„Niemand will aufgrund seiner Leistung geliebt werden.“ Sandra Amrein, Präsidentin ADHS20+

Wer ADHS hört, denkt spontan vielleicht an „auffällige“ Kinder und Ritalin. Aber ADHS, welches erst bei Erwachsenen diagnostiziert wird? Gibt es. Mehr, als man denkt.

Wie so häufig, bin ich zufällig in das Thema reingelaufen. Bei einer Moderation zum Thema Brustkrebs kam ich mit einer Person ins Gespräch, die mir erzählte, dass es viele Erwachsene gäbe, die unerkannt von ADHS betroffen seien.

ADHS – das Kürzel für AufmerksamkeitsDefizit/HyperaktivitätsStörung.

Häufig seien dies Menschen, die durch ein ausgesprochenes Macher-Gen auffielen, die grosse Visionen hätten, Firmen gründeten, grosse Teams leiteten. Bis sie irgendwann einen Zusammenbruch erleiden, weil sie in ihrer Andersartigkeit mit dem gängigen Wertesystem kollidieren.

ADHS, welches erst in der Mitte des Lebens bemerkt wird, dann, wenn der Leidensdruck die Betroffenen zwingt, tiefer zu suchen, was zur Krise geführt hat. Ich hatte tatsächlich noch nicht davon gehört und merkte bei Gesprächen in meinem Umfeld, dass es den meisten so ging.

Meine Neugier war entfacht. Ich traf mich mit Sandra Amrein, Präsidentin von ADHS20+, um über ein Thema zu sprechen, welches offenbar so viele betrifft, und noch mehr, die nicht wissen, dass sie überhaupt davon betoffen sind. Auch Sandra Amrein fand erst als Erwachsene zur Diagnose ADHS.

«Die Wissenschaft hört dort auf, wo es farbig wird.»

Anna Maier: Sandra, ich möchte gerne in deine Geschichte einsteigen beim Zeitpunkt, als du als Erwachsene die Diagnose ADHS gestellt bekamst. Was war das für ein Moment für dich?

Sandra Amrein: In diesem Moment kamen plötzlich sehr viele Aha-Effekte zusammen. Wir leben das Leben vorwärts und verstehen es oft erst rückwärts. Für mich wurde plötzlich alles klar. Es war eine sehr lange Odyssee mit suchen, finden, wieder suchen… Ich habe mich einfach oft nicht verstanden, bin aber ein Mensch, der einen grossen Anspruch hat, zu verstehen.

Grundsätzlich, oder auf dich selber bezogen?

Grundsätzlich. Ich schaue mir immer gerne das Nicht-Offensichtliche an, wodurch ich immer viele Fragezeichen hatte in meiner Biografie. Das Leben hat mir schon sehr viel beigebracht und dennoch war ich ständig so unruhig und suchend, dachte: Es muss doch noch mehr geben! Ich war so getriggert, wusste aber gar nicht, nach was ich suchte.

Das klingt für mich jetzt aber noch nicht aussergewöhnlich. Das Suchen nach etwas Grösserem treibt doch viele Erwachsene an. Warum brauchtest du für dich eine Diagnose?

Von diesem Zeitpunkt an konnte ich weiterdenken. Kein Wissenschaftler der Welt vermag zu sagen, was das Leben ist. Die Wissenschaft hört dort auf, wo es farbig wird. Für die Grundbasis musste ich aber gewisse Zusammenhänge verstehen. Auf dem aufbauend, konnte ich anschliessend weitere Rückschlüsse ziehen. ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) könnte auch heissen «anders, dynamisch, hochbegabt mit Teilleistungsschwächen, sensibel». Es gibt immer Kehrseiten. Ich musste halt zuerst eine Seite verstehen, um mich der anderen Seite öffnen zu können.

Hast du darunter gelitten, alles verstehen zu wollen, hinter alles schauen zu wollen, in die Tiefe gehen zu wollen?

Es gab ganz viele Gedankenkarusselle. Ich konnte Sachen nicht zusammenbringen, an einem Tag war es so, am anderen wieder anders. Das ist ein extremer Prozess. Ich habe mich auch immer sehr kontextabhängig erlebt. Im einen Kontext konnte ich mich sehr gut abrufen und ausdrücken, im anderen Kontext war ich blockiert und es kam nichts.

Dann habe ich begonnen, zu verstehen, dass Menschen mit einer Sinnes-, Reiz- und Wahrnehmungsoffenheit sehr achtsam sein müssen. Ich weiss jetzt von mir, dass wenn man so disponiert ist wie ich, ist man störanfällig, das heisst, ich muss extrem aufpassen, in welchem Kontext ich bin, wo ich meine Energie hinleiten lasse. Ich muss wissen, dass ein ADHSler unter zu viel Stress seine intuitive Intelligenz nicht leben kann, denn er ist unter Gefühlsnotstand und fühlt sich bedrängt.

Dann macht er zu?

Genau, er blockiert, flüchtet oder fängt an, sich zu rechtfertigen und zu verteidigen.

«ADHS ist vererbbar. Man wird damit geboren und man stirbt damit.»

Kannst du eine Situation schildern, damit wir besser verstehen können, was genau passiert, wenn du im Stress bist? Was passierte in Situationen, in denen du dich gestresst oder bedrängt gefühlt hast?

Es sind Situationen, in denen die Linkshemisphäre mehr spielt. Linkshemisphäre ist Analytik, Logik , Struktur, Lernen, Fakten. Sie will alles einordnen können, sie hat einen gewissen Anspruch an Perfektion, es muss schlüssig sein, lässt keinen Spielraum. Auf der anderen Seite stehen Intuition, Denken, Kreativität, Gefühle, Fantasie.

Ich habe so viele Ebenen, auf denen ich denke. Wenn ich dann jemanden treffe, der sture, rigide, enge Denkmuster aufweist, dann begeben wir uns in einen Kontext, in dem jemand etwas behauptet, was er grundsätzlichgar nicht zu verstehen vermag. Dann unterliege ich entweder dieser Begrenzung, mit druck- und stressauslösender Funktion oder rebelliere.

Was passiert dann?

Dann habe ich das Problem, dass ich nicht strukturiert offen sein kann. Entweder bin ich zu und sage nichts mehr, oder ich gebe mir innerlich den Freipass und dann sprudelt es, was noch mehr zum gegenseitigen Unverständnis beiträgt.

Man sagt auch ADHS Betroffene befänden sich oft in einem Loyalitätskonflikt?

Zum Beispiel jetzt in dieser Situation: Wenn ich mir vorstelle, dass du das alles abtippen wirst, was ich hier sage…

Das ist ein Stress für dich?

Ja, dann muss ich die Loyalität dir gegenüber etwas überwinden und mir sagen, dass es sehr viel Arbeit geben wird, hier die Essenz rauszuschälen. Ich habe oft Loyalitätskonflikte. Bin ich jetzt loyal mit mir selber und sage das, was ich auf dem Herzen habe, oder bin ich loyal mit dir und versuche es so zu sagen, dass du es abtippen kannst.

Das heisst, du empfindest eine übermässige Empathie für andere?

Das ist eigentlich genau das Thema. Ich sehe das in meinen ADHS-Beratungen sehr häufig. Viele Leute mit einer ADHS-Veranlagung stehen sehr oft in einem Loyalitätskonflikt. Die werden lieber krank, als disloyal zu werden.

Sie sind so lange loyal mit dem Geschäft oder mit dem Partner, aber so lange disloyal mit sich selber, bis der Punkt kommt, an dem sie nicht mehr anders können – der Selbsterhaltungstrieb – und dann fangen sie an mit Trotzen oder Ausrasten. Und dann denken die Leute, was denn jetzt mit dem los sei.

Dass er vorher aber die ganze Zeit so viel Energie gebraucht hat für diese Anpassungsleistungen, um zu genügen, allem zu entsprechen, von dem sieht man nichts. Er sagt ja sehr lange nichts. 

Wir haben uns vor fünf Minuten zum ersten Mal gesehen. Du verspürst aber offenbar sogar mir gegenüber als fremde Person eine solche Loyalität und machst dir Gedanken, dass ich dann vielleicht viel Arbeit haben werde mit diesem Interview. Kann man sagen: Die Loyalität oder Empathie geht so weit, dass du fast schon der ganzen Menschheit gegenüber, auch völlig fremden Personen gegenüber diese Loyalität verspürst?

Ich selber habe das sehr stark, also musste ich zuerst lernen, wo was wieviel Sinn ergibt. Es ist aber häufig so, dass ADHS-Betroffene schon von Kindheit auf Emotionsträger sind. Sie spielen den Pausenclown, weil sie sich für die Stimmung verantwortlich fühlen. Sie halten Schwere sehr schlecht aus, sie übernehmen häufig Schwingungen und Stimmungen von anderen Leuten. Das merke ich auch selber. Ich merke dann oft erst sehr spät, dass ich mich verausgabt habe und sehr bewusst darauf schauen muss.

Ich kann nur mit Leib und Seele und Haut und Haaren etwas machen und nicht halbherzig. Das bedingt, dass man sich zurücknehmen muss, mit sich selber im Reinen zu sein, damit man sich nicht in einer Situation wiederfindet, wo man gar nicht hin wollte.

«Wir leben das Leben vorwärts, aber verstehen es oft erst rückwärts.»

Was mir bis zu unserer Begegnung nicht bewusst war, ist, dass viele Betroffene erst im Erwachsenenalter die Diagnose gestellt bekommen. Kann man davon ausgehen, dass all diejenigen, die als Erwachsene diagnostiziert wurden, ADHS bereits als Kind hatten?

Heute ist die Wissenschaft so weit, dass man sagen kann, dass es genetisch bedingt ist. ADHS ist vererbbar. Man wird damit geboren und man stirbt damit. ADHS wird aber kontrovers diskutiert. Einige Fachleute sagen klar, dass es eine Krankheit sei, andere sagen, dass es eine andere Normvariante des Menschseins sei.

Betroffen sind Menschen, die feinstofflicher sind, die mehr aufnehmen und dadurch störanfälliger sind, aber der kognitiv Stärkere lernt natürlich, vieles mit sich selber auszumachen. Im Vordergrund wird ein Bild abgegeben, im Hintergrund sieht es aber ganz anders aus.

Ich wurde immer als fröhlich, aufgestellt, offen, stark wahrgenommen. Die andere Seite habe ich aber für mich behalten. Ich hatte sehr viel Trauer, Ängste, Unsicherheiten, Hinterfragungen. Das hat niemand so recht wahrgenommen.

Bei wem hast du es zugelassen? Gab es einen kleinen Kreis von Menschen, mit denen du deine zweite Seite ausleben und dich selber sein konntest?

Ich habe diese zweite Seite so stark negiert, dass ich schlussendlich ein extrem guter Leistungsträger wurde. Nur in den Ferien hat es mich ab und zu wieder eingeholt. Ich wollte die selber gar nicht.

Die andere Seite?

Ja. Ich wollte immer genug eingespannt sein mit Arbeiten, mit Kindern, usw. um mich davor abzulenken und zu schützen.

Das hat funktioniert?

Das war natürlich eine Flucht vor mir selbst. In den Ferien sehe ich mich gezwungen, an mir selber zu arbeiten. Dann bin ich wieder mit mir selbst konfrontiert, was ich teilweise nicht ertrug. Ich habe viele meiner Gefühle so lange unterdrückt, bis es eines Tages…

…gecrasht hat.

Ja.

Was ist passiert?

Ein Ereignis hat mein Leben gewandelt. Ich kam so unter Druck und Stress, dass ich es nicht mehr aufhalten konnte. Ich fiel zurück in meine Emotionen. Das war aber im Nachhinein auch gut so, denn es hat mich wieder lebendig gemacht. Vorher war ich einfach gut funktionierend, statisch unterwegs. Das war etwas, was mich wieder zum Weiterdenken führte. 

Wie alt warst du damals bei diesem Umbruch oder Zusammenbruch?

Ich war etwa 24 Jahre alt, nein, falsch. Ich war etwas über 30.

«Ich hatte keinen Raum mehr zwischen Reiz und Reaktion.»

Um die 30 haben viele Leute eine Mid-Life-Crisis. Hattest du am Anfang nicht das Gefühl, dass es sich um eine allgemeine Krise handeln könnte?

Bei mir ist vieles zweiseitig. Es schwingt häufig der Gedanke mit, dass es halt so sein muss. Da sind wir wieder bei dem, dass wir das Leben vorwärts leben, aber erst rückwärts verstehen. Ich denke mir oft, dass ich da durch muss und so mehr Verständnis für mich selbst und andere Leute und Situationen aufbauen kann.

Ich habe beispielsweise immer gespürt, dass mir die Treuhandarbeit ein bisschen zu wenig geistige Nahrung gibt. Ich muss für mein Seelenheil noch ein bisschen mehr machen. Ich ging dann erst mit 40 Jahren in die Schule für Sozialbegleitung, nachdem zum zweiten Mal ein Ereignis geschehen war, das mein Leben veränderte.

Wenn ich dir zuhöre, erhalte ich den Eindruck, dass ich viele Menschen kenne, die ähnliche Charakterzüge zeigen wie du. Steckt nicht ein bisschen ADHS in uns allen?

Ja, aber das, was wir alle haben, haben einige einfach verstärkter. Der Leidensdruck kommt dann zum Ausdruck, wenn das Umfeld stark autoritär, reglementiert, moralisiert, einengend, kontrolliert, machtausübend ist. Unter Sinnwidrigkeiten kann der ADHSler nicht denken und er kommt viel schneller unter Stress, weil er so viel wahrnimmt. Auch Doppeldeutigkeiten irritieren extrem: Wenn jemand etwas sagt, aber ich nehme etwas total anderes wahr.

Das hast du?

Ja, natürlich. Ich bin häufig einfach irritiert, weil ich nicht weiss, was nun wirklich ist. Das ist sehr anstrengend. Umso direkter, humorvoller und natürlicher ein Umfeld ist, desto besser funktioniert der ADHSler. Er muss selber lernen artgerecht unterwegs zu sein.

Ich möchte später darüber sprechen, was ADHS mit dem Umfeld oder einer Beziehung macht. Vorher aber möchte ich mich nochmals dem Zeitpunkt widmen, als du die Diagnose gestellt bekamst. Wie alt warst du, als du erfahren hast, dass du ADHS hast – und wie hat sich dies bei dir im Alltag gezeigt?

Ich habe es mit rund 42 Jahren erfahren, als ich wieder im Schulsystem war. Ich bin selbstständige Treuhänderin und wurde daher gar nicht so oft damit konfrontiert, Anpassungsleistungen erbringen zu müssen, weil ich natürlich durch die Selbständigkeit eine gewisse Freiheit habe.

Im Schulsystem zur Ausbildung als Sozialbegleiterin habe ich dann gemerkt, wie ich innerlich wieder rebelliert habe gegen gewisse Mechanismen, die für mich keinen Sinn ergaben.

Ich hatte dort eine afrikanische Freundin, mit der ich später in ihrer Heimat ein Waisenhaus aufbaute, und habe gemerkt, dass ich zumal im Konflikt bin mit hiesigen, gängigen Meinungen, gängigen Verfassungen, Werten und Normen. Die kamen im Schulsystem im Erwachsenenalter wieder zum Ausdruck.

Durch meine Veränderung kam es zwischen mir und meinem Ex-Mann, mit dem ich viele Jahre zusammen war, vermehrt zum Disput. Daher wurde ich auch mit mir selber voll konfrontiert, mit meinen wahren Empfindungen. Ich hatte keinen Raum mehr zwischen Reiz und Reaktion. Direkt nach dem Reiz kam die Reaktion. Ich hatte keine Wahlfreiheit mehr, alles kam zu heftig rein.

Das Schöne an einem ADHS-Betroffenen ist, dass er oft zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist. Jemand hatte mir von einer Frau erzählt, die mittlerweile Vizepräsidentin ist bei uns. Bei ihr habe ich meine ADHS-Abklärung gemacht.

Seitdem ist meine Leidenschaft, nach der ich immer gesucht habe, offensichtlich. Mein Herz brennt dafür, es ist mir wichtig, dass mehr Selbstverständnis herrscht, dass Menschen mit dieser Veranlagung ermutigt werden. Man muss wissen, dass man Teilleistungsschwächen hat, aber man muss auch wissen, dass man Begabungen hat. Sie haben eine hohe emotionale Intelligenz, es sind häufig Menschen, die keinen linearen Lebensweg haben. Sie sind Suchende, bis sie irgendwo ankommen, wo es sich wahrhaftig stimmig anfühlt, dann beruhigt sich ihre Allgemeinsituation.

«ADHS-Betroffenen wird oft Egoismus nachgesagt, weil sie verkannt werden.»

Was kann man machen, damit man sich in schwierigen Situation wohler fühlt, wenn man von ADHS betroffen ist?

Jetzt sind wir wieder beim Loyalitätskonflikt. Ich glaube, jemand mit ADHS muss einen gesunden Egoismus entwickeln, um sich rechtzeitig abgrenzen zu können.

Geht das?

ADHSler haben häufig ein Problem mit diesem Wort, weil ihnen oft Egoismus nachgesagt wird. Ein Beispiel: Wenn sie eine Stunde an einem Familienanlass sind, brauchen sie viel mehr Energie als jemand, der fünf Stunden dort ist. Wenn sie dann nach einer Stunde gehen, wird nicht gesagt, schön, dass du eine Stunde hier warst, sondern es wird gefragt, warum gehst du schon wieder? Die Situation wird verkannt, weil die Betroffenen es oft nicht sagen oder selber nicht verstehen, was da gerade passiert.

Um eine gute Stressregulation zu haben, braucht es viel. Ich habe zum Beispiel mein Standbein mit dem Treuhandjob, der mir Sicherheit und Struktur gibt. Dann habe ich mein Spielbein, wo ich mit unterschiedlichen Menschen und Anforderungen zu tun habe und auch Weiterbildungen und Veranstaltungen organisiere. Das ist für mich ein Konstrukt, das funktioniert.

Als ich nur das Standbein hatte, fühlte ich mich manchmal gefangen in dieser Struktur, bis es nicht mehr ging, falls ich nur das Spielbein hätte, würde ich in Panik geraten. So wie es jetzt ist, stimmt für mich die Regulation.

Dank dem Selbstverständnis, das ich über mich selber erlangt habe, verspüre ich die Legitimierung zu sagen, dass ich mir gegenüber radikaler sein muss. Wenn ich müde bin, muss ich mich rausnehmen. Ich brauche die Loyalität mit mir selber, die zwingend notwendig ist. Viele haben vor allem durch diesen Umstand aber mit irrationalen Ängsten zu kämpfen. 

Beispiel?

Angst, den Boden zu verlieren. Angst, Sicherheit zu verlieren. Aber auch Angst, fremdgesteuert zu sein, eine Marionette im Leistungssystem zu sein, gar nicht mehr sich selbst zu sein. Es ist ein Hin- und Her, bis man sich so positionieren kann, dass man nebst all den Variablen auch eine Konstante im Leben hat. Ich brauche aber zwingend auch Variablen, mit denen ich Wachstum haben kann, andere Erfahrungen machen kann, denn sonst besteht das Problem, dass man geistig verarmt.

«Wenn man beginnt, sich zu verstehen, dann moralisiert man auch weniger.»

ADHS verbindet man häufig mit Kindern, die „auffällig“ sind, Ritalin verschrieben bekommen, damit sie runterfahren können. Wie läuft das im Erwachsenenalter ab? Behandelt man Betroffene medikamentös, um extreme Ausreisser neutralisieren zu können? Oder arbeitet man eher am Aufbau eines selbstachtenden Verhaltens und an der Aufklärung und am Verständnis der Mitmenschen?

In unserer Beratung geht es in erster Linie zu lernen, sich selbst besser zu verstehen. Wir wissen so viel und verstehen so wenig. Wenn man beginnt, sich zu verstehen, dann moralisiert man auch weniger. Es läuft viel über die Selbstkritik. So beginnt man, sich zu hinterfragen, ob man wirklich am richtigen Ort ist. Will ich das wirklich? Was hält mich auf? Dann geht es darum, jemanden zu haben, der einen unterstützt, tragfähige Schritte zu unternehmen, um in ein artgerechtes Umfeld zu gelangen.

Organisiert ihr im Verein auch Veranstaltungen, wo sich Menschen austauschen können?

Ja, ich habe ganz oft Beratungen mit Menschen, die erst im Erwachsenenalter per Zufall mit ADHS konfrontiert werden. Oft werden Symptome bekämpft wie starke Stimmungsschwankungen, Depressionen, Angststörungen, Sucht, aber die Ursache dahinter wird nicht erkannt. Mein Herz brennt dafür, systemisch vorzugehen und die Ursache zu kennen. Einige sagen dann einfach, dass sie ein Medikament wollen, um sich anzupassen, um leistungsfähig zu sein. Andere sagen aber, dass sie Hilfe wollen, ihr Leben so auszurichten, damit sie sich selbst besser entsprechen können und es letztlich dadurch leichter wird.

Das sind zwei komplett verschiedene Herangehensweisen. Du machst Beratungen. Wenn jemand einfach ein Medikament will, dann geht er zu einer anderen Fachstelle, oder?

Nein, es gibt Leute, die einen guten Grund haben, in einem System funktionieren zu wollen. Wir sind diesbezüglich nicht Verfechter von einer Meinung. Für uns gibt es sowohl, als auch. Es geht darum, situativ jeden Fall anzuschauen. Welche Schritte können unternommen werden, was kommt noch nicht in Frage? Wir schauen die Situation jedes Betroffenen ganzheitlicher an.

Gibt es Momente, in denen du selber auf Medikamente zurückgreifst?

Es gibt Momente, in denen ich sehr froh bin, sie in der Tasche zu haben, denn ich weiss, dass es Umstände gibt, in denen ich einfach funktionieren und keine Stresssituation riskieren will. Nur schon zu wissen, dass ich etwas dabei hätte, hilft mir, mich zu beruhigen.

Was machen die Medikamente?

Es gibt ganz verschiedene Medikamente. Man hört immer nur von Ritalin. Ritalin hilft vielen Menschen, sich besser konzentrieren zu können. Bei einem Studenten, der einfach seinen Abschluss machen muss, selbst wenn das Thema nicht interessant ist, empfehlen wir dann nicht, dass er kein Medikament nehmen soll. Für ihn ist es sehr wertvoll, den Abschluss machen zu können. Aber bei jemandem, der 50 Jahre alt ist und sich das ganze Leben angepasst hat, da lohnt es sich, das Ganze zu hinterfragen und zu schauen, ob es vielleicht noch etwas anderes gäbe.

Du bist zweifache Mutter, warst lange verheiratet, bist in einer Beziehung. Du hast gesagt, dass das Umfeld eine ganz wichtige Rolle spiele. Was kann die Familie einem ADHS-Betroffenen geben?

Freiheit in Verbundenheit. Das ist das Wichtigste. Man braucht eine gewisse Autonomie, einen gewissen Entfaltungsspielraum, aber mit Verbundenheit und Vertrauen. Das ist im Grunde ganz einfach – auch mit Kindern. Wenn man spürt, dass man anerkannt und wertgeschätzt wird, dann hinterlässt dies ein positives Grundgefühl. Was ADHS-Betroffene brauchen, brauchen alle Menschen. Niemand will aufgrund seiner Leistung geliebt werden, sondern aufgrund des Charakters.

Sandra Amrein im Gespräch mit Anna Maier im Club Mascotte Zürich.

«Das gängige Denken macht Menschen krank.»

Wie war es für deine Kinder? Welche Rückmeldungen kamen von ihnen? Wie wurdest du von ihnen als Mutter wahrgenommen?

Ich machte immer sehr viel intuitiv. Die intuitive Intelligenz stand dann aber oft auch im Konflikt mit dem gängigen Wertesystem. Ich kann dir davon ein kleines Beispiel erzählen: Mein Sohn schreibt eine Prüfung in Mathe. Der Lehrer sagt, dass nur mit Bleistift geschrieben werden darf. Mein Sohn schreibt sie mit Kugelschreiber, weil er manchmal etwas verpeilt war. Dadurch hat er eine schlechte Note erhalten.

Für mich ist das ein Erlebnis, welches bei mir zu inneren Konflikten führt, weil ich einen sehr grossen Anspruch nach Sinnhaftigkeit habe. Es sollte bei der Prüfung ja ums Rechnen gehen!

Wie hast du reagiert?

Ich ging zur Schule und habe darüber gesprochen. Wir haben es geklärt. Es gibt ja auch in dieser Situation verschiedene Ebenen. Mein Sohn kann rechnen, einfach nicht gut zuhören. Natürlich geht es aber auch darum, dass er lernt, zuzuhören.

Es gibt dieses Sprichwort: «Der Weisheit ist es egal, wie man sie erlangt». Die Wahrheit will recht haben, die Weisheit lässt Entfaltungsspielraum. Die hat eine andere Ebene.

Einstein sagte: «Eine neue Art von Denken ist notwendig, wenn die Menschheit weiterleben will». Das gängige Denken macht Menschen krank. Man muss bei sich selbst anfangen, ankonditionierte Denkmuster und ungeprüfte Grundüberzeugungen eigens zu hinterfragen.

Welchen Menschen empfiehlst du, sich abklären zu lassen?

Viele Menschen befinden sich in einer Patt-Situation. Sie kommen weder vorwärts noch zurück. Sie denken sich, dass es so nicht weitergehen kann, sie wissen aber auch nicht, wie sonst. Gleichzeitig lässt sie irgendwas nicht in Ruhe.

Wenn man in einer schlechten Phase ist, sich aber grundsätzlich zufrieden und ruhig fühlt, dann fühlt sich diese natürlich weniger dramatisch an, als wenn man sich in einer Situation befindet, in der man weder etwas leisten oder verändern noch sich entspannen kann. Das ist eine Beschreibung, die ich in der Beratung häufig höre.

Depressionen sind häufig Aggressionen gegen sich selber. Man wagt sich nicht, den eigenen Weg zu gehen. Steckenbleiben in der eigenen Evolution ist eine Resignation. Ich merke zum Beispiel sehr stark, ob mein Vis-à-Vis ADHS hat oder nicht. ADHSler kann man entfachen. Sie haben ein inneres Feuer, welches man wiederentfachen kann.

Wenn jemand Depressionen mit ADHS hat, ist das was anderes, als wenn jemand Depressionen ohne ADHS hat. Ein ADHSler hat dieses innere Kind, diese Begeisterungsfähigkeit, die Freude, diesen Wille zur Improvisation. Er braucht einfach eine Hand und vor allem eine sinnvolle Perspektive. Verheerend sein kann, dass der ADHSler negativ hyperfokussiert. Diesen kann man aber auch umlenken: Ein positiver Hyperfokus kann zu neuen Ideen und extrem viel Ausstoss führen. Ein Hyperfokus besteht dann, wenn Denken, Fühlen und Handeln in Übereinstimmung sind.

«Ich spüre in mir ganz stark den Drang, etwas zu bewegen.»

Durch diese umgelenkte Energie kann eine depressive Phase besiegt werden?

Das sehe ich oft. Der negative Hyperfokus führt auch zum Perfektionieren. Wenn etwas nicht haargenau stimmt, wird das zu einem so grossen Problem, dass der negative Hyperfokus den ADHSler lahmlegt. Das ist sehr irrational, aber auch sehr anstrengend für die Menschen. Wenn er nur noch Defizit orientiert ist, wird es schwierig, denn dann fangen sie an mit Hyperfokussieren in Ängsten. In manchen Fällen wächst daraus eine Depression.

Wie bist du auf die Idee gekommen, mit ADHS20+ eine Beratungsstelle zu schaffen für Erwachsene mit ADHS?

Zuerst führte ich die Zentralstelle von elpos Schweiz, das ist der Elternverein für ADHS betroffene Kinder. Ich habe dann oft von Eltern gehört, dass sie ja das Gleiche haben wie ihre Kinder und, ob es für die Erwachsenen keine Anlaufstelle gäbe? Das hat mich dann dazu animiert, ADHS20+ zu initiieren und zu gründen, zumal ich es wertvoll finde, wenn die Erwachsenen an sich arbeiten und die Kinder möglichst frei und natürlich aufwachsen können.

Innert kürzester Zeit sind wir extrem gewachsen. Ich habe täglich Mails mit Anfragen und Beratungen. Der stetige Zuwachs von Neumitgliedern bestätigt unser Schaffen.

Viele Menschen brauchen eine Ermutigung. Und wer kann besser ADHS-Betroffenen helfen, als ein ADHS-Betroffener selbst, der vielleicht einfach ein bisschen erfahrener ist? Ich kenne all diese facettenreichen Geschichten, die ich täglich höre, aus meinem eigenen Leben.

Ich habe oft gesagt, dass ich lieber neue Gleise baue, als Alte zu befahren. Ich spüre in mir ganz stark den Drang, etwas zu bewegen. Ich musste aber zuerst sehr viel lernen. Lehrjahre sind keine Herrenjahre, da muss man einfach durch, um an Erfahrungen zu wachsen und vorübergehend ein Einzelgänger-Dasein aushalten.

Wann fühlst du dich komplett wohl in deinem Leben?

Wenn ich lebendig bin. Leben ist für mich natürliche Lebendigkeit. Im Unterschied zu früher mache ich heute sehr viel, aber ich kann bewusst nicht nur einatmen, sondern auch ausatmen. Ich gebe mich bewusst ein, nehme mich aber auch bewusst raus, bevor es nicht mehr geht. Ich nehme mir immer Timeouts, arbeite nicht mehr so «verbissen». Ich erlaube mir, dass gut manchmal besser ist als perfekt. Dass es sonst einen Nimmersattmechanismus gibt. Ich takte mich.

«Man sagt, ADHSler seien Visionäre und Pioniere, wie auch Störenfriede und Eigenbrötler.»

Wenn du erzählst, dass du ADHS hast, wie sind die Reaktionen darauf?

Ich bin jetzt mit vielen Menschen unterwegs, die die gleiche Art zu leben wissen wie ich und werde daher natürlich anders konfrontiert. Aber grundsätzlich ist dies immer individuell. Was man sagen kann ist, dass ADHS leider heute noch eher negativ stigmatisiert ist.

Es gibt aber auch Menschen und Unternehmen, die erkennen, was für ein Potential in dieser Veranlagung steckt. Bei Google werden beispielsweise explizit ADHS-Betroffene gesucht. Da scheint man zu wissen, dass man sich so Querdenker ins Team holt, die neues Gedankengut und neue Lösungswege einbringen.

Man sagt, ADHSler seien Visionäre und Pioniere, wie auch Eigenbrötler und Störenfriede. Einige Menschen reagieren sehr offen und denken, dass wir spannende Persönlichkeiten sind. Es gibt aber auch genau die anderen, die mit dieser Unberechenbarkeit überhaupt nicht umgehen können. Dann ist der ADHSler aber im falschen Kontext, er kann nur verlieren. Das ist quasi wie ein Selbstmordkommando.

Das heisst, der ADHSler muss den richtigen Ort im Leben finden, um sich entfalten zu können?

Ja, genau. Voilà. Das ist genau richtig. Darum setze ich mich dafür ein, dass sie sich so ausrichten können, dass sie sowohl der Gesellschaft entsprechen, aber auch ihr eigenes Leben nicht verpassen.

Hast du eine Vision oder ein Traum, der über allem steht? Was willst du in diesem Leben unbedingt noch bewegen?

Dass mehr Verständnis herrscht über das, was vorgeht. Dass Zusammenhänge erkannt, dass Wechselwirkungen verstanden und dass Vertrauen gefunden wird. Dazu beitragen zu können, ist eine Vision von mir. Deswegen bin ich auch dankbar, dass ich heute hier sein darf.

www.adhs.plus

Text: Anna Maier

Bilder: Jean-Pierre Ritler

Journalistin Anna Maier trifft Sandra Amrein, Präsidentin ADHS20+

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Kommentare

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    Beat Merki
    REPLY

    Einfach wiederum ein tolles und sehr eindrückliches Gespräch mit Sandra Amrein. Ich liebe es immer wieder von neuem Deine gefühlvollen Texte zu lesen.
    Einfach schön dass es Dich gibt und Du dieses wunderbare Magazin ins Leben gerufen hast.
    DANKE Anna.
    Liebste Grüsse
    Beat

    12. Juli 2019
  • Avatar
    Andreas
    REPLY

    Bei mir wurde als Kind ADHS (POS) diagnostiziert. Obwohl ich das Gefühl habe heute ausser manchmal Zerstreutheit mit Konzentrationsschwäche gelegentlich noch zu „fühlen“, dass ich oft auch das „Macher und Anreisser, aber nicht zu Endebring Symptom“ habe.

    Ich habe gelernt damit zu leben, weiss heute auch, wie wichtig ein gutes Umfeld ist, Respekt, welcher mir Menschen gegenüberbringen und mich nicht in Emotionen verfallen lassen. Richtig, man kann auch kernen, mit der Krankheit und den Auswirkungen umzugehen. Es hat viel mit in sich gehen und Reflexion, aber auch Ablenkung und Ausgeglichenheit mit z.B. Kreativität zu tun. Mein Weg…

    Faszinierend finde ich die Google Story. Ja, ich gelte oft als Querdenker, das wird in meiner jetzigen Firma nicht sehr geschätzt. Das aber die Fähigkeit, Dinge aus andern Winkeln betrachten zu können, in einer Welt aus studierten Lehrbuchfritzen, ist eine verlorene Fähigkeit und wird sehr oft vergessen.

    13. Juli 2019
  • Avatar
    Urs Anton Löpfe
    REPLY

    Herzlichen Dank für das sehr spannende Interview. Ich bin selbst von AHS betroffen. Ich beschäftige mich ein Lebenlang mit einer Energiewende die nicht zum Blackout führt, oder wie man im aktuellen Mainstream sagt Klimawandel. Dabei verstehe ich nicht, weshalb in den Medien primär über die Probleme schreibt und nicht über Löungenbund Massnahmen. Mit nachhaltigen Grüssen Urs Antonn Löpfe

    28. August 2019

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