„Um meine Frau werde ich häufig beneidet.“ Piotr Beczala, Operntenor

Mit 50 gehört Piotr Beczala zu den grössten Opernstars, steht als lyrischer Tenor auf allen wichtigen Bühnen der Welt, zu seinem Freundeskreis gehört Anna Netrebko. Seinen Erfolg, sagt er bescheiden, verdanke er seiner Frau Katarzyna, die wie er aus Polen stammt und die für ihn auf eine eigene Karriere als Opernsängerin verzichtet hat. Ein Doppelgespräch über die Wucht der Liebe, die Macht der Langsamkeit und warum Frau Beczala von Ziegen träumt.

„Meine Frau ist eine Meisterin darin, für uns ein Nest zu bauen.“

Anna Maier: Sie beide sind jetzt für zwei Monate in Zürich. Ist es überhaupt möglich, ein funktionierendes und gemütliches Zuhause zu haben, wenn man ständig auf Reisen ist?

Piotr Beczala: Schön wär‘s. Schön wär‘s, ein Haus zu haben, das eine gewisse Stabilität bieten würde. Aber, ja, dieser Beruf ist ein internationaler und ich habe eigentlich von Anfang an gewusst, wir werden viel reisen und glücklicherweise haben wir uns Stationen aufgebaut, wo man sich einigermaßen zu Hause fühlen kann. Ob das Zürich ist oder Wien oder New York: Meine Frau ist eine Meisterin darin, für uns ein Nest zu bauen, auch wenn wir irgendwo nur einen Monat sind. Dann mieten wir eine Wohnung und Sie geht dann die ersten zwei Tage einkaufen und kommt mit so kleinen Sachen, die dann auch eine häusliche Atmosphäre bauen.

Katarzyna Bak-Beczala: Wir brauchen Blumen, ja …

Piotr Beczala: Sie kauft also Orchideen im Topf und diese stehen dann einen Monat lang bei uns und danach verschenken wir sie weiter und machen anderen eine Freude damit.

Was brauchen Sie immer an einem neuen Ort, sei es in einem Hotelzimmer oder in einer Wohnung, damit Sie unterwegs eben doch ein Gefühl von Zuhause haben?

Piotr Beczala: Hotels… Ja, das ist so ein Thema. Wir versuchen, Hotels zu meiden. Wenn ich irgendwo weniger als eine Woche auftrete, für ein Konzert, zwei Konzerte oder so, dann nehmen wir uns ein Hotelzimmer. Aber sonst versuchen wir wirklich, Wohnungen zu mieten. Da fühlt man sich mehr oder weniger wie zu Hause, wir stellen ein bisschen um und kaufen Kleinigkeiten dazu. Das funktioniert so, finde ich, am besten.

Katarzyna Bak-Beczala: Natürlich ist es schöner, wenn wir wirklich zu Hause sind. In New York oder in Wien oder hier in Zürich, da haben wir unsere Sachen und eine ganz andere Atmosphäre, Wärme, bequem haben wir es, so wie wir es wollen. Das ist für uns Luxus.

Sind die Häuser oder die Wohnungen genau gleich eingerichtet?

Piotr Beczala: Nein …

Katarzyna Bak-Beczala: Nein, überhaupt nicht. Total unterschiedlich. In New York haben wir einen europäischen Stil und in Wien haben wir den New-York-Loft-Style (lacht). Das ist vielleicht etwas komisch, aber uns gefällts.

„Piotr weiß, dass ich nur etwas sage, wenn ich mir sicher bin, dass er es besser machen kann.“

Die meisten Opernsänger oder Opernsängerinnen sind alleine unterwegs. Sie haben das große Glück, eine Frau zu haben, die mit Ihnen reist. Was macht das für einen Unterschied, wenn Sie sich mit Ihren Kollegen vergleichen?

Piotr Beczala: Wenn mich jemand um irgendwas beneidet, dann ist es nicht die Karriere, sondern dass ich mit Kasia unterwegs bin. Ja, wir sind ein Team. Es ist nicht nur, dass ich verheiratet bin und meine Frau mitreist. Sie kommt auch zu Proben, und sie kritisiert mich erbarmungslos nach Konzerten und Vorstellungen.

Katarzyna Bak-Beczala: Man muss dazu erwähnen, dass ich auch Sängerin war. Ich habe meine Karriere für Piotr aufgegeben. Es fiel mir leicht, weil ich durch ihn weiterhin mit der Kunst zu tun habe. Ich singe mit ihm, ich atme mit ihm und – natürlich -, ich kritisiere ihn auch. Ein Sänger kann sich nicht hören. Piotr weiß auch, dass ich nur etwas sage, wenn ich mir sicher bin, dass er es besser machen kann.

Wie müssen Sie es ihm sagen, damit es auch ankommt?

Katarzyna Bak-Beczala: (lacht)

Piotr Beczala: Sie überschreitet immer diesen wunden Punkt, wo sie dann zu viel sagt. Dann gehe ich einfach.

Katarzyna Bak-Beczala: Das denkt er immer, und das sagt er immer. Aber ich muss sagen, wir sind nun seit 26 Jahren verheiratet und ich lerne immer noch dazu, wie ich mit ihm sprechen soll. Es ist das Schwierigste für mich, weil ich weiß, dass jeder Künstler, sagen wir mal, sehr sensibel ist. Ich muss auf einen guten Moment warten und die richtigen Worte finden, damit ich ihn erreiche. Ich möchte ihn ja nicht verletzen.

Piotr Beczala: Gott sei Dank, dass ich einigermaßen gut singe… (lacht)

„Die Produzenten verstehen nicht, was wir sagen, weil wir einen Code benutzen.“

Wann können Sie Kritik gut annehmen, wann weniger gut?

Piotr Beczala: Da gibt es keine Regel. Klar, es gibt Produktionen, bei denen man angespannter ist als bei anderen. Und es gibt Rollen, die ich häufiger singe. Da ist dann wirklich ein Feinschliff gefragt. Es gibt manchmal Situationen, wo wir gemeinsam eine stilistische Lösung finden für die Rolle. Das ist sehr unterschiedlich. Es ist auch nicht so, dass Kasia kommt und sagt: „Oi, das hast du richtig furchtbar gesungen.“ Diese Situation gibt es nicht, Gott sei Dank. Es geht wirklich darum, dass ich immer besser werde, von Vorstellung zu Vorstellung, von Produktion zu Produktion.

Katarzyna Bak-Beczala: Ich bin immer dabei, auch wenn er aufnimmt. Die Produzenten wollen auch, dass ich da hingehe, weil ich zu ihm vordringen kann. Die verstehen dann auch gar nicht, was ich sage, einerseits weil wir in polnisch kommunizieren, aber andererseits auch, weil wir einen Code benutzen. Das sind Abkürzungen, bei denen nur wir wissen, um was es geht.

Darf ich fragen, was das für Codes sind?

Piotr Beczala: Na ja das sind so Kürzel, Bezeichnungen, wie man zum Beispiel die Farbe  der Stimme ändert.

Katarzyna Bak-Beczala: Oder die Position…

Piotr Beczala: …der Stimme.

Katarzyna Bak-Beczala: Also technische Sachen.

Piotr Beczala: Was fürs Mikrofon besser klingt.

Sie spricht einen Code aus und Sie wissen dann genau, was sie meint?

Piotr Beczala: Ja.

Katarzyna Bak-Beczala: Er weiß sofort, um was es geht und er verbessert das. Ich habe in den letzten paar Jahren verstanden, dass ich ihm nicht nach jeder Vorstellung, in der ich einen Fehler gefunden habe, sagen muss, dass er etwas verbessern soll. Weil ich Vertrauen habe, dass er es selber weiss und selber findet.

„Es ist die größte Tragödie der Sänger, dass sie nie in den Genuss der eigenen Stimme kommen.“

Piotr Beczala: Ich bin selbst sehr kritisch und nie zufrieden nach einer Vorstellung. Auch die beste Vorstellung kann immer noch nachgebessert werden, szenisch und auch sängerisch. Das Problem ist, dass ich mich selber nicht hören kann. Das ist die größte Tragödie der Sänger, dass sie nie in den Genuss der eigenen Stimme kommen.

Katarzyna Bak-Beczala: Ich kenne auch keinen Sänger, der sich selbst gerne hört. Viele sagen bei Aufnahmen: „Das bin nicht ich!“

Sie beide haben sich kennengelernt, als Sie 18 Jahre alt waren. Katarzyna, Sie sind auch eine ausgebildete Sängerin. Hätte es auch umgekehrt sein können, dass man entschieden hätte, dass Sie auf die Karriere setzen und Piotr wäre der starke Mann an Ihrer Seite gewesen?

Piotr Beczala: Das war der eigentliche Plan.

Wirklich?

Piotr Beczala: Also, meinen ersten richtigen Job hatte ich in Linz, am Landestheater, 1992. Gleich nach dem Diplom. Der Plan war ungefähr so, dass ich da in Linz fest engagiert würde und meine Frau würde die Karriere machen. Sie hatte einen wichtigen Wettbewerb gewonnen, damals, 1991.

Katarzyna Bak-Beczala: Bei mir ging alles sehr schnell. Schon als Studentin habe ich viel auf professionellen Bühnen gesungen, und ich habe in Deutschland einen Wettbewerb gewonnen, einen Grand Prix. Danach folgte sofort ein Angebot von der Scala in Mailand, Premiere mit Muti. Ich habe alles abgesagt.

„Ich wusste immer, dass ich in meinem Leben Liebe suche.“

Und warum?

Piotr Beczala: Wir haben damals geheiratet.

Katarzyna Bak-Beczala: Ich bin eine sehr intuitive Frau. Ich wusste immer, dass ich in meinem Leben Liebe suche.

Piotr Beczala: Immer noch? (lacht)

Katarzyna Bak-Beczala: (lacht) Ich war auch sehr glücklich auf der Bühne. Das hat mir natürlich gefallen. Es war also tatsächlich nicht leicht für mich. Das muss ich ehrlich sagen. Es hat weh getan. Ich hatte Sehnsucht nach der Bühne. Manchmal, als ich da im Zuschauerraum gesessen habe und Piotr mit Kolleginnen gehört habe, auch Mezzosopranistinnen, habe ich gedacht …

Ich will da rauf …

Katarzyna Bak-Beczala: Ja, ich werde da raufspringen. Aber ich wusste, dass es unmöglich ist. Wir haben es probiert.

Piotr Beczala: Zwei Spielzeiten lang.

Katarzyna Bak-Beczala: Ja, du warst in Linz, ich habe Konzerte gehabt in Mailand, und es hat mir weh getan, wirklich, ohne ihn zu leben. Die Sehnsucht war so groß, ich konnte das einfach nicht aushalten.

Piotr Beczala: Siehst du, du bist für die Karriere nicht geeignet. (lacht)

Ist er immer so charmant?

Katarzyna Bak-Beczala: (lacht)

Piotr Beczala: Na ja, man muss es kurz fassen: Mir tun die Kollegen und Kolleginnen, die alleine reisen, manchmal so was von leid. Wissen Sie: Ich bin Steinbock, ich suche nach Stabilität in der Beziehung. Für mich war das so: Ich habe eine Frau gefunden, mich verliebt, also bin ich sofort zum zukünftigen Schwiegervater mit einem Bouquet Rosen und …

„Ich bin ein bescheidener Junge aus der Provinz.“

Sie haben sofort geheiratet?

Katarzyna Bak-Beczala: Nein, es war nicht so, er redet jetzt Blödsinn! Wir haben uns sieben Jahre gekannt, wir waren gute Freunde. Ich habe ihn nie ernst genommen, weil ich dachte, ich würde mal einen älteren Mann an meiner Seite haben.

Piotr Beczala: Zum Glück bin ich ein Jahr älter … (lacht)

Katarzyna Bak-Beczala: Ich wollte einen reifen Mann. Er war nicht auf meinem Radar.

Piotr Beczala: Du hast mich nicht ernst genommen?

Katarzyna Bak-Beczala: Doch, als Freund. Als Kollegen. Ich habe ihn sehr gemocht, und ich habe ihn beobachtet. Ich beobachte die ganze Zeit in meinem Leben, alles. Also habe ich gewusst, er ist ein guter Mensch und ein Gentleman. Ich habe das viele Male gesehen, wie er mit einem grossen Herz zu Leuten geht. Und das hat mich, na ja, auf einen Plan gebracht … (lacht)

Piotr Beczala: Diese Geschichte kann ich nicht mehr hören!

Katarzyna Bak-Beczala: Ende des Studiums habe ich mich entschieden, den Sommer mit meiner besten Freundin zu verbringen.

Piotr Beczala: Da brauchen Sie fünf Seiten nur für die Geschichte …

Katarzyna Bak-Beczala: Nein, nur ganz kurz: Ich dachte, die beiden würden gut zusammenpassen. Da lag ich wohl falsch …

Piotr Beczala: Bei uns geht das immer so, sie spricht und ich nicke (lacht). Nein, also das war wirklich so: Auch ich habe sie immer beobachtet. Wir haben da zusammen im Chor gesungen, als Freunde. Sie war einfach eine Nummer zu groß für mich. Ich bin ein bescheidener Junge. Ich hab in Katowice studiert, sie in Warschau, in der Hauptstadt. Dann hat sie so freche Freunde gehabt, die einfach alles besser wussten. Und ich war aus der Provinz und irgendwie habe ich mich nie getraut. Irgendwann, als es mit ihrer Freundin nicht geklappt hat, hat sich das ergeben.

„Ich habe so viele junge Tenöre gesehen, die an mir vorbeigeflitzt sind bis zum Crash.“

Hätten Sie Ihre Karriere auch so fulminant hinlegen können, wenn Sie alleine gewesen wären?

Piotr Beczala: Mit Sicherheit nicht. Ich bin ein Beispiel, dass eine Gesangskarriere wirklich eine Ausdauersituation und eine lange, lange Geschichte sein kann. Durch diese langen Jahre habe ich so viele jüngere Tenöre gesehen, die wie auf der Autobahn an mir vorbeigeflitzt sind und dann habe ich die oft rechts im Graben gesehen, nach dem Crash. Das ist bedauerlich. Jetzt, aus der Perspektive von 25 Jahren Bühnenerfahrung, kann ich das auch den jungen Leuten erklären: Langsamkeit zahlt sich immer aus.

Was haben denn die falsch gemacht, die drauf los gesaust sind?

Piotr Beczala: Ach, da sind so viele Verlockungen. Ich hatte diese auch. Man ist zum Beispiel einfach noch nicht reif für eine Karriere zum Singen in großen Häusern. Man muss dazu reifen, nicht nur stimmlich, auch psychisch. Und ich muss fähig sein, dass die Opernintendanten, die Dirigenten, die Regisseure, mich als Sänger ernst nehmen. Es ist selbstverständlich viel aufregender für Medien, wenn ein 28jähriger auf der Bühne steht und mit vollem Blut und Einsatz und jungen Kräften im dramatischen Fach einen glanzvollen Auftritt hinlegt. Ich habe zum Beispiel letztes Jahr mein Lohengrin und Don José-Debut gemacht. Mit 50.

Sehr außergewöhnlich.

Piotr Beczala: Ist es, aber ich kann das dafür jeden zweiten Tag singen.

Katarzyna Bak-Beczala: Und er wollte es so.

Piotr Beczala: Ich kann das kontrollieren. Ich kann die Emotionen auf der Bühne jetzt spielend kontrollieren. Ich weiß, wie weit ich gehen kann.

„Man hat als junger Mensch ein Recht darauf, dumm und unerfahren zu sein. Umso wichtiger ist das richtige Umfeld.“

Kann man also sagen, dass junge Tenöre eigentliche Opfer ihrer Leidenschaft werden?

Piotr Beczala: Auch.

Katarzyna Bak-Beczala: Auch.

Dass sie überrollt werden, weil sie alles sofort wollen?

Piotr Beczala: Sie haben ein Recht, dumm und unerfahren zu sein. Aber man muss Leute um sich haben, sei es ein Agent oder ein Dirigent oder ein befreundeter Sänger oder deine Frau, die sagen: „Pass auf, lieber noch nicht, warte noch einen Augenblick.“

Getraut man sich das denn in jungen Jahren? Ich stelle mir vor, man kriegt ein Angebot von einem großen Haus, große Rolle, der große Ruhm wartet. Sagt man dann tatsächlich: „Nein, ich bin noch nicht bereit.“?

Piotr Beczala: Ja.

Haben Sie sich das getraut in Ihrer Karriere?

Piotr Beczala: Ja, sicher.

Katarzyna Bak-Beczala: Immer.

Piotr Beczala: Ich habe zwei wichtige Verträge nicht unterschrieben. Weil ich fand, dass das einfach nicht gut für mich ist. Erst der dritte Anlauf hat geklappt, 2006, an der Metropolitan Opera in New York.

Was gab Ihnen die Sicherheit, dass Sie dann nicht einfach in Vergessenheit geraten oder dass man dann denkt, na gut, der Piotr möchte nicht, wir setzen auf einen anderen?

Piotr Beczala: Nichts. Nichts. Nichts. Ich wäre auch nicht traurig oder verzweifelt gewesen, wenn es nicht geklappt hätte. Mein Plan war nicht, ein Star der Metropolitan Opera zu sein oder ein Dauergast bei den Salzburger Festspielen. Nein, überhaupt nicht.

Was war denn der Plan?

Piotr Beczala: Mein Plan war – und ist! – die Rolle, die ich gerade zu singen habe, so gut wie möglich zu singen. Die Konsequenz aus diesem Handeln wird entweder belohnt oder man wird zurückgestellt.

„Junge, reiß dich zusammen, jetzt musst du für uns beide singen.“

Aber Ihre Konsequenz ist auch Ihre gemeinsame Konsequenz. Sie hatten das Glück, oder auch ein großes Talent, dass Sie über so viele Jahre diese Karriere machen konnten. Die grössere Zahl an Opernsänger muss eher Angst haben: Kriege ich jetzt noch eine Rolle, oder nicht? Warum funktioniert es bei Ihnen und bei anderen ist es ein brotloser Job?

Piotr Beczala: Weil ich nie richtig über die Karriere als Karriere nachgedacht habe. Es war nie mein Plan: Wenn ich bis 2007 an der Metropolitan nicht debütiere wird mein Leben ruiniert. Überhaupt nicht. Es gibt viele Opernhäuser in der Welt und ich war in Zürich zu Hause.

Und für Sie, Katarzyna, war das auch okay, dass er so planlos vor sich hinsang?

Katarzyna Bak-Beczala: Nein, ich glaube nicht.

Piotr Beczala: Also SIE hatte schon Ambitionen und Ehrgeiz.

Katarzyna Bak-Beczala: Ich muss sagen, ich habe große Ambitionen gehabt. Weil, wie gesagt, bei mir damals, als Studentin noch, alles sehr schnell angelaufen ist. Und als ich gesagt habe, okay, ich mache es dir zu Liebe nicht mehr, da …

Piotr Beczala: … hat sie zu mir gesagt: „Junge, reiß dich zusammen, jetzt musst du für uns beide singen.“ (lacht)

Katarzyna Bak-Beczala: Am Anfang unserer Ehe sang er noch nicht so gut wie jetzt.

Piotr Beczala: Sie war sehr gut und ich war wirklich mittelmäßig. Sagen wir es mal so.

Katarzyna Bak-Beczala: Ich sass dann also im Saal in Linz und habe mir gedacht: „Mein Gott, wovon werden wir leben?“ Wirklich, das waren meine Gedanken damals.

Da gab es auch Existenzängste?

Katarzyna Bak-Beczala: Ja. Aber ich kenne keinen anderen Menschen, der sich so entwickelt hat über die Jahre. Weil er das so wollte. Das hat mich immer fasziniert, er wollte immer besser und besser werden. Er ist unglaublich fleißig.

„Plötzlich wurde mir bewusst: Der Piotr kann die Menschen berühren. Das war der Moment als ich beschlossen habe, meine Karriere für ihn aufzugeben.“

Haben Sie von Anfang an an ihn geglaubt?

Katarzyna Bak-Beczala: Nein! Eben nicht. Erst nach ein paar Jahren. Erst im dritten Jahr seines Arbeitslebens, da habe ich gesehen: Er hat das Zeug dazu.

Was war das für ein Moment? Als Sie genau das gespürt haben?

Katarzyna Bak-Beczala: Als er mich ganz tief berührt hat. Als ich nichts gehört habe, das ich hätte korrigieren wollen. Er musste sich dazu öffnen. Und er hat sich geöffnet, irgendwann. Einfach so.

Piotr Beczala: Ich bin einfach introvertiert.

Katarzyna Bak-Beczala: Er hat mich wirklich erst einmal so bewegt. Es war eine Werther-Produktion, wo die Leute immer wieder gekommen sind. Dieselben Leute! Das war Kult in Linz. Damals wurde mir bewusst: Der Piotr kann die Menschen berühren. Und das war auch der Moment als ich beschlossen habe, meine Karriere für ihn aufzugeben.

Sie haben vorhin gesagt: „Ich wusste immer, dass ich in meinem Leben Liebe suche.“ Woher kommt dieser starke Wunsch nach Liebe? Den trägt ja jeder in irgendeiner Form in sich, aber bei Ihnen war er so ausgeprägt, dass Sie eben auch zu ganz vielen Schritten bereit waren.

Katarzyna Bak-Beczala: Ich weiß nicht, woher er kommt. Liebe ist einfach die Essenz meines Lebens. Ich finde, das macht Sinn: Mein Leben hat nur Sinn, wenn ich liebe und Liebe gebe. Dann bin ich glücklich. Sie müssen auch wissen: In diesen ersten Jahren meiner Karriere habe ich große Angst gehabt, Panik, dass ich alleine sein würde wie die anderen Primadonnen. Ich habe keine Primadonna gesehen, die wirklich glücklich war als Frau, die geliebt wurde. Alle waren einsam. Und das war meine größte Angst, ich wollte nicht alleine sein.

Aber genau diese Leidensfähigkeit braucht es doch, um dann auf der Bühne eine glaubwürdige Performance zu bringen? In der Oper geht es ja zumeist um Dramen, oder?

Katarzyna Bak-Beczala: Ja. Aber ich finde nicht, dass man diese auch erleben muss.

Piotr Beczala: Man muss persönlich kein Drama oder Trauma erleben, um es auf der Bühne spielen zu können. Obwohl, heutzutage gibt es Inszenierungen, die genau das verlangen. Da wird man zuerst gebrochen und zerstört und dann eventuell wieder aus der Asche gehoben. Ich glaube nicht an diese Sachen. Ich glaube eher, dass man als erwachsener Schauspieler die Rolle ernst nimmt, dann entwickelt man die Rolle und dann ist man glaubhaft.

„In diesem Beruf gibt es viele Menschen mit riesigen Egos.“

Sie haben mal in einem Interview gesagt, man soll Sie bitte nicht beleidigen, indem man Ihre Intelligenz unterschätzt. Wann hatten Sie das Gefühl, dass man Sie nicht ernst nimmt?

Piotr Beczala: Oh es gibt, es gab Momente. Wissen Sie, in diesem Beruf gibt es viele Menschen mit riesigen Egos. Seien das Sänger oder Regisseure oder Dirigenten. Wir kreieren aber gemeinsam etwas Grossartiges. Es ist nicht so, dass ich als Werkzeug von irgendjemandem auf der Bühne stehe und alles mache, was der mir sagt. Nein, nein, nein. Ich habe auch was zu sagen, weil ich im Endeffekt dort auf der Bühne bin. Ich bin der, der dort steht und schwitzt und versucht, mit meinem Können die Geschichte zu erzählen. Und ich verlange dadurch einfach mehr Respekt. Jetzt ist ja alles ein bissl einfacher, weil ich auf einem Level bin, wo ich automatisch ernst genommen werde.

Wo man Ihnen auch zuhört?

Piotr Beczala: So ist es, aber es war nicht immer so und ich habe auch verschiedene Phasen erlebt, wo ich mehr zugehört habe bei Produktionen. Und wenn ich dann so in der vierten Woche mit zwei Sätzen meine Meinung geäußert habe, waren alle schockiert, dass ich nicht nur denken, sondern auch einen Entschluss fällen kann, der uns weiterbringt, als Gruppe, als Team. Ein sehr schwieriges Thema…

Warum?

Piotr Beczala: Es geht darum, dass wir alle Interpreten sind und keine schaffenden Künstler wie Maler oder Bildhauer, die persönlich Verantwortung übernehmen für ihr Kunstwerk. Wir teilen uns die Verantwortung mit dem Regisseur und dem Dirigenten. Deswegen sollte man uns auch im Entstehungsprozess der Neuproduktion als Partner betrachten und nicht einfach als Werkzeug.

Sie sind der männliche Opernstar des Jahres, wurden in London ausgezeichnet. Im – für einen Sänger – „hohen Alter“ von 50, das ist eine aussergewöhnliche Leistung. Wie ist das für Sie gewesen, als Sie gehört haben, dass Sie diesen Titel erhalten werden?

Piotr Beczala: Ich habe mich sehr gefreut, selbstverständlich, das ist eine Riesenauszeichnung. Ich war dreimal nominiert, glaube ich, in verschiedenen Kategorien. Jetzt hat es geklappt. Eine Ehre, ohne Zweifel, eine Bestätigung, dass man doch was richtig gemacht hat. Aber sie hat keinen direkten Einfluss auf meinen beruflichen Werdegang.

Die Auszeichnung scheint Ihnen ziemlich egal zu sein …

Piotr Beczala: Ehrlich? Ja. Es ist zwar eine grossartige und wichtige Auszeichnung, aber ich habe damals schon beim Echo gesagt, vor drei Jahren – ich war der Sänger des Jahres in der Sparte „Klassik“ – : Es ist ein Preis für die Vergangenheit, mich interessiert aber vor allem die Zukunft. Somit sind solche Auszeichnungen für mich einfach ein Ansporn, um noch besser zu werden.

Was zählt für Sie denn mehr als Preise? Warum stehen Sie auf der Bühne?

Piotr Beczala: Ich habe ein gewisses Talent zum Singen. Und ich kann mit meiner Stimme Emotionen vermitteln. Und es hat sich in den letzten Jahren ergeben, dass sich diese Verbindung zum Publikum durch den Gesang, durch das Spiel, weiter und weiter entwickelt hat. Ich betrachte meinen Beruf wirklich als eine Berufung. Ich könnte aber auch was anderes machen. Ich wäre auch ein sehr guter Bäcker. Oder ein Schiffskapitän. Jeder kann ein Superstar sein in seinem Element. Es ist nur eine andere Verantwortung.

„Ich nehme meinen Beruf manchmal vielleicht zu ernst. Ich weiß ja, dass fast jeder Sänger schon mal ausgebuht wurde.“

Die Wertschätzung des Publikums, das ist beim Opernsänger eine Reaktion, die unmittelbar kommt und unberechenbar ist. Da merkt man sofort, ob man die Herzen öffnet, oder nicht. Es gab diesen Fall in Mailand, als das Publikum nach Ihrer Vorstellung gebuht hat. Was ist da genau passiert?

Piotr Beczala: Eigentlich ist es meine Schuld, dass das überhaupt solche Wogen schlug. Ich habe mich da über ein paar wenige Leute geärgert und einfach irgendwas in den Sozialen Medien gepostet. Das hat die ganze Lawine ins Rollen gebracht. Dabei waren es eigentlich nur drei, vier Leute, die gebuht haben.

Warum haben Sie das gepostet?

Piotr Beczala: Weil ich mich richtig geärgert habe. Wir haben sechs Wochen geschuftet. Ich habe alle gegen jegliche Kritik verteidigt. Den Dirigenten, den Regisseur. Wenn ich ein Engagement für eine Saisoneröffnung von der Scala habe, dann ist es für mich schon eine große Herausforderung. In jeder Hinsicht. Und ich will das gut machen. Aber wenn ich den Eindruck habe, dass jeder versucht, von der Torte das größte Stück raus zu nehmen, und mit keinem teilen möchte, dann wird es schwierig.

Der Dirigent wollte also die Traviata aller Zeiten dirigieren, der Regisseur wollte alles kaputt machen und eine neue Geschichte erzählen, und ich dazwischen habe verzweifelt nach dem Sinn gesucht. Ich bin vor der Generalprobe mit dem Regisseur zusammen gesessen und habe gesagt: „Du musst mir in den drei Stunden fünf Minuten Liebe geben, weil ich die Verantwortung trage, die ich dem Publikum da zeigen muss. Es ist kein Zufall, dass Alfredo und Violetta auf der Bühne stehen. Das sind keine kalten Fische, das sind Menschen mit Emotionen , er meinte es geht nur um ausnützen . Das ist falsch!“ Und der Regisseur hat mich dann irgendwie eine Pizza machen lassen. Ich war wirklich verärgert.

Die Generalprobe war für die jungen Leute unter 30 verkauft, volles Haus. Für zehn Euro die Karte. Es war ein grosser Jubel. Wir haben nach der Vorstellung mit den jungen Leuten geredet und waren danach voller Zuversicht, dass es doch gut angekommen war, froh darüber, unter diesen schwierigsten Bedingungen, irgendwie doch noch ein Spektakel geschaffen zu haben.

Ich wusste, dass der Regisseur einen Orkan aus Buhs bekommen wird. Ich als Sänger habe es aber sehr persönlich genommen. Dabei habe ich alles gegeben, und ich weiß, es gibt nichts, wofür ich mich schämen muss.

Katarzyna Bak-Beczala: Man hört dieses Buh überhaupt nicht, nicht mal bei der Aufzeichnung bei YouTube. Wie gesagt, das waren drei Leute.

Piotr Beczala: Ich nehme meinen Beruf manchmal vielleicht zu ernst. Ich weiß ja, dass fast jeder Sänger dort schon mal ausgebuht wurde.

Katarzyna Bak-Beczala: Ich wusste nicht, dass er seinen Ärger gepostet hatte.

Sonst hätten Sie ihn davon abgehalten?

Katarzyna Bak-Beczala: Natürlich! Aber sehen Sie: der Mensch auf der Bühne gibt sich wirklich ganz der Kunst hin. Deshalb war er so tief betroffen.

„Zu sehen, dass er leidet, das ist für mich schlimm, sehr schlimm.“

Was passierte in diesem Moment mit Ihnen, Katarzyna?

Katarzyna Bak-Beczala: Für mich ist es das Schrecklichste. Ich suche dann nach Antworten: Wie kann ich ihm helfen? Aber er lässt sich nicht so leicht helfen. Er ist so ein Typ, sehr emotionell, er zeigt es nicht, es hockt aber sehr tief drin und ich muss bohren, und langsam dringe ich dann vielleicht zu ihm vor. Zu sehen, dass er leidet, das ist für mich schlimm, sehr schlimm.

Piotr Beczala: Ich muss das ja auch erst mal selber verarbeiten, also für mich. Aber ich bin hart im Nehmen. Alle, die versuchten, mich da so ein bisschen runter zu bekommen, haben sich verschätzt.

Aber Sie singen auch wieder in Mailand?

Piotr Beczala: Ich habe einen Liederabend gesungen letztes Jahr, das war wunderbar. Ich habe kein Problem damit, in Mailand zu singen. Ein Sänger, ein ernsthafter, ehrlicher Sänger weiss, wenn er einen Mist baut, in Anführungszeichen. Wenn jemand buht, schreit, oder die Publikumsreaktion einfach nicht so stürmisch ist, weiß man auch, wo der Fehler zu suchen ist. Wenn man sich aber in dieser Situation nichts vorzuwerfen hat, dann wird es schwierig. Es sind Italiener zu mir gekommen, die haben sich entschuldigt. Die Chefs der Oper, die waren in der Premiere, kamen zu mir und sagten: Es tut uns wirklich leid, es ist grauenvoll.

Katarzyna Bak-Beczala: Bis heute schreiben die Leute in Mails oder auf Facebook: „Wann kommen Sie wieder zu uns?“ Ich persönlich muss aber sagen, auch wenn es vielleicht undiplomatisch ist, ich habe mich nie wohl gefühlt in Mailand.

Gibt es eine Art „Atmosphäre eines Hauses“ … ?

Katarzyna Bak-Beczala: So ist es. Darum lieben wir die Staatsoper Wien, darum lieben wir die Metropolitan Opera in New York, oder Zürich, da sind wir zu Hause. Wenn wir kommen, dann sind alle Leute da einfach froh darüber und das ist wunderschön.

Piotr Beczala: Es geht um Situationen im Hause, das fängt schon beim Portier an, über die Technik, Garderobe, Direktionsetage. Alle Leute, die in einem Haus arbeiten, bauen die Atmosphäre auf. Ich bin sehr pflegeleicht.

Sie sind keine Diva … ?

Piotr Beczala: Überhaupt nicht. Ich rede mit den Technikern, Choristen, Statisten weil die schuften sowieso genauso schwer wie wir, manchmal schwerer als wir …

Katarzyna Bak-Beczala: Er merkt sich jeden Namen!

Piotr Beczala: Ich kenne viele hier und noch aus der Zeit in Linz. Also: Mailand ist schon total speziell. Und ist eine der unfreundlichsten Gegenden, in denen ich gearbeitet habe.

„Anna Netrebko ist in New York unsere Nachbarin. Sie kocht stets zu viel Suppe, dann bringt sie uns einen kleinen Topf.“

Findet man auch ein Art Familienersatz in dieser Opernwelt, weil man ständig unterwegs ist? Weil es auch so wichtig ist, dass man sich wohl fühlt an dem Ort, wo man arbeiten muss? Weil es eben nicht nur eine Arbeit ist, sondern eine Berufung, wie Sie gesagt haben?

Piotr Beczala: Das ist absolut richtig und wir treffen immer wieder die gleichen Leute. Wir gehen nach Mailand und Paris oder London oder New York, wo man gerade irgendwas gesungen hat, und danach treffen wir fast immer die gleichen Kollegen. Dieses Sozialleben ist schon sehr verknüpft.

Katarzyna Bak-Beczala: Wir sind zum Beispiel befreundet mit Anna. Piotr singt fast jede Saison mit Anna Netrebko. Wir sind sogar Nachbarn in New York. Das genießen wir. Das normale Leben: Dass wir zusammen kochen, dass wir irgendwo hin gehen zusammen …

Piotr Beczala: Sie kocht stets zu viel Suppe, dann bekommen wir einen kleinen Topf und umgekehrt …

Katarzyna Bak-Beczala: Das genießen wir wirklich alle.

Wenn jemand dem 15jährigen Piotr gesagt hätte: Du wirst mal ein Opernstar! Wie hätte er reagiert?

Piotr Beczala: Als 15jähriger hätte ich wirklich herzlich gelacht. Weil ich damals null mit der Musik zu tun hatte und mein Interesse an der Oper war sehr begrenzt. Jeder kannte Caruso und das war es eigentlich auch schon.

Stimmt die Geschichte, dass Sie auf der Straße gesungen haben? Sie mit Hut auf der Straße?

Piotr Beczala: Ja, ja. Ich hatte kein Geld. Meine Eltern sind nicht wohlhabend und ich habe studiert, Gesang, und ein Kollege von mir hat gesagt: Pass auf, in Wien kann man schwarz arbeiten. Also gehst nach Wien, stellst Dich 5 Uhr morgens  beim Arbeitsamt an und dann gehst mal zum Fliesenlegen, mal zum Bau, erledigst Bauarbeiten. Ich habe eine Woche so gearbeitet.

Und irgendwann war Samstag, und ich bin da in der Innenstadt rumgelaufen und habe Leute gesehen, die musizieren. Und ich dachte: Mein Gott, die bekommen Geld dafür! Das ist aber obercool! So habe ich mich hingestellt, eine Mütze hingelegt, und ich habe in einer Stunde mehr verdient als an einem ganzen Tag auf der Baustelle. Da habe ich mir gedacht: So geht das! Ich bin doch nicht bescheuert! Von da an sang ich jeden Tag auf der Strasse und abends sicherte ich mir meinen Stehplatz in der Staatsoper. Das war eine grossartige Zeit!

Katarzyna, ohne Sie wäre Piotr, das sagt er auch, nicht an dem Ort, wo er ist. Wie viel seines Erfolges ist Ihr Verdienst?

Katarzyna Bak-Beczala: Ich glaube, ihm fehlt das, was ich habe, und wenn ich eine Sängerin wäre, würde mir das fehlen, was er hat. Und darum sagen wir immer, wir sind ein wirklich gutes Team. Weil wir uns ergänzen.

„Er ist ein Workaholic! Er braucht die Arbeit.“ – „Nein, nein, nein.“

Sie kochen leidenschaftlich gerne, sind Weinliebhaber, spielen beide Golf, haben einen Oldtimer. Ihr Leben ist bis oben hin vollgepackt! Ich kann mir nicht vorstellen, dass, wenn Ihre Karriere beendet sein sollte, Sie dann stillstehen.

Piotr Beczala: Mhm. Nein.

Katarzyna Bak-Beczala: Er ist ein Workaholic! Er braucht die Arbeit.

Piotr Beczala: Nein, nein, nein, bin ich überhaupt nicht. Ich kann morgen aufhören.

Glauben Sie das auch?

Katarzyna Bak-Beczala: Nein.

Piotr Beczala: Ich würde dann was anderes machen.

Katarzyna Bak-Beczala: Nein, nicht möglich.

Heißt das, Sie könnten sich vorstellen, endlos auf der Bühne zu stehen? Geht das überhaupt, von der …

Piotr Beczala: Nein.

… Stimme her?

Piotr Beczala: Das kann ich mir nicht vorstellen. Also, ich bin wirklich jemand, der an die Leistung glaubt. Und wenn die Leistung merkbar abnimmt, muss man sich entscheiden abzutreten. Es gibt sicher viele Rollen, die man noch im hohen Alter singt. Aber ich singe mein ganzes Leben schon im ersten Fach, ich könnte mir nicht vorstellen, irgendwie dann kleine Rollen zu singen, oder ins Charakterfach zu wechseln.

Wenn Sie merken würden, dass es stimmlich nur noch bergab ginge, dann würden Sie …

Piotr Beczala: Ja, sofort.

… den Bettel hinschmeißen?

Piotr Beczala: Ich schätze – na, Schatzi? – wir schließen die Spielzeit 2021/22 jetzt ab. Wir planen immer vier, fünf Jahre voraus. Das heißt, man muss auch einen Abgang vorbereiten. Man sollte schon wissen, was man mit – sagen wir – über 60 machen möchte.

Und was möchten Sie dann machen?

Piotr Beczala: Ich würde sicher unterrichten.

Katarzyna Bak-Beczala: Er wird unterrichten. Er liebt das. Er macht es leidenschaftlich gern und er selber hat einmal gesagt, er könne das sogar besser als singen.

„Ich möchte endlich ein Haus haben, mit Ziegen! Die sind so süss.“

Dann wären Sie aber an einen Ort gebunden.

Katarzyna Bak-Beczala: Das ist schön, die Vorstellung liebe ich (lacht). Ich warte darauf. Ich warte. Ich möchte endlich ein Haus haben, mein Traumhaus …

Piotr Beczala: Und Ziegen.

Warum Ziegen?

Piotr Beczala: Na, sie liebt Ziegen. Und sie will Ziegen.

Katarzyna Bak-Beczala: (lacht) Ich liebe Hunde und ich liebe Ziegen. Die sind so süss.

Piotr Beczala: Ich will einen großen Schäferhund haben. Das steht fest.

Katarzyna Bak-Beczala: Ja, wir wissen schon viel, aber wir wissen noch nicht wo. Vielleicht ja hier. Wir sind seit sechs Jahren Schweizer.

Es gibt keinen langweiligen Tag in Ihrem Leben, oder?

Piotr Beczala: Oh nein, nein, nein.

Katarzyna Bak-Beczala: Nein.

Piotr Beczala: Besonders wenn Sie mich im Golf schlägt.

Katarzyna Bak-Beczala: (lacht)

Katarzyna und Piotr Beczala im Gespräch mit Anna Maier

„Ich möchte die beste Frau sein. Das ist meine Ambition.“

Könnte es auch sein, Katarzyna, wenn Piotr die aktive Karriere beendet, dass dann Ihre Stunde schlägt und Sie dann zum Beispiel auch unterrichten?

Katarzyna Bak-Beczala: Ich habe diese Ambitionen wirklich nicht. Ich möchte die beste Frau sein. Das ist meine Ambition.

Dieses Ziel haben Sie aber schon erreicht, oder?

Katarzyna Bak-Beczala: Nein, ich lerne ständig und immer wieder neu, Frau eines Tenors zu sein. Ich muss eine Psychologin sein, ich organisiere alles, es ist viel zu tun und ich möchte einfach eine gute Frau sein.

Aber, apropos unterrichten: ich werde es nicht machen. Ich habe nicht diese Geduld, die er hat, gegenüber jungen Leuten, die nicht singen können. Ich würde viel zu schnell sagen: Nein, kein Talent, mit ihm möchte ich nicht arbeiten. Aber Piotr braucht 15 Minuten und plötzlich mache ich solche Augen. Weil plötzlich holt er aus diesem Mann oder Mädchen etwas raus, was ich nicht gesehen habe. Und es ist schön. Ich bewundere ihn. Als Lehrer wird er genial sein, ich weiß es.

Wenn Sie ja so gerne weitergeben und mit jungen Menschen arbeiten: War es eine bewusste Entscheidung, wenn ich fragen darf, dass Sie keine Kinder haben? Ginge das gar nicht in Ihrem unsteten Leben?

Piotr Beczala: Es war kein Plan, aber es hat sich so ergeben. Es gibt aber sehr viele Kinder in der Familie, Kasias Schwester hat zwei Töchter, mein Bruder hat zwei Töchter, meine Schwester hat drei Kinder, wir sind sehr engagiert als Onkel und Tante. So ist das Leben.

Katarzyna Bak-Beczala: Ich bin gläubig, ich suche immer eine Antwort auf meine Fragen und ich glaube, es sollte so sein, weil die Welt vielleicht eher einen Tenor mit Herz und Demut braucht als einen weiteren Vater. (lacht)

www.opernhaus.ch

Text: Anna Maier
Bilder: Claudia Herzog

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Kommentare

  • Beat Merki
    REPLY

    Sehr schön wie Piotr Beczala zusammen mit seiner Frau Katarzyna Bak-Beczala geimensam den Weg geht und die Erfolge so mit seiner Frau teilen kann, es stimmt halt schon, dass man gemeinsam stark ist.

    Danke für dieses schöne Interview Anna.

    3. Juli 2018

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