und leisten sich Gesellschaft.

Martin Lount mit seinem Vater Bert und dessen dritter Frau Val, Istanbul, 2013.

„Mein Vater ist ein Held. Auch wenn ich es ihm nicht oft genug sage.“

Du lebst und arbeitest seit Jahrzehnten im Ausland. Hat er dich auch schon besucht?

Oh ja. Viele Male, als wir in Dubai und der Türkei lebten. Dubai ist ein angenehmes Reiseziel für ältere Menschen.

Ich glaube aber nicht, dass er jetzt noch sehr reisefreudig ist, jetzt ist er alt und lebt in einem schönen englischen Dorf. Aber wir verstehen uns gut, und ich erzähle ihm von all unseren Abenteuern.

Ich denke, dass es – nach all seinen Geschichten, die ich gehört habe – fast normal ist, dass ich auch ein Reisender bin.

Und ich habe Vaters Leidenschaft geerbt. Als junger Mann brannte ich innerlich.

Inwiefern?

Ich machte die Ausbildung zum Profi-Koch und arbeitete in vielen Spitzen-Hotels und -Restaurants in London. In jenen Tagen war das Leben eines Kochs hart und sogar manchmal brutal. Trotzdem liebte ich meinen Job.

Die Arbeitstage waren 12, 13, 14 Stunden lang, dann ging ich aus und machte Party, um dann am nächsten Tag wieder zur Arbeit zu gehen, stundenlang, tagelang, bis ich an meinen Freitagen zusammenbrach und 24 Stunden lang nur schlief. So war damals das Leben aller Köche, die ich kannte.

In den 80ern und 90ern waren Köche richtig wilde Jungs. Das war einmal. Ich weiss nicht, ob es heute auch noch so ist. Heute sind viele dieser jungen Köche wohl zu sehr damit beschäftigt, ihre Internet-Fans und Instagram-Follower zu unterhalten.

„Koch ist kein Beruf, es ist eine Obsession. Die meisten sind besessen vom Essen.“

Obwohl du dein wildes Leben bis zum Exzess getrieben hattest, wurde deine Karriere ganz offensichtlich zu einer erfolgreichen. Wann kam sie so richtig in Fahrt?

Erst als ich einen anderen britischen Koch traf, der in die Ferien ging, aber gleichzeitig arbeitete – und davon schwärmte.

Er kam gerade aus Ghana, Westafrika, zurück und sagte: «Junge, du solltest ins Ausland gehen. Da kannst du richtig viel Geld verdienen.»

Das machte mich hellhörig, denn damals war ich so richtig arm, ich nagte am Hungertuch. Ich verdiente nur 40 Pfund pro Woche und gab etwa 25 Pfund für Busfahrten und andere öffentliche Verkehrsmittel aus, so dass mir gerade mal noch 15 Pfund blieben.

Wie hast du in dieser Zeit überlebt?

Ich lebte zu Hause bei meinem Vater. Das war die einzige Möglichkeit. Als Koch wird man nicht reich, es sei denn, man wird berühmt oder erhält eine wichtige Position in einer grossen Küche.

Der monetäre Erfolg ist aber nicht der ausschlaggebende Grund, warum wir diesen Beruf gewählt haben sondern, weil wir ihn lieben.

Die meisten europäischen Köche sind besessen vom Essen. Du würdest staunen, wenn du sehen könntest, wie leidenschaftlich sie nach den richtigen Zutaten suchen, ausprobieren, wie diese richtig gekocht, zubereitet und serviert werden.

Koch ist kein Beruf, sondern eine Obsession.

„Andere Menschen lesen Romane – ich lese Kochbücher.“

Warum hast du damit aufgehört?

Ich sah mich einfach nicht als 50-jährigen Koch in einer Küche stehen. Meine Leidenschaft ist aber noch immer das Essen. Es dreht sich alles darum, ich bin verrückt danach. Es gibt kaum einen Tag, an dem ich nicht irgendwo ein neues Rezept entdecke.

Andere Menschen lesen Romane – ich lese Kochbücher, was vielleicht etwas seltsam ist (lacht). Ich habe eine Bibliothek mit 4000 Kochbüchern Zuhause in der Türkei.

Du nennst die Türkei «Zuhause», obwohl deine Frau und deine Kinder in Dubai wohnen?

Ja. In der Türkei ist unser Zuhause, meine Frau ist Türkin. Ich sage immer: Wer einen Türken heiratet, wird automatisch auch zu einem.

Meine Familie lebt zwar nun in Dubai, ich auf den Malediven, aber wir versuchen, wann immer es möglich ist, uns zu treffen. Einmal im Jahr versuchen wir, grosse Familienferien zu organisieren, aber da meine Mädels nun alle arbeiten wird das jedes Jahr schwieriger.

Das letzte Jahr waren wir alle zusammen in meiner Heimat, in London. Ich werde das aber für ein paar Jahre nicht wiederholen, denn sie haben mich finanziell ruiniert (lacht). Nach einer Woche war ich bankrott (lacht noch lauter).

Wissen Sie, ich habe drei Mädels, und das ging dann ungefähr so: «Ooh, das ist schön, das ist schön, das ist schön! Kann ich das haben, kann ich das haben und das?» Wir gingen so oft in ein und denselben Shop an der Oxford Street, dass ich mich sogar mit dem Sicherheitsmann an der Tür anfreundete. Wir hatten es lustig, während die Ladies einkauften.

Ich hatte sie sechs Monate lang nicht gesehen, daher war Papa vielleicht ein bisschen zu grosszügig. Dennoch: Ich verliess London zwar ärmer, aber glücklich.

Wie schaffst du es, über diese Distanz überhaupt ein Familienleben zu haben? Es scheint mir wahnsinnig kompliziert.

Es ist auch kompliziert. Und wie! Glücklicherweise gibts all die neuen Technologien. Wir schreiben uns etwa 20 Whatsapp-Nachrichten pro Tag – wir tragen sogar Familienstreitereien per Textnachricht aus.

Aber das ist doch kein Ersatz für ein echtes Gespräch, wie wir es gerade führen.

Ja, das stimmt, aber man merkt, wenn die Kinder etwas älter werden, dass man sowieso nicht mehr cool ist (lacht). Mum und Dad sind zwar ganz praktisch, wenn es ums Bezahlen geht, aber sie sind nicht cool.

Meine Jüngste hat so viele Freundinnen und Freunde, mit denen sie ihre ganze Freizeit verbringt. Meine ältere Tochter arbeitet sehr viel. Und meine Frau managt die Familie.

Und deine Frau findet auch, dass es reicht, sich nur über Kurznachrichten zu unterhalten?

Ähm, nein, natürlich nicht. Wir versuchen, uns auch mindestens zwei Mal pro Woche anzurufen.

Als ich hier auf den Malediven meinen Job aufnahm, dachte ich zuerst: Okay, ich werde meine Familie im vertrauten Dubai lassen und sehen, wie es läuft, sie kommen dann nach. Aber es kam nie dazu.

Ich habe meine Frau gefragt und sie meinte klar und bestimmt: «Es ist okay so, ich bin glücklich hier in Dubai.» – «Okay, gut, dann bleibe dort, und ich reise hin und her», war meine Antwort, die einzige, die gefragt war.

Ich bin im letzten Jahr viel gereist, sehr viel.

„Ich fand eine Stelle in Saudi-Arabien. Nur ein paar Wochen später brach der Erste Golfkrieg aus.“

Du hast erzählt, dass dir jemand geraten hatte, als Koch ins Ausland zu gehen. Was war ausschlaggebend, warum du diesen Schritt schlussendlich gemacht hast?

Ich denke schon, dass die Aussicht auf einen guten Lohn mich gelockt hat. Ich lebte und arbeitete damals in England und verdiente praktisch nichts.

Wenn man aber als Koch ein Leben wollte – weisst du, ganz normale Dinge machen: einen Kredit aufnehmen, ein Haus kaufen, sich niederlassen -, dann war das schlicht unmöglich.

Köche in London waren so arm wie Kirchenmäuse, die meisten jedenfalls, und ich sagte mir: «Okay. Ich werde für zwei Jahre weg gehen.»

Relativ schnell fand ich eine Stelle in Saudi-Arabien. Ich nahm die Stelle an, kam in Dhahran an, und nur ein paar Wochen später brach der Erste Golfkrieg aus. Ich erlebte den Krieg in Saudi-Arabien hautnah mit.

Für wen hast du gekocht?

Ich kochte für alle. Unser Hotel war die Kommando-Zentrale der Alliierten, das heisst US-General Norman Schwarzkopf war da, der Vorsitzende des Generalstabs der US-Armee Colin Powell war da, alle wichtigen Leute des Kriegs.

Wir bereiteten Tausende von Mahlzeiten zu, Hunderte von Hamburgern, dreimal am Tag. Für die Soldaten, für CNN, für die internationalen Medien, alle bekannten Leute.

Es war in gewisser Weise vor allem auch ein Medienkrieg. Jeder sah ihn am Fernsehen, wie eine tägliche Live-Show. Ich glaube, es war der erste „Live-Krieg“.

Und – schwupp – in nur zwei, drei Wochen war alles vorbei. Wir hatten uns sieben Monate lang auf den Krieg vorbereitet und dann war er plötzlich vorbei. Aber in dieser Zeit mussten wir 80’000 bis 90’000 Menschen pro Tag ernähren.

Wolltest du da nicht sofort wieder weg?

Das konnte ich nicht.

Warum nicht?

Es gab keine Linienflüge. Ausserdem köderte man uns: Als wir dem Geschäftsführer sagten, dass wir kündigen möchten, verdoppelte er unser Gehalt. Und für diesen Lohn wäre ich damals überall geblieben. Ich war jung und dumm und hatte keine Verpflichtungen.

Hattest du keine Angst?

Es war nicht unbedingt so, dass wir keine Angst hatten – wir waren eher naiv und dachten einfach nicht darüber nach. Wir arbeiteten hart, mussten all die Menschen versorgen und hatten so viele Dinge zu tun, dass wir schlicht auch keine Zeit dafür hatten.

Die Angst kam, als Scud-Raketen auf unser Hotel abgefeuert wurden. Dann musste man nach unten rennen in einen Bunker oder die Küche im Untergeschoss und abwarten. Zum Schluss passierte das so oft, dass wir dort blieben.

„Überall, wo ich war, passierte etwas Schreckliches.“

Du warst nach der Zeit im Golfkrieg auch an anderen, relativ gefährlichen Orten. Hast du dir diese Kriegs- und Krisengebiete bewusst ausgewählt?

Ich glaube heute, es war vielmehr ein Zufall. Wenn ich darüber nachdenke, fällt mir auf, dass tatsächlich überall, wo ich länger war, etwas Schreckliches passiert ist.

Ich war in Ägypten, in Hurghada, als der Anschlag in Luxor war, bei dem 62 Menschen (davon 36 Schweizer Touristen) getötet wurden. Dann kam es zu einer Flaute am Roten Meer. Innerhalb eines Tages waren alle Hotels leer.

Ich ging dann in die Türkei und blieb zwei Jahre lang dort. Es war die Türkei von vor zwanzig Jahren, ein sehr konservatives Land. Es war trotzdem die beste Zeit meines Lebens, weil ich dort meine Frau traf.

Martin mit seiner Frau Derya „Dee“ Lount, 1994

„Meine Frau ist eine Südländerin, temperamentvoll und sehr stolz.“

Wo hast du sie kennengelernt?

Ich habe sie bei meiner Arbeit kennengelernt, in einer kleinen Küstenstadt namens Mersin.

Sie war Kellnerin. Sie war laut und nahm kein Blatt vor den Mund. Mein Küchenchef nannte sie schliesslich ein aufgebrachtes Huhn, was sie wahnsinnig machte. Wirklich wahnsinnig. Man darf nicht vergessen, dass meine Frau Südländerin ist, eine waschechte südländische Frau, temperamentvoll und sehr stolz, weshalb man sie nicht einfach als «aufgebrachtes Huhn» bezeichnen sollte.

Ich habe in dieser Zeit übrigens türkisch kochen gelernt, für mich eine der besten Küchen Europas. Sehr komplex, sehr köstlich.

Wir hatten eine wundervolle Zeit und viel Spass, Mersin ist eine tolle Stadt mit sympathischen Menschen.

Danach gingen wir 1995 zusammen wieder nach Ägypten und es kam genau dann zu einem Erdbeben, eines der wenigen Erdbeben in Ägypten zur damaligen Zeit.

Wo genau?

In der Nähe des Badeortes Sharm El Sheikh, genauer gesagt im Golf von Aqaba, es strahlte jedoch bis nach Kairo aus, wo wir lebten. Es war 6 Uhr morgens, wir befanden uns im 19. Stockwerk eines Gebäudes im Stadtzentrum von Kairo.

Ich lebte damals im Hotel, in einem, welches sehr ringhörig war. Meine Frau weckte mich und sagte: «Martin, Martin, was machen die nebenan? Sie machen so viel Lärm.» Ich sagte: «Okay, ich geh mal schauen», und stand dann noch halb im Schlaf auf, und der Raum machte so: Hin-und-her-und-hin-und-her.

Es bewegte sich einfach alles… und ich dachte: «Hilfe, das ist ein Erdbeben!» Meiner Frau sagte ich: «Zieh deine Schuhe an. Wir müssen das Gebäude verlassen.»

Wir befanden uns also im 19. Stockwerk eines 30-geschossigen Wolkenkratzers in Kairo, und meine Frau zog die erstbesten Schuhe an – Stöckelschuhe! – , weil sie sich im Halbschlaf der Dramatik der Situation einfach nicht bewusst war.

Sie flüchtete in High Heels?

Ja. Wir rannten die Notfall-Treppe hinunter. Bei ihr hörte es sich dann so an: «Klick-klack, klick-klack, klick-klack.» Touristen aus Japan rannten an uns vorbei. Europäische Touristen rannten uns hinterher, und meine Frau: «Klick, klick, klick, klick.»

Dann waren wir endlich in der Lobby, ich öffnete den Notausgang und den Ersten, den ich sah, war der General Manager im geblümten Seidenschlafanzug, wie mein Grossvater sie früher trug. Ich schaute mich um und sah dann seine Frau mit Lockenwicklern und einer Gesichtsmaske. Wie in einem komischen Film. Ich weiss nicht, was mir in diesem Moment mehr Angst machte – das Erdbeben oder dieses ulkige Paar.

Danach zogen wir nach Indonesien. Es kam zu einem Aufstand gegen Suharto, den Präsidenten des Landes, und ich stand in meinem Büro im 40. Stockwerk eines Wolkenkratzers, und man sah Feuer in der Ferne und aufsteigenden Rauch.

Von dort ging es für uns weiter nach Syrien. Syrien war ein wunderschönes Land mit wunderschönen Menschen. Ich glaube, dass es einer meiner besten Aufenthalte war. Ich war in den guten Zeiten dort.

„Zehntausende Koffer lagen einfach wild durcheinander gewürfelt da. Es war ein Drama.“

Warum seid ihr da weg gegangen?

Nun, meine Frau wurde schwanger, weshalb wir beide in ihr Heimatland, die Türkei, umsiedelten. Ich fing an, in der Türkei zu arbeiten. Unsere erste Tochter, Isabella, wurde geboren.

Und dann, kurz nach dem Zusammenbruch der Russischen Föderation, bekam ich einen Job in Kasachstan. Es entstanden damals einzelne kleine, unabhängige Staaten. Ich hatte eine Stelle in der heutigen Hauptstadt Astana – damals war es ein Kaff und nicht die Grossstadt von heute – und war mit der Eröffnung eines neuen Hotels beauftragt.

Ach, das war wieder so eine Geschichte… Es war einfach nur ein Drama.

Ich habe die Türkei am 9. September verlassen – daran erinnere ich mich so gut, weil es mein Geburtstag ist –, bei 35 Grad im Schatten. Man hatte uns zum alten Flughafen in Istanbul gebracht, wo die Frachtflugzeuge starteten. Wir liefen in einen grossen Hangar, wo kleine Tische standen, und  Tickets verteilt wurden.

Dann kam der Bus, und es waren fast nur alte Frauen da, mit unzähligen Taschen bepackt, und alle rannten auf den Bus zu. Der brauchte ganze 25 Minuten, bis er die andere Seite des Flughafens erreicht hatte, wo wir in eine Propellermaschine einstiegen.

Die Türen öffneten sich, und alle russischen und kasachischen Frauen rannten wiederum auf das Flugzeug zu und ich dachte mir: «Oh, wow!»

Du hattest keinen reservierten Sitzplatz?

Es gab keine reservierten Sitzplätze. Es war wie in einem Hühnerstall – der ganze Raum war von oben bis unten gefüllt. Die ganzen Sachen mussten rein, und es gab nicht genug Platz. Ich ging zur Stewardess und sagte: «Hier ist mein Ticket» und sie antwortete: «Niet. Suchen Sie sich einen Platz!»

So flog ich 9,5 Stunden über Zentralasien, eingequetscht zwischen einer russischen Frau und einer kasachischen Mutter und ihrem Baby. Ich bin 1,89 m gross und war zwischen diesen beiden Damen eingequetscht.

Als wir dann ankamen und am Flughafen ausstiegen, war es etwa 0 °C. Das heisst von 35°C auf 0°C.

Warst du darauf vorbereitet?

Ähm, nein. Damals gab es noch kein Internet, wir konnten uns nicht vorab über die Orte informieren. Wir stiegen aus und ich sagte: «Entschuldigung, kann ich bitte meinen Koffer haben?» – «Ich verstehe Sie nicht!» Schliesslich fand ich eine Frau, die ein bisschen Englisch sprach, und ich fragte noch einmal: «Kann ich bitte meinen Koffer haben?» – «Niet, morgen». – «Wie, morgen?» – «Flughafen geschlossen. Morgen!» Sie hatten den Flughafen einfach geschlossen.

Ohne Gepäckausgabe?

Ohne Gepäckausgabe. Ich stieg dann in einen winzigen Minibus, in einer leichten Hose und einem kurzärmligen T-Shirt. Ich kam im Hotel an, und als es öffnete, fragte ich als erstes: «Können Sie mir bitte einen Pullover leihen?» Ich fror mich fast zu Tode.

Am nächsten Tag ging ich direkt zurück zum Flughafen und suchte nach meinem Gepäck. Wir mussten alle unsere Koffer in einem Hangar suchen – ohne Hilfe. Da lagen ungefähr 30’000 Gepäckstücke, auch noch von anderen Flügen. Und man sagte uns lapidar: «Suchen Sie Ihren Koffer.»

Also zwei Stunden rumwandern und nach dem Koffer suchen. Und einfach jeder hatte einen schwarzen Koffer; ich selbst hatte natürlich auch einen in schwarz – such mal danach!

Hast du dich keinen Augenblick lang gefragt: «Warum mache ich das nur?»

Nein, ich fragte mich eher: «Warum sollte ich das nicht machen?»

„Das Leben passiert einfach, ob wir mitmachen oder nicht.“

Das heisst, du nimmst das Leben tatsächlich einfach an, wie verrückt es sich auch präsentiert?

Nun, das Leben passiert einfach, ob wir mitmachen oder nicht. Und etwas habe ich gelernt: Was dich nicht umbringt, macht dich stärker. Das stimmt tatsächlich. Man erlebt unvergessliche Abenteuer, wenn man sich aufs Leben einlässt. Und Geschichten, die man erzählen kann.

Wir hatten unsere erste Tochter mit dabei, es fiel der erste Schnee. Das heisst an Weihnachten waren es minus 50 Grad draussen. Ich komme aus Süd-London, ich hatte noch nie minus 50 Grad erlebt! Meine Frau beschwerte sich, es war dumm, dass wir ein Baby dorthin gebracht hatten, aber die Zeit dort hat uns gemeinsam wachsen und reifen lassen.

Wir erlebten ein paar unvergessliche Parties. Meine Frau hatte ein wenig zu viele „Rosa Wodka“ und machte Schneeballschlachten bei minus 30 Grad, weil sie die Kälte nicht mehr spürte. Meine Tochter hatte Erfrierungen an ihren kleinen Fingern, weil sie ihre Handschuhe auszog. Glücklicherweise nur an den Fingerspitzen.

Es war alles ein grosses Abenteuer. Das Schlimmste an der Geschichte war, dass ich damals für ein Privatunternehmen arbeitete, das uns sechs Monate lang nicht bezahlte.

Wie seid ihr über die Runden gekommen?

Mehr schlecht als recht. Wir wohnten im Hotel, weil damals niemand da war; Kasachstan war unbekannt, und das Hotel hatte keine Gäste.

Martin Lount mit Tochter Isabella, Astana, Kasachstan, 1996

„Bitte holt mich hier raus! Ich habe eine Frau und ein Kind.“

Warum hatten sie dich eingestellt, wenn es keine Gäste gab?

Man dachte wohl, wenn man Personal einstellt, dann läuft auch das Geschäft an. Aber es war ein verschlafenes Nest. Es war wie in diesen alten russischen Filmen: Dampfende Rohre, die aus dem Boden ragen – eine zugefrorene Ödnis.

Dann kamen die Verantwortlichen des Hotels – eines internationalen Hotels –, auf Besuch. Ich steckte ihnen meinen Lebenslauf zu und sagte: «Bitte holt mich hier raus! Ich kann nicht hierbleiben, ich habe eine Frau und ein Kind.» So kamen wir nach Usbekistan.

Was besser war?

Das war tausend Mal besser! Eine Stadt mit vier Jahreszeiten. Taschkent hatte noch das alte russische Flair, es waren liebe Menschen, freundlich und herzlich. Und die Stadt liegt an der alten Seidenstrasse, das heisst, man konnte an Orte reisen wie Samarkand und Buchara und Khiva, die damals noch keine touristischen Ziele waren. Auf der Seidenstrasse konnte man schöne, ja, wunderschöne Dinge sehen. All diese Reisen, es waren herrliche Jahre dort. Ein fantastischer Ort zum Leben.

Irgendwann machte ich in Dubai Urlaub. Einer meiner Freunde hatte mir ein Zimmer besorgt. Der Geschäftsführer sprach mich an: «Oh, Sie sind ein Food & Beverage Manager? Wir suchen einen.» Und dann – wirklich so – hatten wir beim Frühstück eine Art Bewerbungsgespräch. Als das Frühstück fertig war, sagte er: «Ich mag Sie. Sie müssen zu uns kommen.»

So zog ich mit meiner Familie nach Dubai, damals, als es noch eine Wüstenstadt war. Wir waren mutterseelenallein, es gab noch keine Silicon Oasis, keine Dubai Marina – nichts! Es gab quasi nichts.

Auch keine Touristen?

Nicht viele Touristen, nein. Es entwickelte sich erst später zu einem touristischen Zentrum. Wir zogen dorthin und waren wiederum zwei Jahre lang dort. Meine Frau arbeitete in der Immobilienbranche, Vermietung von Wohnungen und Häusern.

Eines Tages wurde meine Frau von einem sehr bekannten Scheich auf eine Besichtigungstour des Stadtteils Emirate Hills, des ersten Entwicklungsprojekts in Dubai, eingeladen.

Sie sagten: «Sie gefallen uns. Wir würden Sie gerne einstellen, um unsere Häuser zu verkaufen.» Meine Frau fragte: «Was? Wirklich? Häuser verkaufen in Dubai? Wer möchte denn schon ein Haus kaufen in Dubai?» Sie hat es also nicht gemacht. Hätte sie es gemacht, wäre sie jetzt Multimillionärin (lacht).

Und ihr hättet jetzt vielleicht eure eigene Insel… (lacht)

Ja. Das war damals, 2000, ich arbeitete direkt am Strand und man konnte Palm Islands in der Ferne wachsen sehen. Alle zwei Wochen fuhren wir in unserem Motorboot raus und um die Insel herum. Also bin ich einer der ersten, der die jetzt weltweit berühmten ‘Dubai Palmeninsel’ bereist hat (lacht). Ja, das war wiederum eine interessante Zeit.

Warum ist deine Frau in Dubai geblieben und nicht in ihre Heimat, die Türkei, zurückgekehrt, als du auf die Malediven gezogen bist?

Meine Frau ist eine Weltbürgerin und eine erfahrene Expat, sie hatte all diese interessanten, internationalen Menschen kennengelernt, und wir hatten ein wirklich, wirklich gutes Leben in Dubai.

„Was für ein Auto fährst du? Welchen Job machst du?“

Wie ist es denn in Dubai? Länder oder Städte mit einem hohen Anteil an Expats verändern sich normalerweise immer schnell und stark, genau wie du, immer in Bewegung, immer im Umbruch, keine stabile Situation.

Ich konnte Dubai immer weniger leiden; viele Expats dort sind furchtbar. Es kommt nicht darauf an, wer du bist und welche Persönlichkeit du hast. Alles, was zählt ist: «Welchen Job hast du? Was für ein Auto fährst du? Wieviel Geld verdienst du?»

Funktionieren solche Expat-Communities nicht auf der ganzen Welt ähnlich?

Ich glaube nicht. Wir kamen damals aus Russland, und unsere Expat-Community dort bestand aus etwa tausend Menschen. Und alle – von der Weltbank, vom IWF, von all diesen internationalen Organisationen – wurden in einen Topf geschmissen, und man hat versucht, miteinander auszukommen. Das hat ganz gut funktioniert: Man traf Leute, man knüpfte Kontakte, feierte miteinander und half sich.

In Dubai ist es anders?

In Dubai geht es: «Was machst du beruflich?» – «Ich arbeite für ein Hotel.» – «Welchen Nutzen hast du für mich?»

Aber deine Frau und deine Töchter leben trotzdem gerne dort?

Ja, das tun sie. Meine Töchter waren noch klein, als wir zum ersten Mal nach Dubai zogen. Meine Jüngste war erst eins und die Grosse drei, wir fanden es das richtige Alter, um sesshaft zu werden. Wenigstens ein Teil der Familie.

Martin Lount mit seinen Töchtern Victoria und Isabella in Bodrum, 2014

„Meine Tochter sollte mir eine finanziell erfolgreiche Künstlerin nennen. Sie fand keine.“

Was machen deine Töchter heute?

Zum Glück arbeiten sie. Meine ältere Tochter möchte Künstlerin werden. Als sie diesen Wunsch erstmals äusserte, gab ich ihr – als pragmatischer Vater – ein iPad und sagte: «Schatz, ich gebe dir zwei Tage Zeit. Finde eine Beschäftigung als Künstlerin, die angemessen bezahlt wird, und dann kannst du Künstlerin werden.» Sie gab mir das iPad zwei Tage später zurück und sagte: «Okay, du hast gewonnen.» (lacht)

Sie hat ihren Traum aufgegeben?

Nein, er ist noch da, aber sie hat jetzt einen richtigen Beruf.

Mich erstaunt deine Reaktion etwas, nachdem du mir erzählt hast, dass du gegen den anfänglichen Willen deines Vaters Koch wurdest. Du hast dein Ding ja auch einfach durchgezogen.

Ich denke nicht, dass mein Vater es wirklich akzeptiert hat, dass ich Koch werden wollte. Ich glaube, mein Vater war einfach froh, dass ich einen Lebenstraum hatte. Ich glaube, mein Vater war überhaupt froh, dass ich mich weiterentwickelte.

Meine Tochter hat eine Ausbildung zum Koch gemacht, wie ich, arbeitet jedoch momentan als Kellnerin in Dubai und ist jetzt, mit 20, Teamleiterin. Sie hat Talent dafür. Wenn sie das nicht mehr machen will, kann sie auch Künstlerin werden, Hauptsache, sie ist glücklich.

Denkst du, dass ihr die Arbeit kreativ genug ist?

Nein, aber sie macht ihre künstlerischen Dinge immer noch, einfach nebenher. Wenn sie erfolgreich ist, ein bisschen Geld gespart und einen Beruf hat, auf den sie sich verlassen kann, dann kann sie machen, was sie möchte.

Wenn sie als Künstlerin nach Las Vegas gehen möchte, okay. Dort kann sie wenigstens Geld verdienen und das Verfolgen ihrer Träume geniessen, auch wenn es nicht klappt (lacht). Sie wird immer eine Karrieremöglichkeit haben. Hoteliers sind immer gesucht.

Und deine andere Tochter?

Meine andere Tochter hat – auch mit ihr waren wir sehr pragmatisch – eine Touristikfachschule abgeschlossen und arbeitet im Front-Office eines Hotels. Sie möchte aber eigentlich Architektin werden. Sie macht nun die Aufnahmeprüfung für die Uni in Istanbul.

Martin und Derya „Dee“ Lount an der Hochzeit, 1996

„Bei unserer Hochzeit waren 700 Gäste anwesend, zwei von meiner Seite.“

Man sagt doch, man soll seinen Kindern Wurzeln geben, um zu wachsen, und Flügel, um zu fliegen. Ich denke, du hast deinen Töchtern vor allem Flügel zum Fliegen gegeben, oder? Hast du ihnen auch ein paar Wurzeln mitgegeben?

Wurzeln? Ja, wir sind eine grosse Familie. Du vergisst, dass ich in eine türkische Familie eingeheiratet habe. Bei unserer Hochzeit waren 700 Gäste anwesend, davon zwei von meiner Seite. Meine Frau hat eine riesige Familie.

Man sitzt vorn, und der Standesbeamte ist da und meine Frau und vor uns ein ganzes Dorf – und du wirst gefragt: «Möchtest du diese Frau heiraten?» Da kannst du gar nicht anders, als ja sagen! (lacht)

Nein, ernsthaft: Sie ist auch meine Seelenverwandte, meine beste Freundin, mein Ein und Alles.

Ich lernte durch sie eine komplexe Kultur kennen. Schon bei der Hochzeit ging es los: Wir sassen da also als frisch getrautest Ehepaar und jeder musste versuchen, auf den Fuss des anderen zu stehen. Derjenige, der zuerst auf dem Fuss des anderen steht, ist der Chef der Familie.

Wer hat gewonnen?

Wir haben uns quasi unter dem Tisch gegenseitig die Füsse zerquetscht. Als der Standesbeamte fragte: «Wer ist der Sieger?», drehte sich meine Frau zu ihm um und meint: «Niemand. Wir haben es versucht, aber wir waren ebenbürtig. Es war ein fairer Kampf.»

„Ich laufe nicht vor etwas weg. Ich laufe auf etwas zu.“

Wenn man deine Lebensgeschichte so hört, könnte man denken, dass du vor etwas wegläufst, weil du sehr häufig umgezogen bist. Läufst du vor etwas weg?

Nein. Ich laufe nicht vor etwas weg. Ich laufe auf etwas zu.

Lass mich kurz überlegen: Laufe ich vor etwas weg? Interessante Frage. Ich glaube nicht.

Okay, anders gefragt: Auf was läufst du denn zu? 

Ich habe noch viele Lebensabenteuer vor mir. Ich bin gerade hier angekommen und sehe, dass es der perfekte Ort ist, um Tauchen zu lernen (lacht).

Tauchen lernen, entspannen. Diese Ruhe-Oase muss für dich doch todlangweilig sein!

Nein, noch nicht. Wirklich nicht. Ich hatte bisher ein fantastisches Leben, ja. Aber du vergisst vielleicht, dass ich früher immer in Hotels in Städten gearbeitet habe, und da dreht sich alles um Menge. Hier wird es sehr persönlich. Ich habe mich von den grossen, internationalen Hotels und ihren milliardenschweren Strukturen weg entwickelt.

Jetzt konzentriere ich mich auf das Wesentliche des Hotelier-Jobs. Moderne Hoteliers müssen ihre Gäste kennenlernen, und ich finde häufig, dass wir Geschäftsführer zu viel in unseren Büros sitzen. Es kommt zu keinem Kontakt.

Ich muss aber mit den Menschen in Kontakt treten! Ich möchte zum Beispiel Frau Fisher kennenlernen, die Dame, die momentan im Resort ist, sie ist eine Umweltschützerin, ihr Mann ist Gastronom. Das ist das Interessante – wir kommen hier in Kontakt mit der Welt. Und das Schönste: Es beurteilt dich niemand für nichts.

Ausserdem kommt es hier häufig zu einer spannenden Metamorphose: Man sieht die Gäste ankommen und wenn sie zwei Wochen bleiben, dann tragen sie am Anfang noch ihre schönen Kleider und Schuhe und machen all diese romantischen Dinge.

Irgendwann lassen sie sich gehen. Sie stülpen gerade mal ein T-Shirt über, und dann weisst du: Jetzt sind sie so entspannt, dass sie nicht mehr darüber nachdenken, wie sie aussehen, und einfach sie selbst sind. Sie geniessen nur noch und kommen ihrem Partner wieder näher – oder es passiert das Gegenteil (lacht).

„Wir sollten unseren CO2-Fussabdruck dringend reduzieren!“

Hast du einen Lebenstraum, etwas, das du in diesem Leben noch machen möchtest?

Ich glaube, das ändert sich gerade nochmals drastisch. Ich wollte ja immer ein grosser Gastwirt werden und ein Restaurant in Istanbul oder einer anderen internationalen Grossstadt haben. Aber jetzt, nach knapp einem halben Jahr hier, denke ich, dass das nach meiner Zeit auf den Malediven anders sein wird. Vielleicht werde ich Umweltschützer und setze mich für das ein, was wir momentan zerstören.

Ich sehe mich in zwei komplett verschiedenen Bereichen – als Hotelier und Umweltschützer.

Die Malediven leiden unter dem Klimawandel und den Müllbergen der Touristen. Was sind die grössten täglichen Herausforderungen für dich als Geschäftsführer?

Nun ja, alles hier wird mit Dieselkraftstoff betrieben. Wir haben vier Generatoren. Jetzt braucht es neue, nachhaltigere Lösungen wie Sonnenkollektoren, und unser CO2-Fussabdruck auf der Insel sollte dringend reduziert werden.

Dafür muss man auch die Gäste umerziehen. Viele lassen beispielsweise die Klimaanlagen einfach laufen, weil sie sich das von ihren Ländern gewohnt sind. Wir möchten unseren Gästen selbstverständlich eine 5-Sterne-Erfahrung bieten. Aber sie sollten trotzdem verstehen, dass die Klimaanlage nicht dafür da ist, die Raumtemperatur auf 16 Grad zu senken, was physikalisch gar nicht möglich ist, weil es sich nicht um einen hermetisch abgeschlossenen Raum handelt.

Ein anderes Beispiel: 90 Prozent der Produkte, die wir kaufen, werden vom Festland importiert, und das ist teuer. Erst müssen die Sachen ins Land geflogen und dann von der Hauptstadt Malé hierher transportiert werden. Das muss man sich als Gast einfach bewusst sein.

Wie funktioniert der Transport bei Lebensmitteln wie Fleisch oder Fisch, die schnell verderben?

Fleisch muss stark gekühlt transportiert werden. Fisch versuchen wir möglichst vor Ort zu kaufen, insbesondere nachhaltigen Fisch. Aber dann kommen Europäer und möchten Lachs zum Frühstück… Momentan haben wir noch geräucherten Lachs auf unserem Buffet, der kommt jedoch weg, weil er nicht lokal ist.

Du hast vor, die Speisekarte zu reduzieren, um den Gästen gar nicht erst anzubieten, was ein ökologischer Blödsinn ist?

Ich möchte die Speisekarte verbessern, um lokale Produkte zu verwenden. Jetzt habe ich hier glücklicherweise auch Hydrokulturen. Einen Hydrokultur-Bauernhof, um Salat und Kräuter anzubauen. Und auch, um Dinge wie Erdbeeren zu ziehen versuchen.

Wo befinden sich diese Bauernhöfe denn?

Es gibt verschiedene Insel-Bauernhöfe. Wir haben aber auch hier bei uns einen kleinen Bauernhof mitten auf der Insel, mit einem Kräutergarten, in dem Basilikum und Rosmarin und ähnliches angebaut werden.

„Ich fülle mein Leben nicht mit Dingen. Ich fülle es mit Erfahrung.“

Noch eine letzte Frage: Was hat das Leben in Krisengebieten bei dir persönlich für Spuren hinterlassen?

Dass ich nichts mehr ernst nehme. Ich habe nicht nur einen Krieg gesehen. Ich war in Syrien während der zweiten Kriegswelle und habe dort Dinge gesehen, da kann ich gar nicht darüber sprechen.

Weisst du – das Leben ist zu kostbar, man muss es jetzt geniessen. Man sagt oft – und ich empfinde das meist als ein bisschen heuchlerisch -: «Ich habe jeden Moment genossen». Genau das sollte man aber tun! Jeden Tag geniessen und die Menschen um uns herum. Freundschaften pflegen, kein Geld anhäufen.

Ich lebe jetzt seit Jahren aus einem Koffer. Ich fange eine Stelle mit einem Koffer an und verlasse sie wieder mit einem Koffer. Ich fülle mein Leben nicht mehr mit Dingen. Ich fülle es mit Erfahrung. Ich lebe.

Martin Lount lebt und arbeitet zurzeit auf der Malediven-Insel Coco Bodu Hithi.

Text: Anna Maier
Bilder: Ahmed Hassaan
Private Bilder: Zur Verfügung gestellt

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Kommentare

  • Beat Merki
    REPLY

    ein bewegtes Leben und ein interssanter Lebenslauf von Martin Lount den Du, wie immer sehr schön und spannend wiedergegeben hast.
    Schon erstaunlich wenn man Dein Interview liest was solche Menschen alles in einer relativ kurzen Zeit erleben und auch durchleben und auch in den verschiedensten Funktionen Erfolge erziehlen, da kann ich nur den Hut ziehen…

    Danke Anna für diese spannende Geschichte.

    1. August 2018
  • Silvana
    REPLY

    Danke Anna, wie immer schreibst Du „fesselnd“ und faszinierend. Ich bin dann jeweils wie mit dabei, während Deines Interview’s.
    love it!
    Danka Anna und Grüass us GR 🙂

    2. August 2018
  • Ann Barth
    REPLY

    So fesselnd und spannend wurde dieses Interwiev von Dir Anna mit Martin Lount geführt und wiedergegeben, dass man von Anfang bis Ende gebannt dabei bleibt. Bravo und herzlichen Dank für die mitreissende Story!

    12. August 2018
  • Fouquet
    REPLY

    Tolle Geschichte Anna! Kochen ist kein leichten Job man muss es jeden Tag mit leidenschaft machen. Dafür kann man tolle Erfahrungen sammeln. Verschiedene Leute und Kultur treffen, keinen Tag ist wie den anderen. Eine Lehre in der Gastronomie ist auf eine gute Basis um sich persönnlich zu entwickeln. Man hört nicht auf zu lernen, zu reisen..

    Danke für die tolle zeile!

    Herzliche Grüsse und auf Wiedersehen

    Lg Thierry ( Ex Radio)

    15. August 2018

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