«Angstfrei sein ist gefährlich.» Lutz Kinkel, Journalist

Der 51jährige Deutsche kämpft als Geschäftsführer des Europäischen Zentrums für Presse- und Medienfreiheit ECPMF für Journalisten, die bedroht werden. Wie Deniz Yücel. Oder den ermordeten Ján Kuciak. 

Journalisten als Gewaltopfer

Lutz Kinkel, gewaltsame Übergriffe auf Journalisten nehmen zu und enden im schlimmsten Fall mit dem Tod wie bei den Enthüllungsjournalisten Daphne Caruana Galizia in Malta im letzten Oktober oder ganz aktuell Ján Kuciak in der Slowakei. Was unternehmt ihr konkret, um solche Kollegen zu schützen?

Diese Morde machen mich betroffen und wütend. Beide, sowohl Galizia als auch Kuciak, hatten der Polizei gemeldet, dass sie bedroht werden. Wurden sie ausreichend geschützt? Nein. Kann eine NGO den Sicherheitsapparat eines Landes ersetzen? Nein. Wir auch nicht. Unser Job ist es, den europäischen Regierungen jeden Tag zu sagen: Die Sicherheit von Leib und Leben der Journalisten in eurem Land hat oberste Priorität. Und wir bieten akut bedrohten Reportern direkte Hilfe an. Das kann der Kontakt zu einer regionalen Hilfsorganisationen sein, Unterstützung bei Gerichtsprozessen oder auch eine Auszeit in Deutschland, im Rahmen des „Journalist-in-Residence“-Programms. Wir kämpfen auch dafür, dass die Ermordeten nicht vergessen werden. Unsere Rechtsberaterin ist derzeit in Bratislava, um sich im Namen des ECPMF vor Ort kundig zu machen.

Mitte Februar wurde der inhaftierte Welt-Korrespondent Deniz Yücel aus einem türkischen Hochsicherheitsgefängnis entlassen. Was war deine erste Reaktion, als dich die Nachricht erreichte?

Große Erleichterung und Freude einerseits. Wir stehen mit der Familie in Kontakt und die wusste einige Tage zuvor nicht, ob er tatsächlich freikommt. Er sass ein Jahr in Haft ohne Anklage! Das ist irre. Andererseits hat der türkische Präsident Erdogan noch am selben Tag klargemacht, dass er seine Medienpolitik nicht um einen Millimeter ändern wird. Sechs Journalisten wurden zu lebenslanger Haft verurteilt, darunter die berühmten Altan-Brüder. Das heißt nichts Anderes, als dass Yücel wohl nur deshalb frei gekommen ist, weil sich Erdogan davon eine Entspannung des deutsch-türkischen Verhältnisses versprochen hat.

Wie hat das European Center for Press and Media Freedom ECPMF zu dessen Freilassung beigetragen?

Wir haben gemeinsam mit unseren Partnern die Fahne hochgehalten, in den Sozialen Medien, auf unserer Homepage und bei Veranstaltungen. Deniz Yücel hatte das Glück, dass sich sehr viele sehr intensiv für ihn eingesetzt haben – von seinem Freundeskreis über die «taz» und den Axel-Springer-Verlag bis zur Bundesregierung. Er wurde nie vergessen, es gab immer breite Solidarität. Das wäre allen anderen politischen Gefangenen in türkischen Knästen auch zu wünschen.

Das ECPMF an der Front

Ihr seid da, wo es brennt. Das ECPMF entsendet beispielsweise Leute, um bei Gerichtsfällen gegen Journalisten Präsenz zu markieren. Gab es da schon brenzlige Situationen?

Ja, Horror! Ich erzähl dir ein Beispiel: Bei uns arbeitet eine junge Journalistin, sie ist knapp 30 und kümmert sich speziell um die Türkei. Da gab es diesen Prozess gegen die regierungskritische Zeitung «Cumhuriyet». Meine Mitarbeiterin war eingeladen und wollte hingehen. Kurz vorher wurde Deniz Yücel verhaftet. Gleichzeitig waren in der Türkei zudem ein gutes Dutzend Deutsche in Haft. Sie wurden alle vollkommen willkürlich verhaftet. Nun begann also dieser Prozess und du weisst, da fährt eine Gruppe von Aktivisten hin von den verschiedensten Organisationen. Aber die kommen alle nicht aus Deutschland. Und offensichtlich hat es Erdogan auf Deutsche abgesehen. Was machst du dann? Dann versuchst du das Risiko einzuschätzen, telefonierst mit Botschaftern und mit dem Auswärtigen Amt. Die geben dir alle eine eher positive Einschätzung, aber du hast ein Restrisiko, das bei 10-15% liegt. Du kannst dir vorstellen, wie es sich anfühlt, in dieser Situation die Verantwortung für eine Kollegin zu tragen. Wir haben uns also gemeinsam entschieden, dass wir beide bis 20 Minuten vor Abflug das Recht haben, Nein zu sagen. Und wir haben uns bis zur letzten Minute gequält. Schlussendlich ist sie geflogen, aber dieser Umstand hat mich einige schlaflose Nächte gekostet.

Muss man in diesem Job angstfrei sein?

Ich glaube, angstfrei zu sein ist eine schlechte Sache. Du musst aber bewusst mit Risiko umgehen können und wissen, was du dir zumuten kannst. Und du musst natürliche Warnsignale ernst nehmen und begreifen.

Wärst du selber gefahren?

Nun, wenn sie nicht gefahren wäre, wäre ich gefahren, ja. Ich glaube auch, dass die internationale Solidarität die Journalisten vor Ort geschützt hat. Niemand kann dies beweisen, aber ich bin mir sicher, dass die öffentliche Aufmerksamkeit geholfen hat, dass niemand verhaftet wurde.

«Man muss es einfach machen», ist eine Aussage, die man öfters von dir hört. Woher kommt diese Einstellung?

Na ja, das allerschlimmste ist, wenn Menschen das Gefühl haben, man hätte sie vergessen. Sie hängen irgendwo in einem Kellerloch, sind der Willkür eines Staates ausgeliefert und niemand interessiert sich für sie. Ich sehe es als Verpflichtung von uns Journalisten, dass wir darauf achten, dass unsere Freunde und Kollegen die Solidarität auch spüren.

Journalist in Residence

Was konntet ihr, was konntest du mit dem 2015 gegründeten ECPMF schon bewirken?

Wir leisten viel praktische Hilfe. Zum Beispiel mit dem erwähnten «Journalist in Residence»-Programm. Wir haben unterdessen vier Wohnungen, in denen wir verfolgte Journalisten anonym unterbringen können. Wenn du die Leute kennst und mit ihnen sprichst, dann merkst du bei jedem einzelnen, wie wichtig, manchmal sogar lebensrettend, diese Möglichkeit für sie ist. Dass sie rauskommen aus ihrem Land, Ruhe haben, nicht unter Druck stehen, nicht gejagt, nicht beleidigt werden. Dass sie ganz normal leben und ihrer Arbeit nachgehen können. Wir begleiten diese Journalisten, sorgen dafür, dass sie Stipendien erhalten und eine Krankenversicherung haben. Zusätzlich sind es inzwischen 17 Fälle, in denen wir Journalisten, die von ihrem Staat oder von Firmen vor Gericht gezerrt wurden, unterstützt haben. Die meisten wurden wegen ihrer investigativen Recherchen verklagt. Weil sie kein Geld haben, um sich einen guten Anwalt leisten zu können, geraten sie in eine schwierige Position. Da helfen wir mit finanziellen Mitteln oder Rechtsbeistand. Das ist gelebte und praktizierte Solidarität.

Ist dieser Job nicht auch frustrierend? Ihr agiert nicht, ihr reagiert ja eigentlich nur?

Ja, du reagierst natürlich vor allem und auch dabei sind wir eingeschränkt. Tatsächlich ist die Medienpolitik eine nationale Angelegenheit. Das heisst, noch nicht mal die EU kann grundlegend eingreifen, sondern es ist wirklich den Nationen selbst überlassen. Schau dir die Entwicklung in Europa an: In gewissen Ländern können Journalisten nicht mehr frei arbeiten. Wir kämpfen ständig dagegen an. Das birgt ein grosses Frustrationspotential. Aber es gibt auch Erfolgserlebnisse: Dieses Jahr zum Beispiel investieren wir 450’000 Euro in Investigativjournalismus. Das heisst, wir werden eine ganze Menge Stipendien verteilen können an Rechercheteams, die nationenübergreifend zusammenarbeiten und die sich dann in wichtige Themen vertiefen können. Wir ermöglichen ihnen den Luxus Zeit, der im journalistischen Alltagsgeschäft zur Mangelware verkommen ist.

In euer „Journalist in Residence“-Programm nehmt ihr nur Leute auf, die spätestens nach einem halben Jahr wieder zurück reisen in ihr Herkunftsland. Ist dies nicht eine unmenschliche Situation, wenn man jemanden, der bedroht und verfolgt ist im eigenen Land, wieder dahin zurückschicken muss?

Ist es! Eindeutig. Furchtbar. Andererseits ist es so besser als gar nichts tun zu können. Die Halbjahresregelung gibt es, da wir sonst in Konflikt kämen mit den Einwanderungsbestimmungen und mit dem Asylgesetz. Wir können es leider aus juristischen Gründen nicht anders machen. Deswegen müssen alle unterschreiben, dass sie bereit sind, nach einem halben Jahr wieder nach Hause zurückzugehen. Trotzdem sind die meisten zutiefst dankbar für diese sechs Monate.

Ein Zuhause bieten

Wie gefährlich leben die Menschen, die bei euch Schutz suchen? Könnt ihr diesen Menschen hier in Leipzig auch einen Personenschutz bieten?

Ja, das können wir. Es war jetzt gerade jemand hier, der war absolut inkognito, das war auch mit der Polizei so abgesprochen. Da kennt niemand die Adresse, dieser Journalist war inoffiziell registriert, man konnte ihn nicht aufspüren und niemand kannte ihn hier. Er blieb völlig unbehelligt. Und er fühlte sich sicher. Dass wir uns sicher fühlen in Alltagssituationen, wenn wir zum Beispiel einkaufen gehen, das ist für uns ja ein Gefühl, das selbstverständlich ist. Für gewisse Journalisten, die bei uns Unterschlupf suchen, ist dies aber ein unglaubliches Erlebnis, das sie so nicht kennen.

Wie weit geht die Betreuung?

Wir betreuen die «Journalists in Residence» schon recht eng, je nach Bedarf. Einige brauchen auch therapeutische Hilfe, weil sie ein Trauma haben. Ich mache mir auch selber ein Bild und versuche ihnen das Gefühl zu vermitteln, dass sie ein Stück Zuhause haben bei uns.

Woher kommt deine persönliche Motivation?

Interessante Frage (überlegt). Meine Familie hat über Generationen hinweg für die christliche Kirche gearbeitet. Und mein Vater hat ein Heim geführt für Verhaltensauffällige und Lernbehinderte. Meine Eltern waren keine Kirchgänger, aber sie haben eine ausgeprägte christliche Moralvorstellung gehabt. Das ging soweit, dass sie Kinder, denen es nicht so gut ging und die keine Familie hatten, zu Weihnachten einluden. Es ging immer darum, zu helfen, sich zu engagieren für die Schwächeren. Dieser Gedanke und ein soziales Engagement war bei mir von klein auf stark ausgeprägt.

Einmal Journalist, immer Journalist, sagt man. Du warst 20 Jahre lang als Autor tätig bei den wichtigsten deutschen Hintergrundmagazinen wie Stern oder Spiegel Online. Juckt es dich nicht unter den Nägeln, wenn du die Lebensgeschichten deiner «Schützlinge» hörst, dass du diese gerne niederschreiben würdest?

Ja, tut es. Das kann ich aber in meiner Position nicht. Ausserdem wollen viele ja gar nicht, dass jemand weiss, dass sie hier sind. Da halten wir uns dran. Das ist ein eisernes Gesetz.

Gibt es trotzdem Momente, in denen du dich zurücksehnst als Journalist an die Front?

Eigentlich immer, wenn in der Welt etwas passiert. Da hab ich den Instinkt und das Bedürfnis, mich intensiv damit auseinanderzusetzen und etwas darüber zu schreiben. Auch, um für mich eine Erkenntnis zu kriegen. Aber ich muss sagen, ich empfinde das, was ich hier mache, als 100% sinnvoll. Das Gefühl, das Richtige zu machen, das ist ein Geschenk im Leben.

www.ecpmf.eu

 

Bilder: Stefan Jermann

Newsletter

Melde dich für den Newsletter an und ich informiere dich über jeden neuen Artikel, der auf KeinHochglanzmagazin erscheint.

Vielen Dank. Bitte klick auf die Bestätigungsmail die ich dir gerade gesendet habe. Erst dann ist die Anmeldung abgeschlossen.

Hoppla, etwas ist schief gelaufen...

1. März 2018
Stellung beziehen.
1. März 2018
«Unter Verrückten fühle ich mich am wohlsten.» Rosi Haase, Künstlerin

Kommentare

  • Jürg Homberger
    REPLY

    Liebe Anna
    Was dein KeinHochglanzmagazin betrifft, so freue ich mich auf jeden Beitrag. Einerseits sind es die spannenden Menschen, die du uns näher bringst. Andererseits gefällt mir dein Schreibstil. Man spürt wie viel Herzblut du in dieses Produkt investierst. Die Wahl der Wörter die du gezielt wählst, gefallen mir. Als würde man dabei sein, so lebendig werden uns die Menschen näher gebracht. Es zeigt aber auch was für ein offener und warmherziger und sensibler Mensch du bist, liebe Anna.So freue ich mich auf jeden neuen Beitrag.

    11. März 2018

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind gekennzeichnet durch *

Send this to a friend