„Wir Köche sind sensible Wesen. Kritik kann uns zerstören.“ Andrew Fairlie, Sternekoch, 54

Vom Tellerwäscher zum Sternekoch. Die Lebensgeschichte von Andrew Fairlie hört sich fast unglaublich an: In einfachen Verhältnissen aufgewachsen, führt er heute das einzige Restaurant Schottlands mit zwei Michelin-Sternen. Einige Gourmets sagen, es sei das beste in ganz Grossbritannien.

Obwohl er viele Gründe hätte, abzuheben, hat er seine Wurzeln nie vergessen. Heute lebt und arbeitet Fairlie wieder am Ort seiner Kindheit – sein mehrfach ausgezeichnetes Restaurant befindet sich im altehrwürdigen Schlosshotel Gleneagles in der schottischen Grafschaft Perthshire – und er hat Mühe, seiner Kundschaft einen Wein für 2000 Britische Pfund zu empfehlen, weil er einen solchen Preis als unverhältnismässig empfindet.

Bescheidenheit und Dankbarkeit sind ihm wichtig, auch, weil er trotz massiven gesundheitlichen Einschränkungen nach einer Hirntumor-Diagnose, immer noch auf höchstem Niveau kochen kann.

Anna Maier: Sie sind gerade erst aus dem Urlaub zurückgekommen. Ihre Mitarbeiter sagten mir, Sie sähen tiefenentspannt aus. Ist dem so?

Andrew Fairlie: Ja, das ist richtig. Es war sehr erholsam. Wie Sie sicher besser wissen als die meisten anderen, habe ich gesundheitliche Probleme, auch wenn diese mich nicht davon abhalten, meinem Berufsalltag nachzugehen. Aber so ein dreiwöchiger Urlaub mit der Familie in der Sonne hat schon was…

Sonne ist ja in Schottland eher selten. Ironischerweise war aber in diesem Sommer auch hier schönstes Wetter. Aber was solls!

Ich habe ein paar ganz hervorragende Restaurants besucht und eine wunderbare Zeit mit der Familie verbracht. Ich habe ja gewissermassen zwei Familien, weil ich in zweiter Ehe verheiratet bin. Ausserdem hat meine älteste Tochter kürzlich ihr erstes Kind bekommen, ich habe also auch noch eine 19 Monate alte Enkelin.

Ich gratuliere! 

Danke! Es war toll, die ganze Familie um mich zu haben. Drei Generationen unter einem Dach.

Wie macht denn ein Andrew Fairlie Urlaub?

Also, wir mieten immer ein Haus, das gross genug ist für uns alle. Ich liebe es, in Südfrankreich zu kochen, weil es dort so fantastische Zutaten gibt. Man muss ja nicht stundenlang in der Küche stehen, aber wir machen Salat, grillieren und besuchen die lokalen Märkte. Bei uns spielt Essen auch im Urlaub eine grosse Rolle. Daneben lese ich viel und versuche, zu relaxen, gehe viel spazieren und geniesse die gemeinsame Zeit mit der Familie.

„Ich bin ein Perfektionist. Die Familie findet, dass ich es damit manchmal übertreibe.“

Ist es für Sie anders, ob Sie für Ihre Familie kochen oder für die Gäste Ihres Restaurants?

Für die Familie koche ich nicht so aufwändig. Trotzdem lege ich auch privat beim Kochen Wert auf Disziplin. Ich glaube, meine Familie nervt das manchmal: Wenn wir beispielsweise einen Tomatensalat zubereiten, müssen die Tomaten in gleich grosse Stücke geschnitten werden, da bin ich pingelig.

Das ist bei mir generell so. Vor allem in meiner Küche daheim. Die muss blitzblank sein und alles an seinem Platz. Ich nehme also schon einiges aus dem Beruf mit ins Privatleben. Bezogen auf Lebensmittel, die Zubereitung und unsere Esskultur.

Es macht mir beispielsweise grossen Spass, auf dem Markt einzukaufen. Meine Familie begleitet mich zwar gerne, aber es kann dann schon mal zehn Minuten dauern, bis ich mich für einen Fisch entschieden habe. Und wenn es ans Kochen geht, muss die Marinade für mich exakt auf den Punkt sein, während die anderen das entspannter sehen. Meine Kinder sagen dann nur: „Dad, leg es einfach auf den Grill.“

Wissen Sie, ich bin ein Perfektionist. Die Familie findet sicher hier und da, dass ich es übertreibe. Aber die eiserne Disziplin, die ich im Beruf einhalte, gehört halt zu den Dingen, auf die ich auch zu Hause Wert lege.

Haben Sie diese professionelle Haltung auch, wenn Sie ins Restaurant gehen? Analysieren Sie sofort die Speisen und Zutaten, wenn Sie ein fremdes Restaurant besuchen?

Es kommt darauf an, was ich esse. Ich kann mit meiner Familie eine Pizza essen gehen, ohne grossartig über die Pizza zu urteilen. Wer bin ich denn? Hauptsache, sie schmeckt, dann kann ich einfach entspannen und geniessen.

Vorausgesetzt, die Tomatenstücke sind alle gleich gross und gleichmässig verteilt? (lacht)

Die Pizza muss nur gut gewürzt und mit ordentlichen Zutaten zubereitet sein, dann bin ich zufrieden. Es geht mir nicht bei jedem Restaurantbesuch um eine Bewertung. Ich kann auch einfach mit der Familie irgendwo ganz entspannt essen gehen.

Natürlich kommt es auch öfter vor, dass ich Restaurants aus beruflichem Interesse aufsuche. Drei oder vier Leute aus meinem Team reisen beispielsweise für drei Tage nach Paris, um sich dort ein Bild davon zu machen, wo wir mit unserer Küche stehen. Es geht nicht darum, abzukupfern. Wir wollen nur wissen, ob andere es besser machen als wir.

Sie müssen also manchmal aus dem Alltag ausbrechen, um sich inspirieren zu lassen? Mal ehrlich: Wie viele Gemüse- und Gewürzsorten baut Ihre Gärtnerin, Jo Campbell, in Ihrem geheimen Garten an? Bringen Sie jeweils neue Ideen aus dem Urlaub mit?

Ja, das ist tatsächlich so. Aber es sind nicht allein meine Ideen. Jo, die Gärtnerin, ist auch sehr umtriebig und bringt von ihren Reisen immer wieder Samen mit von Pflanzen, die mir gänzlich unbekannt sind. Sie nutzt einen kleinen Teil des Gartens für Experimente. Im Moment baut sie gerade versuchsweise Kurkuma an aus Gelbwurzsamen, die sie vor ein paar Jahren aus Indien mitgebracht hat.

Und? Wächst das hier überhaupt?

Ja, sogar erstaunlich gut. Damit hatte ich gar nicht gerechnet, aber es wächst und gedeiht. Vor Kurzem hat sie zwei Wochen in North Carolina verbracht und experimentiert jetzt mit neuen Samen und Pflanzen. Wir alle teilen dieselbe Leidenschaft. Ich persönlich liebe Südostasien und einige Aromen aus dieser Region. Leider ist es furchtbar weit weg.

„Ich entscheide mich nur für etwas, wenn es mich zu begeistern vermag.“

Habe ich das richtig verstanden? Sie entwickeln neue Ideen anhand der neuen Pflanzensorten, die Jo Campbell anbaut?

Nein, Sie pflanzt etwas, das uns gänzlich unbekannt ist, und fragt mich dann, was ich davon halte und ob sie das ins reguläre Sortiment aufnehmen soll. Ich probiere dann und entscheide entweder dagegen, wenn es mich nicht inspiriert, oder dafür, wenn es mich begeistert.

Wenn ich dann frage, wann ich das beziehen kann, sagt sie: Gib mir sechs Wochen. Das ist das Schöne daran, wenn man seinen eigenen Gärtner im Team hat.

Wenn ich richtig informiert bin, arbeiten Sie auch mit Ihrem Bruder zusammen, der einen Bauernhof betreibt.

Das war einmal. Er war aber nur am Betrieb beteiligt. Inzwischen hat er sich wieder aus der Landwirtschaft zurückgezogen. Aber ich habe damals, als ich das Restaurant eröffnet habe, über meinen Bruder zahlreiche wichtige Kontakte zu Lebensmittelproduzenten knüpfen können. Ob Sie es glauben oder nicht: Wir befinden uns in der fruchtbarsten Gegend Schottlands. Aber es war sehr schwierig, an gute Produzenten heranzukommen.

Auch für Sie? Warum das?

Weil sie die Art von Qualität, die ich für mein Restaurant benötige, nicht gewohnt waren. Sie haben Durchschnittsware produziert. Da ging es vor allem um Quantität. Die meisten waren kleine Familienbetriebe, die noch nie direkt mit Köchen zu tun gehabt hatten. Im Gegenzug haben die meisten Köche keinen direkten Kontakt zu kleinen Produktionsbetrieben.

Jim, mein Bruder, kannte kleine Spargelbauern, die sich mit der Vermarktung ihrer Produkte schwertaten. Und ein Bio-Erzeuger von Hähnchen oder Enten hatte vielleicht nur dreissig Enten zu verkaufen, zu wenig für Grosshändler oder Supermärkte. Darum waren sie daran interessiert, Restaurants direkt zu beliefern. Jim war ein hervorragender Mittelsmann.

Jim ist Ihr Bruder?

Ja. Er hat den allerersten «Farmers’ Market» ins Leben gerufen, ausgerechnet in Perth. Ich glaube, nachdem die kleinen Produzenten erst einmal begriffen hatten, dass die Menschen sich ernsthaft für Nahrungsmittel interessieren, war es ein Selbstläufer. Die Idee hat sich verselbständigt: Im Grunde sind alle Farmers’ Markets Ableger dieses ersten Marktes in Perth.

Trotzdem: Wenn man – wie ich als junger Mann – gerade aus Frankreich zurückgekommen war, wo man auf dem Markt die erstaunlichsten Produkte kaufen konnte, war Schottland … ernüchternd.

Ein hochwertiges Hähnchen zu finden war schon eine Herausforderung. Und, so unglaublich das klingen mag für Schottland, auch hochwertiges Rindfleisch war Mangelware. Man musste schon einen grossen Aufwand betreiben, und es hat ewig gedauert.

Andrew Fairlie im Gespräch mit Anna Maier vor dem Gleneagles-Hotel, in dem sich sein Sternerestaurant befindet.

„Wir waren sehr einfache Leute. Meine Mutter Schuhverkäuferin, mein Vater Lehrer.“

Mittlerweilen sind Sie seit 35 Jahren Koch, haben schon früh diese Leidenschaft entdeckt. Ich habe gelesen, dass das Kochen für Sie schon als Kind eine zentrale Rolle gespielt hat. Wie kam es dazu?

Wir waren sehr einfache Leute. Ich hatte vier Geschwister, meine Mutter war Schuhverkäuferin und mein Vater Lehrer. Mein Vater war zuerst daheim, also war er für das Abendessen zuständig. Ich habe meinem Vater oder meiner Schwester beim Kochen geholfen. Für uns hatte Essen immer schon einen sehr hohen Stellenwert.

Waren Sie der Älteste?

Der Zweitälteste. Ich habe noch eine ältere Schwester. Dazu zwei jüngere Brüder und noch eine jüngere Schwester. Das Schönste aber war, dass wir beim Abendessen alle zusammen an einem Tisch gesessen haben.

Wir waren keine anspruchsvollen Esser, aber wenn ich sehe, was heutzutage auf den Tisch kommt, war es der reinste Albtraum! Damals gab es jeden Abend Kartoffeln. Unser Essen war einfach, aber immer aus frischen Zutaten selbst zubereitet. Wir haben das Abendessen richtig zelebriert.

Als ich vierzehn war, habe ich nicht im Traum daran gedacht, mit Kochen meine Brötchen zu verdienen. Eine Karriere als Koch stand nicht auf dem Plan. Ich glaube, ich habe einfach gerne gegessen. Ich liebte es, jeden Abend mit der ganzen Familie am Tisch zu sitzen. Abgesehen vom Essen an sich wurde viel geredet, diskutiert, gelacht und gestritten.

Worüber haben Sie geredet?

Hauptsächlich über politische Themen.

Tatsächlich?

Ja. Mein Vater war damals stark in der Politik engagiert. Ansonsten haben wir uns über ganz alltägliche Dinge unterhalten. So wie das bei Geschwistern oft der Fall ist, sind wir alle sehr, sehr verschieden. Aber wir haben uns alle schon immer für Geschichte und Politik interessiert, so dass diese Themen oft im Mittelpunkt standen. Im Lauf der Jahre engagierte sich mein Vater politisch immer stärker .

„Ich war schon als Kind sehr eigenständig und unabhängig. Stur und entschlossen.“

Wie würde Ihr Vater Sie beschreiben?

Ähm… Ich glaube, ich war schon als Kind sehr eigenständig und unabhängig. Da wir fünf Kinder waren, mussten wir alle schon früh Geld verdienen. Wir haben Beeren gesammelt und Kartoffeln geerntet. Ich habe also schon früh gelernt, Geld wertzuschätzen. Wenn ich oder meine Geschwister neue Schuluniformen wollten, mussten wir im Sommer Beeren pflücken.

Wir waren alle fleissig. Aber ich denke, dass meine Eltern mich schon früh als besonders eigenständig betrachtet haben. Ich habe mir selbst Arbeit für das Wochenende gesucht und in einem Hotel Geschirr gespült.

Wie er mich beschreiben würde? Hmmm… Als sehr stur, sehr entschlossen.

Ein Rebell.

Nein, nicht wirklich ein Rebell. Ich war kein Unruhestifter. Ich habe nicht tagtäglich mit meinen Brüdern gerauft. Ich war mehr unterwegs. Mit dem Hund und ein paar Freunden. Ich kam erst gegen halb fünf, fünf nach Hause. Ausser in den Ferien, wenn ich arbeiten war. Mein Vater würde also vermutlich auf diese Frage antworten: «Andrew hat immer zusammen mit seinen Freunden sein eigenes Ding gemacht.» Ich war schon in jungen Jahren sehr unabhängig. Auch finanziell.

Sie wirken sehr bodenständig. Sie sind in Perth aufgewachsen, in die Welt gezogen und trotzdem vor vielen Jahren wieder hierher zurückgekehrt, wo Sie Ihre Wurzeln haben. Sind Sie deshalb über all die Jahre geblieben, weil Sie sich dem Ort Ihrer Kindheit speziell verbunden fühlen?

Ich glaube schon. Ich denke, ich bin nicht zufällig im Gleneagles gelandet. Ich habe es als Chance erkannt, und die Entscheidung ist mir nicht schwergefallen. Eben weil es das Gleneagles war, weil es Perthshire war. Ich habe die ersten fünfzehn Jahre meines Lebens hier verbracht, und ich habe die Gegend immer geliebt. Ich habe Verwandte hier, die mir sehr nahe stehen, und es war wunderbar, zurückzukommen und nur acht Meilen von meinen Eltern entfernt zu wohnen.

Leben Ihre Eltern noch?

Ja, beide leben noch. Sie wohnen in Crieff.

Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich mit zwanzig mein erstes Stipendium bekommen habe und mich jemand gefragt hat: „Was willst du jetzt tun? Was möchtest du im Leben erreichen?“ Ich habe geantwortet, dass ich eines Tages zurückkommen und in Schottland leben möchte: „Als Betreiber des ersten Drei-Sterne-Restaurants in Schottland.“

Ich war damals noch sehr jung, aber ich habe schon immer gewusst, dass ich eines Tages zurückkehren würde. Ich habe die Gelegenheit genutzt, zu reisen und an anderen Orten zu leben und zu arbeiten, aber ich wusste immer, dass ich früher oder später wieder hier lande.

Natürlich habe ich nicht geahnt, dass ich ein Restaurant im altehrwürdigen Gleneagles eröffnen würde. Aber es passt irgendwie, weil ich schon als Lehrling an meinen freien Tagen hier gejobbt habe. Damals war es noch ein Saisonhotel. Ich habe mich richtig reingehängt und super Buffetarrangements kreiert.

Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich als kleiner Junge das Gleneagles Hotel zum ersten Mal gesehen habe. (Gibt einen bewundernden Laut von sich.)

Und jetzt, dreissig Jahre später, bin ich wieder da und habe genau dort mein eigenes Restaurant!

„In meinem Innern verbarg sich ein Kern eiserner Entschlossenheit. Ich wollte ein respektierter Koch werden.“

Wenn der junge Andrew von damals jetzt vor mir sässe, und ich zu ihm sagen würde: „In einigen Jahren bist du einer der besten Köche in ganz Schottland und betreibst ein Restaurant, von dem manche behaupten, es sei das beste im ganzen Vereinigten Königreich.“ Was würde er wohl sagen?

Er würde Sie für verrückt erklären. Wenn ich der 19-jährige Bursche von damals wäre, und Sie würden mir prophezeien, ich hätte in eben diesem Gleneagles ein eigenes Restaurant und wäre ein berühmter Koch, würde ich das niemals für möglich halten. Ich würde das als Wunschdenken abtun, als einen Traum.

Obwohl ein solcher Traum für mich tatsächlich einen Ehrgeiz hätte auslösen können: Nach aussen hin war ich immer sehr schüchtern. Aber in meinem Inneren verbarg sich ein Kern eiserner Entschlossenheit. Ich wollte Koch werden, ein guter Koch.

Wollten Sie immer bei allem, was Sie tun, der Beste sein?

Ja. Ich denke, man sollte etwas entweder richtig machen oder gar nicht. Doch ich hatte schon immer viel Selbstvertrauen. Escoffier, diese gottgleiche Lichtgestalt aus meiner Jugend, berühmt und von allen bewundert für seine überragende Kochkunst, hat mich inspiriert. Aber ich wollte nie wie er sein.

Mein Ehrgeiz bestand darin, als guter Koch anerkannt zu werden. Als ein respektierter Profi. Und als Handwerker im wörtlichen Sinne. Ich fühle mich bis heute meiner der Arbeiterklasse entsprungenen Arbeitsmoral verpflichtet und gebe mein Bestes bei allem, was ich tue.

Sie haben mir erzählt, dass Sie hier in sehr einfachen Verhältnissen aufgewachsen sind. Ist das der Grund, weshalb Sie heute noch zögern, wie ich es in einem Zeitungsartikel gelesen habe, viel Geld auszugeben für einen Urlaub? Hat das auch mit Ihrer Herkunft zu tun? Ich persönlich denke ja, dass man seine Herkunft nicht verleugnen kann.

Das denke ich auch. Wie gesagt: Geld zu haben, ist für mich keine Selbstverständlichkeit.

Auch heute noch nicht.

Auch heute noch nicht. Manchmal ist es mir sogar unangenehm.

„Es fällt mir sehr schwer, jemandem 2000 Pfund abzunehmen für eine Flasche Wein.“

Inwiefern?

Beispielsweise bei Sitzungen der Geschäftsleistung im Gleneagles Hotel, einem Fünf-Sterne-Haus. Wenn wir uns die Zahlen ansehen, das, was die Gäste am Abend ausgegeben haben.

Manche Gäste wünschen eine richtig gute Flasche Wein. Das war erst kürzlich wieder der Fall. Es fällt mir aber sehr schwer, jemandem 2000 Pfund abzunehmen für eine Flasche Wein. Ich persönlich könnte vor mir selbst einen solchen Betrag niemals rechtfertigen. Gewisse Leute tun das, ohne mit der Wimper zu zucken, aber bei mir im Restaurant arbeiten Menschen, für die das eine astronomische Summe ist.

Es fällt mir sogar schwer, einem Gast einen solch teuren Wein zu empfehlen, weil ich selbst niemals so viel Geld dafür ausgeben würde. Für mich ist das… Ich weiss auch nicht, wie ich es in Worte fassen soll.

Vielleicht versuche ich es mit einem anderen Beispiel: In diesem Jahr habe ich für den Urlaub mehr ausgegeben als je zuvor. Wenn ich meinen Eltern verraten würde, wie viel ich für das Ferienhaus bezahlt habe, würden sie sagen: „Tatsächlich? Was ist denn bitte schön an einem Haus so viel wert?“ Sie würden es nicht verstehen. Sie fänden es absurd.

Und warum haben Sie so viel Geld ausgegeben?

Wegen meiner Enkelin. Weil ich die ganze Familie um mich haben wollte. Meine Tochter heiratet nächstes Jahr, und es ist wahrscheinlich das letzte Mal, dass wir alle zusammen Urlaub gemacht haben. Alle meine Mädels und der Verlobte meiner Jüngsten. Die beiden heiraten nächstes Jahr, und dann sind sie weg. Es war mir wichtig, dieses Jahr noch einmal alle bei mir zu haben.

Und ich wollte ihnen auch zeigen, was man erreichen kann, wenn man hart genug dafür arbeitet. Ich bemühe mich wirklich sehr, meinen Kindern den Wert des Geldes zu vermitteln. Die richtige Arbeitsethik. Sie wissen um meine einfache Herkunft, und sie haben diesen Urlaub wirklich zu schätzen gewusst. Das hat mich sehr glücklich gemacht.

„Wenn alle Experten sind, was zum Teufel ist ein Experte dann noch wert?“

Sie scheinen nichts unüberlegt zu tun, nehmen das, was Sie tun, sehr ernst, zumindest scheint es so. Heutzutage gibt es aber viele sogenannte Food-Blogger, im Internet gibt es zahllose Food-Blogs, Vegan essen liegt voll im Trend. Macht es den Markt kaputt, dass jeder sich für einen Experten in Sachen Lebensmittel und Kochen hält? Oder halten Sie dieses Phänomen für eine Modeerscheinung, die in ein paar Jahren wieder passé sein wird?

Dieser Trend wird vorübergehen. Manches ist auch ziemlicher Schrott, um ehrlich zu sein. Manchmal, wenn ich in der Küche bin, sehe ich mir Instagram-Posts an. Die Leute kommentieren jedes Gericht, das ihnen serviert wird. Das ist so vergänglich und so langweilig. Es raubt dem Erlebnis beim Besuch eines Restaurants seinen ganzen Charme. Ich beobachte das mit einer gewissen Skepsis. Wenn alle Experten sind, was zum Teufel ist ein Experte dann noch wert? Ich halte es für gefährlich und für ungesund. Viele der Blogs, die ich lese, beinhalten Unsinn.

Und trotzdem lesen Sie diese Blogs?

Na ja. Ich folge dem einen oder anderen. Elizabeth Auerbach zum Beispiel. Vor dieser Frau habe ich grossen Respekt. Sie hat wirklich eine Ahnung, und ich respektiere ihre Meinung.

Und dann lese ich noch die Posts von Andy Hayler, wobei ich in 90 Prozent der Fälle anderer Meinung bin als er. Ich war schon in vielen Restaurants, über die er schreibt, und ich habe dort interessanterweise völlig andere Erfahrungen gemacht. Ich vergleiche meine Erfahrungen gerne mit denjenigen eines anderen im selben Restaurant. Erstaunlich, wie gegensätzlich diese ausfallen können. Beispielsweise darüber, ob die Preise gerechtfertigt sind.

Aber ich nehme mir das nicht wirklich zu Herzen. Ich weiss gar nicht, wann ich das letzte Mal die Kommentare auf TripAdvisor gelesen habe. Ich habe aber bisher noch nie etwas geändert wegen eines Blogs, einer Kritik oder dergleichen.

Es wird viel darüber geschrieben, wie sehr Köche unter Druck stehen, immer neue Gerichte zu erfinden für die anspruchsvolle Klientel, oder um sich einen weiteren Michelin-Stern zu holen. Wie gehen Sie mit diesem Druck um? Fühlen Sie sich überhaupt unter Druck gesetzt?

Ja, es gibt sicherlich Druck. Kochen ist ein hartes Geschäft. Man darf sich nicht auf seinen Lorbeeren ausruhen. Man muss immer am Ball bleiben. Aber ich empfinde diesen Druck als positiv. In meinen Augen ist es sogar konstruktiv: Wir müssen unsere eigene Entwicklung im Auge behalten, uns hinterfragen, unsere Getränkekarte immer mal wieder aktualisieren und die Nutzung unseres Gartens optimieren.

Auch ich habe Trends mitgemacht. Beispielsweise vor sechs oder sieben Jahren, als im Vereinigten Königreich die Molekularküche in Mode kam. Das war in der Branche ein Riesenthema. Natürlich war es nur eine Modeerscheinung. Im Nachhinein weiss man es immer besser. Auch wir waren von diesem Trend betroffen. Es wurde nicht mehr über uns geschrieben, weil die Kritiker nur noch in den anderen hippen Restaurants waren. Flüssigstickstoff war der Renner. Speisen wurden direkt auf dem Tisch, in Gläsern oder auf Holz serviert.

Ich hatte damals ein paar junge Köche in meinem Team, die meinten, wir sollten mitziehen: „Chef, hast du gesehen, was sie in Spanien machen? Und erst in Chile!“ Die Presse und meine Köche haben mich bedrängt. Sie meinten, dass wir auf den Zug aufspringen müssten, wenn wir im Gespräch bleiben wollten. Ich habe mich breitschlagen lassen und es drei, vier Monate versucht, aber ich habe es gehasst.

Gott sei Dank habe ich rechtzeitig einen Rückzieher gemacht. Ich halte das brave Folgen von Trends für gefährlich. Ich bin der Überzeugung, dass die Leute perfekt zubereitete, aber im Grunde einfache Speisen wollen. Wenn jemand etwas mehr Tamtam wünscht, kann er das gerne haben, aber wir folgen nicht jedem Trend.

„Ich möchte eine Kartoffel nicht in einen Stein verwandeln. Das macht für mich keinen Sinn.“

Wo ziehen Sie die Grenze?

Heute?

Genau. An welchem Punkt würden Sie klar sagen: „Jetzt ist Schluss!“?

Ich glaube, zurzeit haben wir auf der Karte gar keine besonders ausgefallenen Gerichte. Ich lasse mich vor keinen Karren mehr spannen. Ich wünsche mir von meiner Küche und meinen Leuten Spitzenqualität. Gerichte, die geschmacklich und optisch überzeugen. Und, wenn Sie mich fragen: je einfacher, desto besser.

Ich sage meinen Leuten in der Küche immer wieder: „Brauchen wir dies, brauchen wir das? Was hat das hier zu suchen?“ Ich bemühe mich, meine Küche möglichst minimalistisch zu halten. Nach japanischem Vorbild. In Japan wird auf alles verzichtet, was nicht wirklich relevant ist. Wenn Sinn und Zweck einer Zutat nicht klar erkennbar sind, gehört sie auch nicht auf den Teller. Warum sollte ein Gast etwas essen, das nicht wirklich auf seinen Teller gehört?

Ich denke, dass wir keine Tricks brauchen. Ich möchte eine Kartoffel nicht in einen Stein verwandeln. Es sieht witzig aus, ist sicher auch unterhaltsam, aber mal ehrlich: Wenn ich von einem meiner Köche verlange, dass er eine Kartoffel drei Mal bei unterschiedlichen Temperaturen kochen und anschliessend mit Zuckerglasur optisch in einen Stein verwandeln soll, macht das für mich einfach keinen Sinn.

Eine Kartoffel ist eine Kartoffel und sollte das auch bleiben. Zu verlangen, dass jemand sie zum Schein in etwas anderes verwandelt, ist in meinen Augen reine Zeitverschwendung. Es passt nicht zu mir. Es passt nicht zu meiner Persönlichkeit. Es passt nicht in unser Konzept.

Sie waren von Anfang an als Koch sehr erfolgreich. Mit 20 haben Sie bereits Ihre erste Auszeichnung erhalten. Welchen Rat würden Sie Nachwuchstalenten geben? Nicht alles zu persönlich nehmen, sich nicht zu sehr unter Druck setzen lassen, einen eigenen Weg gehen?

Neulinge im Geschäft sollten vor allem den Traum vom schnellen Ruhm vergessen. Ich habe mit Kochen angefangen, weil es meine Passion ist, weil die Küchenatmosphäre mich begeistert. Ich fand es nie langweilig, zwei Kisten Orangen zu schälen. Ich habe es geliebt.

Man sollte sich von Anfang an darüber im Klaren sein, dass sich beim Kochen vieles wiederholt. Übung macht den Meister: Das muss man als Anfänger verinnerlichen – und das gilt für Schreiner oder Mechaniker genauso wie für angehende Köche, für alle, die mit den Händen arbeiten.

Dann langweilen Sie sich beim Kochen nie?

Nein. Unsere Arbeit ist im Grossen und Ganzen jeden Abend gleich. Natürlich gibt es geringfügige Abweichungen, Sonderwünsche. Und genau diese Konstante ist das Schwierigste in unserem Beruf. Es wird mir nie langweilig, die immer gleiche Qualität sicherzustellen.

„Wenn man nicht mit Leib und Seele bei der Sache ist, schmeckt man das.“

Was treibt Sie an? Können Sie erläutern, was für Sie die Faszination am Kochen ausmacht?

Ich glaube, das sind zwei Dinge, Dinge, die man vordergründig nicht sieht: Ich versuche, Menschen glücklich zu machen, und als guter Koch muss man, glaube ich, grosszügig sein.

Ich denke, dass man seine eigene Persönlichkeit in die Arbeit einfliessen lassen muss. Wenn man nicht mit Leib und Seele bei der Sache ist, schmeckt man das.

Und nehmen wir den Garten: Wenn ich in den Garten gehe, erwartet mich dort eine Frau, die liebt, was sie tut, vom Pflanzen bis zur Ernte. Sie bringt das Gemüse persönlich in die Küche und lehrt die jungen Köche Respekt zu haben vor dem, was sie tun. Das ist die Essenz: Dass in unserem Beruf jedes Detail wichtig ist. Dass man alles zu einem harmonischen Ganzen zusammenfügen muss, damit es perfekt wird. Mich macht das glücklich. Zufrieden.

Ich weiss, dass es an die fünfzig Gäste in meinem Restaurant ebenfalls glücklich und zufrieden macht, von Menschen umgeben zu sein, die lieben, was sie tun.

Auch ich brauche das Gefühl, von Menschen umgeben zu sein, die diesen Beruf ebenso sehr lieben wie ich, egal, ob es nun mein Geschäftsführer ist, mein Sommelier oder ein Kellner.

Es ist wirklich so: Ich brauche Menschen um mich, die für das brennen, was sie tun. Das müssen nicht zwingend Leute sein, mit denen ich privat verkehren möchte.

Aber sicher ist es schon auch eine Art «Dankeschön», wenn man mit dem einen oder anderen Michelin-Stern belohnt wird. Wie wäre das für Sie, wenn man Ihnen die Sterne wegnehmen oder das Restaurant schlechte Kritiken bekommen würde? Was würde das für Sie und Ihr Team bedeuten? Können Sie sich das überhaupt vorstellen, oder ist das undenkbar?

Ich wäre am Boden zerstört. Ich glaube, Köche sind sensible Naturen. Wir nehmen Kritik sehr persönlich.

Für mich wären zwei unzufriedene Gäste in meinem Restaurant ein echtes Horrorszenario. Das würde mir den ganzen Abend verderben. Auch wenn 48 Gäste mit ihrem Abend rundum zufrieden waren, unter dem Strich würden für mich nur diese zwei zählen. Das würde mich richtig fertig machen. Am nächsten Tag würde ich anders an die Arbeit herangehen, fest entschlossen, dass sich so etwa niemals wiederholen darf.

Wir Köche sind Sensibelchen. Viele Leute sagen von sich, dass sie nicht egoistisch sind. Aber ich denke, man sollte seinem Ego Raum lassen. Man braucht schon ein gefestigtes Ego, um so ein Geschäft bis zum Ende durchzuziehen. Der Druck ist immens…

Mein Ziel war von Anfang an mindestens ein Zwei-Sterne-Restaurant. Ein Stern war mir nicht genug. Und ich wollte es rasch erreichen.

Ist das etwas, was man planen kann? Was man sich konkret vornehmen kann? «Ich will ein Zwei-Sterne-Restaurant»?

Ich denke, es ist mehr eine innere Überzeugung. Ich hatte ja bereits in Restaurants mit einem Stern gekocht, wusste also, dass ich das kann. Und ich kenne auch Drei-Sterne-Restaurants.

Ich habe mich gefragt: Kann ich mit einem eigenen Restaurant zwei Sterne erreichen? Kann ich diesen Standard dann fünf, sechs Jahre aufrechterhalten? Anfangs war es sehr, sehr hart. Aber das war eben das Ziel, das ich mir selbst gesetzt hatte.

Glauben Sie an die Macht des positiven Denkens?

Ja. Absolut. Bei allem.

„Meine Mutter ist Irin, es gab sieben Tage die Woche Kartoffeln.“

Steht bei Ihnen etwas auf der Karte, das seinen Ursprung in Ihrer Kindheit hat? Leibspeisen aus der Kindheit bleiben ja häufig Lieblingsgerichte, weil man damit schöne Erinnerungen verknüpft. Gibt es ein solches Gericht, das heute von Ihrer Speisekarte nicht wegzudenken ist?

Ich verbinde vor allem den Sommer mit meiner Kindheit, und den verknüpfe ich wiederum mit Beeren. Ich habe damals Beeren gepflückt, um Geld zu verdienen. Darum wecken der Duft und das Aroma von Erdbeeren und Himbeeren bei mir Erinnerungen an meine Kindheit. Glückliche Erinnerungen.

Sonst gibt es da auf kulinarischer Seite nicht viel. Unser Speiseplan war ja wie gesagt recht eintönig: Kartoffeln waren unser Hauptnahrungsmittel. Meine Mutter ist Irin, und es gab sieben Tage die Woche Kartoffeln.

Essen Sie heute noch gerne Kartoffeln?

Ja, tue ich. Ich bin sogar Botschafter eines Kartoffelproduzenten. (lacht)

Wirklich? (lacht)

Ja. Wie gesagt, unser Speiseplan war nicht sehr abwechslungsreich. Es gab sehr selten Fisch und nie Reis oder Nudeln. Immer Kartoffeln. Sehr einfach.

Sie haben Gesundheitsprobleme erwähnt, die aufgetreten sind, als sie 41 waren. Ihr Leben hat sich verändert, nachdem bei Ihnen ein Hirntumor diagnostiziert wurde. Wie wurde er entdeckt?

Ich hatte zwei heftige epileptische Anfälle.

„Es fühlte sich an, als hätte mir jemand ein Stromkabel in die Hand gedrückt.“

Die ersten Anfälle dieser Art?

Ja. Ich war damals mit meiner Freundin in Vietnam. Ehrlich gesagt hatte ich mich nie besser gefühlt.

Vor meiner zweiten Ehe bin ich im Januar immer verreist. Am Jahresende war ich immer erschöpft. In jenem Jahr beschloss ich im Sommer, mich mehr zu bewegen, mehr auf mich zu achten und mir mehr Zeit für mich zu nehmen. Ich lebte damals in Glasgow und bin jeden Tag gependelt. Das war ganz schön stressig. Darum habe ich Mitte Jahr begonnen, mehr für meine Gesundheit zu tun, bevor ich dann im Januar nach Vietnam flog. Ich fühlte mich topfit.

Am Nachmittag war ich im Fitnessstudio und ging anschliessend rauf auf mein Hotelzimmer, um zu duschen. Ich kann es gar nicht richtig beschreiben: Ich kam aus der Dusche, und plötzlich fühlte es sich an, als hätte mir jemand ein Stromkabel in die linke Hand gedrückt.

Es war ein heftiger epileptischer Anfall. Man sagt ja, dass man in solch lebensbedrohlichen Situationen vor seinem inneren Auge sein Leben vorüberziehen sieht. Ich habe das nie so wirklich geglaubt. Aber es war tatsächlich so. Ich habe es genau so erlebt.

Und es war kein Schlaganfall, sondern ein epileptischer Anfall?

Ja, ausgelöst durch einen Tumor.

Als ich den Anfall in Vietnam hatte, hat meine Freundin mich auf dem Fussboden liegend gefunden. Sie rief einen Arzt, und der vietnamesische Doc meinte, ich wäre dehydriert. Anfall infolge Dehydrierung. Das klang ganz plausibel. Das wäre durchaus möglich gewesen.

Aber dann war ich wieder daheim in Schottland, ging laufen, und als ich zurückkam, wurde meine Freundin Zeugin eines weiteren epileptischen Anfalls. Der war so schlimm, dass sie mich hinterher ins Krankenhaus brachte. Dort sagte man mir, zwei epileptische Anfälle so kurz hintereinander wären nicht normal. Insgesamt hatte ich viel Glück. Der Arzt meinte, er hätte noch einen Notfalltermin am kommenden Mittag frei, den ich unbedingt wahrnehmen solle. Ich bekam also kurzfristig einen Termin für ein CT.

Als ich eine Woche später hinfuhr, um das Ergebnis des CTs zu erfahren, erkundigte sich der Arzt nach meinem Befinden. Ich sagte, es ginge mir blendend. Alles super. Dann klemmte er die Aufnahme an die Lichttafel. Ich habe es sofort gesehen. Hatte aber keinen Schimmer, was das ist.

Er sagte: «Da ist ein Schatten. Ich kann keine eindeutige Diagnose stellen, weil ich Facharzt für Epilepsie bin. Aber ich glaube, Sie haben einen Tumor. Sie müssen morgen früh zu einem Spezialisten in die Klinik, der wird meinen Verdacht bestätigen oder widerlegen.» Der Verdacht bestätigte sich.

Und dann haben Sie das Krankenhaus mit dieser Diagnose verlassen. Wie ging es Ihnen in diesem Moment?

Seltsamerweise ganz okay. Manchmal denke ich rückblickend, was das für ein Schock war, aber damals habe ich das gar nicht richtig realisiert. Ich habe den Hirntumor nicht als Todesurteil gesehen. Mir war nicht klar, dass es durchaus tödlich enden konnte. Ich hatte vor allem Angst, ich könnte ein Pflegefall werden. Das war mein schlimmster Albtraum.

„Ich habe mein Schicksal akzeptiert und einfach weitergemacht.“

Warum das?

Weil ich dann alles verloren hätte, was mir im Leben wichtig ist. Meine Arbeit, alles. Ich wäre von anderen abhängig. Aus denselben Gründen, aus denen jeder andere sich vor so einem Schicksal fürchtet, denke ich. Ich will nicht beeinträchtigt sein.

Ich war damals sehr glücklich mit meinem Leben, und ich wollte, dass alles so bleibt, hatte Angst, das zu verlieren.

Man hat mir sehr offen und direkt erklärt, was genau ich habe, was es bedeutet, was man tun kann und wie meine Prognose aussieht. Ich hatte Glück im Unglück und einen gutartigen Tumor.

Ich verliess das Krankenhaus, ging ins Kino und fuhr dann nach Hause.

Haben Sie an diesem Punkt nicht mit dem Schicksal gehadert und sich gefragt: «Warum ich?»

Nein. Nie. Das hätte nicht meinem Charakter entsprochen. Ich habe es einfach angenommen. Ich denke, wie man mit so etwas umgeht, ist sehr individuell. Meine Frau wäre völlig anders damit umgegangen. Ich habe es eher stoisch hingenommen: Es ist eben so. Also akzeptieren und weitermachen.

Sie haben einfach Ihr Leben weitergelebt wie bisher?

Ja.

Wie ist die Situation heute? Haben Sie immer noch epileptische Anfälle?

Ja. Ich habe wegen des Hirntumors mit massiven gesundheitlichen Beeinträchtigungen zu kämpfen.

In vier Jahren habe ich ebenso viele Chemotherapien hinter mich gebracht. Ich bin sechs Wochen lang bestrahlt worden. Im Augenblick kann man nicht mehr tun.

„Mir wurde mehr Zeit geschenkt, als zu erwarten war.“

Was heisst das genau?

Ich wurde aus dem Krankenhaus entlassen. Im Moment geht es eigentlich nur darum, den Tumor in Schach zu halten. Er kann jederzeit wieder wachsen. Wenn er weiter wächst, wird das tödlich ausgehen. Aber das habe ich von Anfang an gewusst: Dass der Tumor mich irgendwann umbringen wird.

Aber mir wurde jetzt schon mehr Zeit geschenkt, als ursprünglich zu erwarten war. Insofern kann ich mich glücklich schätzen. Inzwischen bin ich an einem Punkt, an dem mir nicht mehr viele Möglichkeiten offenstehen.

Inwiefern wirkt sich das auf Ihren Alltag aus?

Ich würde sagen, dass ich die Erkrankung inzwischen ernster nehme. Ehrlich gesagt habe ich anfangs nicht weiter darüber nachgedacht.

Zum Beispiel, was die epileptischen Anfälle anbelangt. Die sind auch schon in der Restaurantküche vorgekommen. Meine Mitarbeiter haben sich daran gewöhnt. Ich gehe ins Lager, und wenn der Anfall vorbei ist, gehe ich wieder an die Arbeit und mache dort weiter, wo ich unterbrochen wurde.

Ich brauche Stevie (McLaughlin), meinem Chefkoch, nur anzutippen. Er sagt dann einfach «Alles klar, Chef, kein Problem.» Dann gehe ich und warte, bis der Anfall vorbei ist. Im Laufe der zehn Jahre, die seit der Diagnose vergangen sind, habe ich bis zu vierzig Anfälle am Tag gehabt.

Vierzig am Tag?

Ja. Dann wieder hatte ich drei Wochen lang Ruhe. Das ist abhängig von den Stadien, die der Tumor durchmacht.

Wie gehen Sie mit dieser Situation um?

Man lernt, damit zu leben. Beispielsweise, wenn man mit dem Zug fährt. Da bei mir die linke Seite betroffen ist, suche ich mir immer einen Fensterplatz, an dem mein linker Arm sich auf der Fensterseite befindet. Und ich präge mir immer ein, wo die nächste Toilette ist.

Wenn ich ein Restaurant besuche, verschaffe ich mir ebenfalls einen Überblick. Das war vor allem in den Zeiten mit den vielen Anfällen wichtig. Ich habe meine Umgebung sehr bewusst wahrgenommen.

Inzwischen ist es beängstigender, weil ich weiss, dass ich nicht einfach eine weitere Chemo machen und das Wachstum stoppen kann. Und trotzdem: Die Krankheit hat mich nicht verändert. Ich habe beispielsweise einmal während einer laufenden Chemotherapie für einen guten Zweck den Kilimandscharo bestiegen.

Ja, ich habe davon gelesen. Warum haben Sie das getan und dafür die Chemo unterbrochen?

Weil ich es versprochen hatte.

Sturheit?

Ja. Sturheit. Aber es war auch ein Vorwand, um den Tumor zu verdrängen. Mich fit zu machen. Einen Berg zu besteigen. Für jemand anders vielleicht eine Horrorvorstellung. Aber ich hatte es versprochen, und ich war entschlossen, Wort zu halten. Es bot mir einen willkommenen Grund, um wieder zu trainieren.

Wie ist es gelaufen?

Ich habe es geschafft. Auch wenn es sehr, sehr hart war. Ich würde es nie wieder tun.

Oben auf dem Berg, als es mir schlecht ging wegen der Höhenkrankheit, habe ich mich gefragt, was passieren würde, wenn ich einen Anfall bekäme. Es waren nur ein, zwei Leute dabei, die Bescheid wussten und ein Auge auf mich hatten.

Und trotzdem: Ich habe es durchgezogen und bin heute auch sehr froh, dass ich es gemacht habe, ich möchte diese Erfahrung nicht missen.

„Vor zwanzig Jahren war ein Hirntumor ein klares Todesurteil.“

Sie spenden Geld für die Tumorforschung. Einen Prozentsatz von sämtlichen Einnahmen. Hoffen Sie, dass Sie die Forschung und die Entwicklung neuer Therapien damit beschleunigen können? Und ist eine solche Hoffnung überhaupt realistisch?

Ja. Ich habe mit Professor Anthony Chalmers gesprochen, der dieses Forschungsprojekt in Glasgow leitet. Er kann exakt beziffern, was unsere Spenden bewirken: Von dem Geld, das er schon von uns bekommen hat, konnte er einen zusätzlichen Mitarbeiter einstellen.

Ich verfolge die Arbeit, die sie leisten. Sie sind sehr optimistisch, was ihre Fortschritte betrifft bei der Entwicklung eines neuen Medikaments und bei einer neuen Technologie, die begleitend zur Bestrahlung eingesetzt wird. Ein faszinierendes Thema.

Es fliessen aber viel zu wenig Gelder in die Forschung zur Behandlung von Gehirntumoren, vermutlich, weil es für die meisten Menschen zu kompliziert zu verstehen ist, was damit gemacht wird. Vor zwanzig Jahren war ein Hirntumor noch ein klares Todesurteil.

Warum wurde der Tumor bei Ihnen nicht entfernt?

Wegen seiner ungünstigen Lage. Wenn man den Tumor vollständig entfernen würde, würde das meine Motorik beeinträchtigen… Dann wäre ich anschliessend arbeitsunfähig.

Mein Neurochirurg, ein Grieche namens Vakis, wohl einer der besten Europas, war diesbezüglich sehr offen und klar mit mir. Ich habe ihn gefragt: «Was passiert mit mir? Wie lautet die Prognose?» Anhand einer Zeichnung hat er mir dann erläutert: «Ihre linke Hand… Nach der Therapie werden sie einen Cricketball nicht mehr so weit werfen können wie jetzt.»

Und genau so ist es. Meine linke Hand ist beeinträchtigt, mehr aber nicht. Hätte ich einen anderen, weniger erfahrenen Arzt gehabt, wäre die Beeinträchtigung heute vermutlich viel grösser.

„Man sollte Dinge, die man sich vorgenommen hat, nicht aufschieben.“

Würden Sie sagen, dass Sie wegen des Tumors mehr im Moment leben als früher? Viele Leute behaupten ja, dass sie im Hier und Jetzt leben, aber in den meisten Fällen stimmt das gar nicht.

Ich denke schon. Früher war mir vieles gar nicht bewusst. Mein Berufsleben hatte schon immer einen hohen Stellenwert. Weil ich liebe, was ich tue. Ich habe die Arbeit und den Umgang mit den Menschen, mit denen ich mich umgebe, nie als Belastung empfunden. Es hat mir immer Freude bereitet.

Ich schätze das Leben im Hier und Jetzt aber sicher bewusster, ich glaube, dass man Dinge so einfach intensiver erlebt. Das gefällt mir.

Ich denke, dass ich auch die gemeinsame Zeit mit meiner Familie nochmal intensiver erlebe. Früher hätte ich vielleicht gesagt: «Lass uns dieses Jahr nur zu viert fahren, wir machen nächstes Jahr etwas mit allen zusammen.» Aber jetzt war es mir wichtig, diese Familienferien nicht aufzuschieben.

Eine meiner Töchter meinte, sie bekäme keinen Urlaub. Ich habe gesagt: «Egal, wie du das anstellst, sieh zu, dass du mitkommst.» Man sollte Dinge, die man sich vorgenommen hat, auch wirklich tun und nicht aufschieben.

Haben Sie das Gefühl, etwas noch nicht erledigt zu haben?

Nein, überhaupt nicht. Ich habe viel darüber nachgedacht. Ich habe auf allen Kontinenten gearbeitet, an unglaublichen Orten gelebt, faszinierende Menschen kennengelernt, ganz wunderbare Dinge erlebt. Es gab da ein Restaurant in Südfrankreich, das ich dieses Jahr besuchen wollte, und das habe ich auch getan. Obwohl es eine grosse Enttäuschung war. (lacht)

Ich werde Sie nicht nach dem Namen fragen! (lacht)

Das Wichtigste: Ich habe eine grossartige Familie. Und ich habe einige wirklich enge Freunde. Menschen, die mir sehr wichtig sind. Nicht viele, aber echte Freunde.

„Vieles in meinem Leben, so banal es erscheinen mag, macht mich glücklich.“

Welches waren in letzter Zeit Ihre glücklichsten Momente?

Die glücklichsten Momente… Die letzten Ferien. Meine Familie bringt mich zum Lachen. Meine Frau bringt mich zum Lachen. Sie ist sehr lustig. Meine Kinder bringen mich zum Lachen. Sie sind total albern. Zeit mit Freunden macht mich glücklich. Gemeinsame Mahlzeiten mit Freunden.

Unter dem Strich würde ich sagen, dass mich vieles in meinem Leben, so banal und langweilig es auch erscheinen mag, glücklich macht. Ganz einfache Dinge wie ein gutes Essen, ein leckerer Wein, mit anderen Spass haben und lachen.

Aber ich bin auch gerne mal für mich allein. Ich habe zu Hause ein Zimmer, in dem ich ganz alleine Fussball schaue.

Wirklich?

Ja.

Was tun Sie noch in diesem Zimmer ausser Fussball gucken?

Lesen. Wenn ich abschalten möchte, lese ich. Die Kinder wissen das, und meine Frau Kate weiss das auch.

Wenn Sie die Tür schliessen, weiss also jeder, dass Sie nicht gestört werden wollen.

Ja. Meine Zuflucht, wenn Sie so wollen. Ich geniesse es, ab und zu für mich allein zu sein. Ich brauche das hin und wieder.

Wie lange ziehen Sie sich denn zurück? Wie viele Stunden brauchen Sie für sich allein?

Ich würde sagen, ich brauche jeden Tag etwas Zeit für mich. Wenn ich jeden Tag eine Stunde für mich habe, macht das den Kopf frei. Hier geht das nicht. Sobald ich das Restaurant betrete, ist es wie an jedem normalen Arbeitsplatz. Eine Kaffee- oder Mittagspause reicht da nicht. Ich muss heim und Fussball gucken oder sonst etwas tun, wobei ich entspannen kann.

Ich bin ein grosser Fussballfan. Ich sehe mir alle Spiele meiner Lieblingsmannschaft an. Und die Weltmeisterschaft. Im Urlaub konnte ich auf einem Grossbildschirm Fussball gucken. Solches macht mich glücklich.

Text und Bilder: Anna Maier

Infos und Reservationen: Andrew Fairlie, The Restaurant

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Hoppla, etwas ist schief gelaufen...

31. August 2018
Juwelen finden

Comments

  • Beat Merki
    REPLY

    Wiederum ein eindrückliches Interview mit dem schottischen Sterne Koch Andrew Fairlie das ein Leben mit Höhen und Tiefen beschreibt und mich sehr beindruckt da ich selber erlebe was es heisst immer wieder zu kämpfen und sich neue Ziele zu stecken.
    Ein wirklich toller Bericht welcher von Dir Anna so schön und berührend verfasst ist und mit sehr schönen Bildern, ebenfalls von Dir, ergänzt wurde.
    Einmal mehr ein grosses DANKE an Dich Anna für diesen eindrücklichen und berührenden Bericht!
    Liebe Grüsse
    Beat

    31. August 2018
  • Silvana
    REPLY

    Liebe Anna
    Soviel „Leben“ soviel „Glück“ und unendliche Dankbarkeit! Man spürt das Gespräch dass zwischen euch stattgefunden hat! Love it!
    Gruass usem schönschta Kanton :-)))

    31. August 2018

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