«Unter Verrückten fühle ich mich am wohlsten.» Rosi Haase, Künstlerin

Ihre Grosseltern verhungerten im 2. Weltkrieg, auf ihre Mutter wurde geschossen und sie umgibt sich am liebsten mit Menschen, die psychisch erkrankt sind. Das Leben der 66jährigen ist durch und durch aussergewöhnlich.

«Ich habe gelesen, dass du mit einem Piloten verheiratet warst. Deshalb dachte ich, dass wir uns im Restaurant «Pilot» treffen, das kannst du dir gut merken!» Diese Begrüssung steht für so vieles, was Rosi Haase ist: Direkt, pragmatisch, lustig.

Wie sie da vor mir sitzt, wirkt sie zerbrechlicher, als sie auf Bildern aussieht und ich sie mir vorgestellt habe. Die in Leipzig stadtbekannte Künstlerin ist zwar offensichtlich eine starke Persönlichkeit, aber ihr Äusseres präsentiert sich klein und fein.

«Niemand ist freier als Menschen, die als verrückt gelten.»

Es war ein blosser Zufall, dass die ausgebildete Grafikerin in der Forensik landete. Am Anfang stand eine Anfrage, ob sie im Bezirkskrankenhaus für Psychiatrie Leipzig für einen Kollegen einspringen könne. «Ach nee, ich will nicht mit Verrückten arbeiten», war ihre knappe Antwort.

Da man sie mangels Alternativen bekniete, sagte sie zu, es für drei Monate zu probieren. 1984 war das. Aus dem harzigen Start wurde eine Lebensliebe. Sie führte Rosi Haase auf Akutstationen, in sozialpsychiatrische Dienste, Heime und Wohngruppen. «Ich bin nicht in der Psychiatrie hängengeblieben, weil ich armen, kranken Menschen helfen wollte, sondern weil ich diese Menschen toll finde. Und weil ich nicht unterstützen kann, dass sie einfach mit Medikamenten vollgestopft werden, anstatt menschliche Zuwendung zu bekommen.»

«Woher weisst du, dass es nicht dich als nächstes trifft?»

Für ihren jahrzehntelangen Einsatz für psychisch Erkrankte erhielt Rosi Haase das Bundesverdienstkreuz und 2016 die goldene Ehrennadel von Leipzig. Die 66jährige Ostdeutsche – «selber nicht Psychiatrie erfahren!», wie sie betont – hilft, «weil es jeden treffen kann. Dann ist man froh um Menschen, die einem beistehen. Und weil ich rätselhaftes Verhalten interessant und viele Texte und Bilder der Patienten einfach wunderschön finde.»

Sagt eine, die von klein auf von Kaputtem umgeben war. Kriegsruinen gehörten seit ihrer Geburt zu ihrem Leben. Nahe der polnischen Grenze, in Forst/Lausitz, wuchs sie auf, als Nachkriegskind in einer – wie sie selbst sagt – kleinbürgerlichen DDR-Familie. Als Kind der Hoffnung. Und als Kind des sozialistischen Aufbaus.

«Wenn ich las, träumte ich mich in die grosse weite Welt hinaus.»

Früh lernte sie lesen, ihr Schlüssel in die geistige Freiheit: «Ich war wie verliebt, wenn ich las. Das ist bis heute so geblieben. Andere wollten ihren Geliebten sehen, ich damals nur immer meine Bücher. Ich war richtiggehend süchtig danach. Für mich hat sich durch die Lektüre ein Fenster zur Welt geöffnet.»

Während sie sich beim Lesen eine bunte Zukunft erträumte, waren ihre Eltern mit der Verarbeitung ihrer Vergangenheit beschäftigt: «Gegen Ende des 2. Weltkrieges, während mein Vater in belgischer Kriegsgefangenschaft war, flüchtete meine Mutter mit meiner damals zweijährigen Schwester vor den Russen. Auf der Flucht gerieten sie auf einer Landstrasse unter Beschuss von alliierten Tieffliegern, Briten oder Amerikaner. Meine Mutter konnte sich mit ihrem Kleinkind im Strassengraben in Deckung bringen. Trotzdem wurde auf sie geschossen, sie konnten sogar das Gesicht des Piloten sehen. Über ihre Kriegserlebnisse sprachen meine Eltern häufig. Trotzdem hatte ich ein heiteres Gemüt. Als Nachkriegskind war es auch meine Aufgabe, die Freude meiner Eltern zu sein.»

Man kann sich vorstellen, dass sie mit dieser Einstellung eine Aufgabe übernahm, die für die schmalen Schultern wohl etwas schwer zu tragen war.

Wenn Rosi Haase spricht, dann tut sie es ungefärbt, mitunter fast ein wenig emotionslos, in einer launigen, singenden Art und breitem ostdeutschem Dialekt. Leichtfüssig und trotzdem mit schwer verdaulichen Informationen gespickt. «Manchmal wurde mir vom Krankenhauspersonal vorgehalten: ‘Sie lieben nur die Künstler, wir müssen alle Patienten lieben!’ In Wirklichkeit liebten sie die Patienten überhaupt nicht. Sie behandelten brave und dankbare Insassen gönnerhaft freundlich und aufmüpfige mit Drohungen, Medikamenten und Fixierungen. Wenn das noch nicht half, ging es ab nach Waldheim, in die damals berüchtigtste Psychiatrie.»

«Bei Ungerechtigkeit beiss ich mich fest.»

Wie brachial es dort hinter verschlossenen Gittertüren zuging, wird klar, wenn man das Sächsische Psychiatriemuseum Leipzig besucht. Hier sind Zwangsjacken ausgestellt, neben psychiatrischen Intensivbetten (eine Schlafstätte mit einem Netz, in das unkontrollierbare Patienten geschnürt wurden) und Elektroschock-Apparaten.

Dazu gibt es ausführliche Dokumentationen, wie die zur Hinrichtungsvollstreckung Paul Nitsches. Als medizinischer Leiter der sogenannten Aktion T4 gehörte er zu den Hauptverantwortlichen für die Euthanasie-Morde von 70’000 Kranken und Behinderten zwischen 1940 und 1945. Nach dem Krieg wurde er zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Sächsisches Psychiatriemuseum Leipzig

Das Museum befindet sich in einer sanierten Bauhaus Villa im Leipziger Zentrum-West, im selben Haus wie der Verein «Durchblick», den Rosi Haase 1990 mitbegründete. Im «Durchblick» können sich Psychiatrieerfahrene, wie sie sich selber bezeichnen, beraten lassen, austauschen, malen oder einfach Zeit miteinander verbringen. Ohne den Stempel der «psychisch Gestörten», eine Anlaufstelle für alle: «Ich habe mich immer für die eingesetzt, die überall rausfliegen.» Für Menschen, die eine Auszeit brauchen, bietet der Verein Übergangswohnungen an.

«Ich mag alberne Menschen. Wir sind alle viel zu angepasst.»

Die Künstlerin, die nie in einer psychiatrischen Klinik arbeiten wollte, lebt heute sogar mit zwei ehemaligen Patienten in einer Wohngemeinschaft, «weil es so viel einfacher ist, den Alltag zu teilen. Ich habe mich noch nie so entspannt gefühlt wie in dieser WG. Und nein, ich bin nicht die Therapeutin meiner Wohnpartner, weiss Gott nicht.»

Keiner ihrer Wohnpartner ist ihr langjähriger Freund, mit dem sie seit 11 Jahren zusammen ist – auch er einer ihrer ehemaligen Klienten. «Na ja. Ich würde mich da vielleicht zu sehr unterordnen. Das machen Frauen ja gerne. Habe ich auch gemacht in meiner Ehe. Zuerst kommt der Mann und dann komme ich.»

Es erstaunt, wenn man hört, wie klassisch Rosi Haase ihre Ehe geführt haben soll, eine Künstler-Ehe mit dem gebürtigen Ungarn Akos Novaky, einem bekannten Leipziger Maler und Grafiker. Beide ehemalige Absolventen der renommierten Hochschule für Grafik und Buchkunst HGB Leipzig – unter Kunstkritikern zählt die HGB zu den bedeutendsten deutschen Kunsthochschulen. Der weltbekannte Maler Neo Rauch studierte beispielsweise an derselbigen.

«In der DDR hatte einfach jeder Kinder, das gehörte dazu.»

Es passt nicht zu ihr – der Kämpferin und Vorreiterin. Und wenn man ihr weiter zuhört, wird auch klar, dass die Aussage der untergeordneten Ehefrau so nicht ganz stimmt. Denn die Beziehung funktionierte für damalige (und in Wahrheit auch für heutige) Verhältnisse sehr modern: «Ich bin arbeiten gegangen und er war Zuhause und hat gemalt. Vielleicht war das in Westdeutschland ungewöhnlich. In der DDR nicht, viele Paare in  unserem Bekanntenkreis haben das so gehandhabt.»

Warum die Ehe nicht funktioniert habe, frage ich. Und ernte einen erstaunten Blick: «Aber sie hat doch funktioniert.» Rosi Haase, die Unangepasste, die nicht schubladisiert werden will und jeden Versuch sofort im Keim erstickt.

«In welche Zwänge wir uns begeben, finde ich verrückt.»

Sie wirkt angstfrei und mutig. Beides braucht die 66jährige in ihrem lebenslangen Kampf dafür, dass psychisch Erkrankte weder stigmatisiert noch aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden. «Das grösste Missverständnis ist, dass psychisch kranke Menschen anders sind als alle anderen. Dass man sich fernhalten soll.»

Wenn es in der Gesellschaft mehr Liebe füreinander gäbe, wären die Psychiatrischen Kliniken nicht so gut besetzt, ist die Künstlerin überzeugt. Dass dieser Wunsch nach mehr allgemeiner Nächstenliebe ein utopischer ist, weiss sie. Aber es ist ihre Meinung und diese tut sie kund. Ob sie bequem ist oder gerne gehört wird von anderen, interessiert sie nicht so sehr.

Wer nun aber denkt, dass sie ihr Herz öffnet für alle psychisch Erkrankten, der irrt sich: «Bei depressiven und zwanghaften Menschen stosse ich zuweilen an meine Grenzen. Und persönlich habe ich Mühe mit Magersüchtigen. Sicherlich, weil meine Großeltern im Krieg verhungert sind.»

«Ich bin ein Gemeinschaftswesen. Aber ab jetzt komm nur noch ich.»

Rosi Haase selber sieht sich zurzeit in einer Phase des Umbruchs, gerne würde sie sich aus der ehrenamtlichen Vereinsarbeit zurückziehen. Dass diese für sie, die 24 Stunden erreichbar ist für die rund 90 Mitglieder, auch belastend ist, liegt auf der Hand.

Warum hat sie selber, die soviel über psychische Erkrankungen weiss und eine Meisterin in der Abgrenzung sein muss, noch nie eine Therapie in Anspruch genommen, um die Last zu teilen? «Ich hatte nie das Bedürfnis und auch nie das Gefühl, dass ich es brauche.»

«Ich möchte mich jeden Tag aufs Neue entscheiden, wie ich lebe.»

Ich hoffe nicht, dass sie es als zu frech empfindet, als ich die letzte Frage stelle, ob sie sich «normaler» fühlt, wenn sie sich mit Menschen umgibt, die mit ihrer Psyche zu kämpfen haben. «Ich bin doch nicht normal. Ich mag es lieber, wenn man mich als verrückt bezeichnet.»

Wer Rosi Haase zuhört, der taucht ein in ein Leben, das von Brüchen geprägt ist. Man spürt das soziale Engagement und erahnt die ungeheure Kraft, die in ihr steckt, die sie immer wieder neues anpacken lässt. Man könnte denken, dass diese Art zu leben irgendwann ermüdet und sie sich danach sehnt, es mit 66 Jahren etwas ruhiger angehen zu lassen. Aber falsch: «Ich bin eine Kämpferin. Und kann mich auch an einer scheinbar unmöglichen Idee festbeissen, bis sie umgesetzt ist.»

Ein Künstlerhaus möchte sie noch gründen. Für all die Werke, die sich hier im «Durchblick» im Keller stapeln oder auf dem Dachboden liegen und darauf warten, gesehen zu werden. Und sie will eine Alternative schaffen zur Psychiatrie. Ein Ort, an dem alles möglich ist. Ein Ort der Freiheit.

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Kommentare

  • Cathrin
    REPLY

    Ein ganz wunderbares Portrait über eine tolle Frau, die ich mein Leben lang kenne und bewundere. Danke, liebe Anna!

    28. Februar 2018
  • Monika
    REPLY

    Endlich traut sich mal jemand, ein Thema, dass uns alle angeht, öffentlich zu diskutieren! Ich gratuliere euch dazu. Es gibt so viele Leute, die still, aber kämpferisch, ehrenamtlich Ihren Dienst tun. Solche Menschen brauchen Unterstützung und sollten auch mal zu Wort kommen!

    1. März 2018
  • Petra Weise
    REPLY

    Mich hat dieses Interview sehr berührt – doch in einer DDR-Psychiatrie hätte ich NIEMALS arbeiten können, auch den dort so arg gequälten Menschen zuliebe nicht. Da muss man schon sehr hart sein. Ansonsten mag ich diese angenehm offene und unkomplizierte Frau sehr.

    5. März 2018
  • Marianne Weissberg
    REPLY

    Ein wunderbares Portrait, informativ und einfühlsam.

    11. März 2018

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