Stellung beziehen.

Setzen wir uns genug und konsequent ein für die gute Sache, für Menschen, die uns wichtig sind? Oder tun wir dies lieber klammheimlich, weil bequem und ungefährlich?

Mutig sein.

Was wir als mutig empfinden ist höchst subjektiv.

Dazu ein aktuelles Beispiel: Nach der Veröffentlichung von „KeinHochglanzmagazin“ am 1. Februar, schrieb mir ein Journalisten-Kollege per Whatsapp:

Wie ist das Feedback auf deine Geschichten?

  • Gut! Bin etwas überrollt worden von den vielen Emails. Hab eigentlich gar nichts erwartet. Überwältigend!

Wow, da ist ja super. Das gibt Mut weiterzumachen. 

  • Eigentlich ja. Finde es aber gar nicht so mutig. Du schon? Warum?

Ich finde, jedes eigene Projekt ist ein Wagnis. Und wenn man sich mit diesem Projekt auch der Öffentlichkeit aussetzt, umso mehr. 

  • Spannender Gedanke. Habe ich mir so noch nie überlegt. Ich finde aber, dass sich das Risiko in Grenzen hält, wenn man das weiterführt, was man immer gerne gemacht hat (spannende Menschen interviewen). Insofern habe ich null Druck und kein Risiko. Klar, es könnte dem einen oder andern nicht gefallen. Aber das ist doch immer so.

Soweit unser kurzer Austausch. Ich war ehrlich etwas erstaunt über die Wahrnehmung meines Kollegen. Aber eigentlich ja auch nur, weil ich eben ein total anderes Empfinden habe.

Risikofreude zeigen.

Natürlich ist es einfacher, wenn man angestellt ist und das Hauptrisiko auf den Schultern des Chefs oder des Unternehmens lastet.

Sicher ist es beruhigend, wenn pünktlich auf Ende Monat ein fixer Betrag auf dem Konto eintrifft.

Selbstverständlich macht es Spass, in einem vertrauten Team zu arbeiten und den täglichen Austausch auch über die eigene Arbeit zu haben.

Wer fühlt sich nicht geschützt im Umfeld einer Firma, die eine Meinung nach aussen vertritt? Auch wenn man nicht immer dieselbige teilt, kann man sich doch auch wunderbar dahinter verstecken.

Und nicht zu vergessen, wie angenehm es ist, einen vordefinierten Feierabend zu haben. Oder im besten Fall einen Vorgesetzten, der irgendwann einen Punkt setzt: „So, nun gehst du aber nach Hause!“

Und trotz all dem gibt es auch ein verdammt gutes Gefühl etwas zu machen, für das man zu 100% einsteht, weil man es selber kreiert hat.

Aber mutig sind für mich andere.

Angstfrei werden.

Ich bewundere Menschen, die angstfrei scheinen. Journalisten beispielsweise, die von der Front berichten in Kriegs- und Krisengebieten. Oder Autoren, die sich monatelang in den Sumpf knien, um vielleicht nur im Trüben zu fischen, aber vielleicht auch Verborgenes aufdecken, das uns alle weiterbringt.

Es ist mein frommer Wunsch, dass ich nie Angst verspüre. Ehrlicherweise muss ich auch zugeben, dass ich mich in meiner Arbeit noch nie akut gefährdet sah. Aber wenn ich lese, dass Angriffe auf Journalisten und ihre freie Meinungsäusserung in Europa in bedrohlichem Masse zunehmen, gibt mir das zu denken.

Gewaltfrei bleiben.

In einer Studie des Europarates gibt gut ein Drittel befragter Journalisten aus fast 50 Staaten an, dass sie  wegen ihrer Arbeit schon körperlich angegriffen wurden. 69 Prozent waren nach eigener Aussage Opfer psychischer Gewalt in Form von Drohungen, Verleumdungen und Einschüchterungen.

Für solche Journalisten setzt sich das 2015 in Leipzig gegründete Europäische Zentrum für Presse- und Medienfreiheit ECPMF ein. Lutz Kinkel ist seit Frühling 2017 Geschäftsführer. In Deutschland hat er sich mit seinen Artikeln und Kolumnen in Hintergrundmagazinen wie Stern oder Spiegel Online einen Namen gemacht als Qualitätsjournalist.

Im Rahmen meines Studiums, für das ich zurzeit öfters an der Leipzig School of Media bin, habe ich ihn kennengelernt. Mit Lutz Kinkel habe ich über den Mord am slowakischen Journalisten Ján Kuciak gesprochen und über die Freilassung des deutsch-türkischen Welt-Korrespondenten Deniz Yücel. Er sagt, es sei gefährlich, als Journalist angstfrei zu sein.

Ob er recht hat? Michelle Demishevich würde dem wohl zustimmen. Sie ist eine Journalistin aus Istanbul, die zurzeit an einem geheimen Ort in Deutschland Unterschlupf gefunden hat, weil sie als Transfrau in ihrer Heimat ihrem Job nicht mehr nachgehen konnte. Ich habe sie zum Gespräch getroffen und ihr zugehört, wie sie mutig und unbeirrt ihren Weg geht, obwohl andere in ihrer Situation längst schweigen würden.

Bewusst sein.

Beziehe ich genug Stellung, wenn ich mich entscheide, bei Menschen hinzuhören, die normalerweise nicht auf der grossen Bühne stehen? Menschen wie Michelle Demishevich, die sich nichts sehnlicher wünscht, als dass sie unbehelligt in ihrem Beruf als Journalistin arbeiten kann? Menschen wie Rosi Haase, eine Künstlerin, die sich Zeit ihres Lebens im Stillen und Verborgenen für die Entstigmatisierung von psychisch Erkrankten einsetzt?

Ich weiss es nicht. Aber es ist die Möglichkeit, die ich habe. Und diese möchte ich nicht ungenutzt lassen. Ich hoffe, dass ich mit meinem Hinhören dazu beitrage, dass Menschen ihre Sicht der Dinge erklären können.

Als Inspiration für uns alle, so mutig zu sein wie diese.

Bild: Vicki McLeod

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Kommentare

  • peter herzog
    REPLY

    hey, good to read you….
    tja, polieren gehört zu unseren verdrängungsmechanismen, ist ziemlich einfach…ihr ladies haben ja dann noch die beauty-industrie..
    hatte grad gestern einen bericht über indische frauen gesehen, die in der pampas versuchen, die kasten-übergriffe zu reduzieren, den respekt und das verständnis zu fördern, wenn zwei menschen sich aus verschiedenen kasten lieben und deswegen zuweilen physisch angegriffen werden….

    wir leben in einer hochgezüchteten, technischen welt. menschen finden es total cool, wenn sie mit siri sprechen können…weiss nicht so recht, mir ist es zu hohl, zu unpersönlich, ich rufe lieber einer person im kundendienst an, wenn ich was brauche… old school, i guess…. und wenn dann nicht das band wäre: für deutsch, drücken sie 1…….

    anyway, hoffe, dir geht’s gut, hast mich grad in einem starbucks erwischt, da hat man zeit, nachzudenken, zu überlegen, was für den einzelnen „fair-trade-kaffee-bauer“ wirklich rauskommt…. oder ob’s eben doch nur ein weiteres feigenblatt ist….

    wünsche dir einen tollen tag, der frühling naht…irgendwann… und wir trinken mal noch kaffee, gell!!??
    peter

    ps. … der von der iria.. 🙂

    2. März 2018

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