«Die Gefahr neurotisch zu werden ist extrem gross.» Simon Otto, Trickfilm-Animator

Er ist «unser Mann in Hollywood»: Simon Otto arbeitete über 20 Jahre als Trickfilm-Animator für grosse DreamWorks-Produktionen. Nun geht er seinen eigenen Weg.

Wer die erfolgreiche Trickfilm-Trilogie «Drachenzähmen leicht gemacht» gesehen hat, der kann erahnen, was für eine blühende Fantasie, was für Bilder und Farben, ständig durch die Köpfe der Macher geistern müssen.

Drei bis vier Jahre arbeiten die Zeichner und Animatoren pro Film und kreieren Universen, die uns Kinobesucher im wahrsten Sinne des Wortes in eine andere Welt katapultieren.

Ein Schweizer mischt seit zwei Jahrzehnten mit der extradicken Kelle an: Simon Otto, 45, aus Gommiswald, Kanton St. Gallen, der im Alter von 22 Jahren direkt ab Ausbildung nach Hollywood geholt wurde zum Trickfilm-Giganten DreamWorks. Aus dieser Küche kommt eine ganze Reihe an Kassenschlagern: Shrek, Madagascar, Kung Fu Panda, die Liste ist lang.

Warum entscheidet sich jemand, der in dieser Traumfabrik als Chefanimator für die «Drachenzähmen»-Filme veranwortlich war, sich dieser loszusagen und ohne Firma mit grossem Budget im Rücken einen neuen Weg einzuschlagen?

Ich habe Simon Otto in Los Angeles getroffen. Nach einem leckeren Lunch, den er mir spontan auftischt im Garten seines hübschen Hauses an einer für LA typischen Strasse mit langhalsigen Palmen, setzen wir uns in sein Atelier. Das Gespräch über Hollywood-Karrieren, Heimweh-Schweizer und geordnetes Chaos kann beginnen.

«Im Militär habe ich für den Hauptmann Schlachtpläne gezeichnet.»

Anna Maier: Dein Büro ist ein Sammelsurium. Überall stehen und liegen Nippsachen, Figuren, Bilder und Bücher herum. Viele davon mit kleinen Zettelchen versehen. Hier zum Beispiel: «Why does she want it?». Was ist das?

Simon Otto: Wenn ich Geschichten entwickle, habe ich eine Wand voll mit Post-its. Damit baue ich die Struktur der Geschichte auf. In einer Geschichte geht es schlussendlich immer darum, was ist der Unterschied zwischen dem, was deine Hauptfigur will und was deine Hauptfigur braucht. Der Unterschied zwischen dem Wollen und dem Brauchen.

Auf wen hat sich dieser Post-it bezogen?

Auf diese Figur dort.

Wer ist das?

Die Figur heisst Amelia. Das ist ein Projekt, an dem ich arbeite. Ich kann leider noch nicht darüber sprechen. Es geht um eine Figur, die ein gewisses Abenteuer in Angriff nimmt.

Eine grössere Produktion, bei der du auch Regie führen möchtest?

Ja, das ist die Idee. Ob sie je zustande kommt oder nicht, weiss ich noch nicht. Die Geschichte basiert auf einem Computerspiel, aber es ist meine Idee in der Art und Weise, wie sie adaptiert wird.

Momentan arbeite ich an mehreren Projekten in der Entwicklungsphase. Gewisse stehen in ganz frühen Stadien. Ich versuche sie aufzubrechen und herauszufinden, was dahintersteckt.

Ich arbeite auch an der Adaption des Bestsellers «A Tale Dark and Grimm». Daran ist ein ganzes Team beteiligt. Wir haben allen Studios präsentiert, wie wir das Buch umsetzen wollen.

Zudem lese ich extrem viele Bücher, die zu Projekten werden könnten. Mein Leben ist momentan ein Mix zwischen entwickeln und Ideen aufkochen.

«Ab und zu frage ich mich, ob es der richtige Entscheid war.»

Du hast dich nach 20 Jahren und nach der weltweit sehr erfolgreichen Trilogie «Drachenzähmen leicht gemacht» von DreamWorks verabschiedet und bist zum ersten Mal in deinem Arbeitsleben selbständig. Eine Situation, die eine gewisse Unsicherheit bietet. Wie gehst du mit dieser ungewohnten Durststrecke zwischen zwei Projekten um?

Das lerne ich immer noch. Ich habe wenig Erfahrung damit.

Ich wurde vor über zwei Jahrzehnten von DreamWorks angestellt und habe denen mein Leben in die Hände gedrückt. Innerhalb der Firma konnte ich dann sagen, was mich interessiert und an was ich arbeiten will. Ich hatte die Wahl. So hangelte ich mich von Projekt zu Projekt.

Ich schätze mich glücklich, dass ich in den letzten 12 Jahren an diesen Drachen-Filmen arbeiten konnte. Das ist etwas, was mir Spass gemacht hat.

Jetzt bin ich zum ersten Mal unabhängig und arbeite für mich. Was ich merke, ist, dass die Gefahr neurotisch zu werden, extrem gross ist.

Inwiefern?

An einem Tag läuft alles perfekt. Diese Person ruft dich an, dieses Studio fragt dich an, hier ist Enthusiasmus, da ist jemand mit einer Idee. An einem anderen Tag hört man einfach nichts, oder es kommt eine Absage rein, ein Projekt geht verloren. Es geht immer rauf und runter.

In deiner Karriere schien bisher alles so einfach. Jetzt bist du Mitte 40, aus dem «gemachten Nest» rausgehüpft und fliegst herum. Wo geht es hin? Warum dieser Schritt?

Die Frage nach dem Warum stelle ich mir nicht. Ab und zu frage ich mich, ob es der richtige Entscheid war. Ich kann dann aber relativ schnell argumentieren, dass es schon Sinn macht, die Frage ist nur, wie lange ich so herumschwebe.

Was wäre die Alternative gewesen?

Ich hätte mehrere Möglichkeiten gehabt, um innerhalb der Firma weiterhin das zu machen, was ich bis jetzt gemacht habe – sei es als Storyboarder, als Head of Animation oder als Animator.

Für mich kam der Punkt, an dem ich wusste, dass ich nach drei Drachen-Filmen nicht nochmal den gleichen Job machen wollte an einem neuen Film, der mich vielleicht weniger interessierte. Das kam für mich nicht in Frage. Ich wollte weitergehen, mich weiterentwickeln.

Der zweite Grund ist, dass ich zwischen dem zweiten und dritten Teil Regie geführt habe von Fernsehserien. Ich habe mich vermehrt um das Konzept und die Visualisierung des Drehbuches gekümmert.

Was waren das für Fernsehserien?

Das war Trollhunters, was auf Netflix zu sehen ist. Und ich habe zwei Episoden der Drachen-Serie gemacht. Dabei wurde für mich klar, dass dies der nächste natürliche Schritt in meiner Karriere ist.

Zeichnen werde ich nach wie vor. Vielleicht weniger, aber selbst als Head of Animation habe ich noch gezeichnet. Damit aufhören werde ich nie. Mir geht es hauptsächlich darum, dass ich mehr in der Entwicklungsphase mitarbeiten kann. Ich will vermehrt in der Konzeptionierung tätig sein.

Würdest du dich als mutigen Menschen bezeichnen?

Nicht unbedingt mutig, nein. Ich bin relativ pragmatisch. Ich treffe keine Entscheidungen aus dem Bauch heraus. Ich höre zwar auf mein Bauchgefühl, aber ich mache selten radikal etwas Neues.

«Ich hatte immer den Drang, die Welt zu entdecken

Gehen wir zurück in deiner Geschichte: Du bist in Gommiswald SG aufgewachsen, ländlich, behütet, Wohlfühloase. Wovon hast du geträumt als 12-jähriger Simon?

Schon als 12-Jähriger habe ich davon geträumt Comics-Zeichner oder Animator zu werden. Ich wusste zwar gar nicht, was das wirklich ist, aber ich habe davon geträumt.

Das hatte etwas damit zu tun, dass wir ein Haus mit Aussicht nach Zürich hatten. Ich hatte immer den Drang, die Welt zu erleben und zu entdecken. Das haben auch meine Brüder in den Genen. Nach einer abgeschlossenen Banklehre entschied ich mich, es zu versuchen und den künstlerischen Weg einzuschlagen.

Die Banklehre passt irgendwie überhaupt nicht in dein Kreativuniversum. Wie kommt jemand, der so künstlerisch veranlagt ist, auf die Idee, eine Banklehre zu machen?

Das mag auf den ersten Blick tatsächlich komisch wirken. Aber es gab damals keinen für mich geeigneten Studiengang, der mich wirklich interessiert hätte. Dies ist übrigens mit ein Grund, warum ich heute an der Hochschule Luzern HSLU Animationsunterricht gebe. Diese Möglichkeit gab es für mich damals als Student in der Schweiz nicht.

Die Idee der Banklehre kam wohl vom Pragmatiker in mir, von meiner Mutter und meinem Vater. Nach der Banklehre könne ich dann immer noch machen, was ich wolle, sagten sie mir. Mit 16 Jahren fand ich das keine schlechte Idee.

Im Nachhinein wäre es logischer gewesen, ans Gymnasium zu gehen und später Ingenieur zu werden. An sich fand ich die Idee damals aber nicht schlecht. Nach zwei Wochen merkte ich aber schon, dass auf der Bank zu arbeiten nichts für mich ist. Trotzdem habe ich es durchgezogen.

Wie konntest du dort deine Kreativität ausleben?

Ich habe Schaufenster dekoriert.

Wie sahen die aus?

Super, glaube ich (lacht). Im Militär habe ich für den Hauptmann Schlachtpläne gezeichnet. Ich fand immer einen Weg, kreativ zu sein. Vor allem für mich selber. Zuhause habe ich sehr viel gezeichnet. Ich habe auch Fasnachtsdekorationen gemacht.

Dein Vater hat auch gezeichnet, konnte aber sein Talent nie richtig ausleben. Wie war das für ihn, als du diesen Weg erfolgreich gegangen bist? War das für ihn ein Thema?

Mein Vater hatte die Möglichkeiten dazu damals nicht. Schlicht und ergreifend. Er war nicht wehmütig, nein. Beide Eltern fanden es super, dass ich meinen eigenen Weg ging. Sie haben gesehen, dass ich eine Begabung habe und haben mich unterstützt. Sie waren zwar immer für mich da, haben sich aber mehrheitlich aus meinem Leben rausgehalten. Ich konnte machen, was ich wollte.

Mein Vater fuhr mich damals nach Paris zur renommierten Animationsschule Les Gobelins und da merkte ich schon – und das merke ich auch heute noch –, dass er sehr stolz auf mich war. Sie fanden immer, dass ich die richtigen Entscheidungen getroffen habe. Es kam zwar nie der grosse Push meiner Eltern, meine Talente zu nutzen, ich wurde aber auch nie daran gehindert.

Natürlich hat es etwas Überwindung gebraucht, eine Schule in einem anderen Land zu besuchen. Für mich war das Versprechen, als Animator und nicht als Banker zu arbeiten, aber immer viel grösser und stärker als jegliche Angst. Ich fand es sehr spannend, vom ersten Tag an.

Es ging dann alles rasend schnell: Noch während deiner Schulzeit wurdest du von Talentsuchern entdeckt.

Nach einem Jahr wusste ich, dass ich irgendwo unterkommen werde.

Der Traum, den jeder Schüler der Animationsschule wohl hatte. Hast du in diesem Rausch der letzten zwei Jahrzehnte überhaupt realisiert, was alles passierte, wie schnell alles ging, was alles auf dich einprasselte?

Ich musste mich regelmässig in den Arm kneifen in den ersten Jahren. Vor allem, als ich nach Amerika flog und in dieses Hotel kam. Bei DreamWorks hatte man eine Küche mit Glace im Kühlschrank, man konnte sich einfach bedienen. Für mich war das schon krass: Die geben Geld aus, damit ich mich als Künstler wohl fühle. Das war sicher ein Kneifmoment. Ich war ein 22-jähriger Mann, der seinen grössten Traum ausleben durfte.

Simon Otto mit „Ohnezahn“ aus der Erfolgs-Trilogie „Drachenzähmen leicht gemacht“ / Bild: Universal Pictures

Simon Otto mit Animationsveteran Dean DeBlois / Bild: Universal Pictures

«Ich musste mich regelmässig in den Arm kneifen.»

Es gibt ja sicher viele junge Leute, die diesen Traum haben, es aber nie schaffen werden. Was war dein Talent, das dich so aussergewöhnlich machte? Warum haben sie genau dich geholt?

Ich denke, ich war eine gute Mischung: Ich war sicher kein schlechter Zeichner, in Paris hatte ich mir einen guten Namen gemacht und als Animator zu arbeiten war für mich ein natürlicher Prozess – das ist es auch nach wie vor. Ich kann mich hinsetzen und eine Animation machen, und es ist kein riesiger Kampf für mich, etwas hinzubekommen, das mindestens mithalten kann.

Mit den Besten hier in Amerika mitzuhalten und sich durchsetzen zu können, das war schon schwieriger. Ich hatte aber eine progressive Kurve, die immer nach oben ging.

Wenn man sich als 22-Jähriger mit den Weltbesten messen muss, kann das zu einer Drucksituation führen, an der manche zerbrechen würden. Hast du das nie gespürt?

Doch, das habe ich gespürt. Aber ich hatte die Unterstützung von verschiedenen Mentoren, die voll an mich glaubten. Ein Franzose hat mich angestellt, Kristof Serrand, ich wurde unter seinen Flügeln gross. Er ist nach wie vor einer der  Animatoren bei DreamWorks.

Was war er für dich? Ein väterlicher Freund?

Nicht unbedingt ein Freund, aber er hat mein Talent erkannt. Solche Förderer braucht es eben auch, um hier in Hollywood Karriere machen zu können. Ich habe Durchhaltevermögen, ich höre zu, ich bin motiviert.

Schweizer Präzision.

Ich weiss nicht, ob es die Präzision ist, aber ich bringe sicher eine gewisse Schweizer Mentalität mit, die mir geholfen hat.

Gibt es etwas, was dich abhebt von den anderen?

Wahrscheinlich schon, ja (lacht). Selbst, wenn ich nicht an diese Pariser Schule gekommen wäre – was gut möglich gewesen wäre, es gab 900 Bewerbungen und nur 20 wurden aufgenommen –, bin ich überzeugt, dass ich einen Weg gefunden hätte.

Was es für den Durchbruch braucht, ist eine Mischung aus Talent und anderen Fähigkeiten. Durchhaltevermögen, räumliches Vorstellungsvermögen. Ich habe relativ viele Fähigkeiten, die für diesen spezifischen Job wichtig sind. Man muss ein rhythmisches Gefühl haben, man muss Bewegungsabläufe verstehen können. Es kommen ganz viele Aspekte zusammen – auch das Musikalische, das Zeichnerische.

Wenn du ein Schauspieler wärst, wärst du mit deinem Leistungsausweis vermutlich ein Superstar. Hilft es, dass man als Zeichner nicht erkannt wird, damit man sich nicht plötzlich in anderen Sphären bewegt und abhebt, weil man gewissermassen hinter seinen eigenen Figuren verschwindet?

Ganz sicher. Die Menschen, die an diesen Filmen arbeiten, sind alles Menschen wie ich. Es sind gleichdenkende, talentierte Leute, die einen weiten Weg hinter sich haben. Jakob der Däne ist hier einfach Jakob der Däne. Wenn er aber nach Dänemark geht, ist er plötzlich Jakob, der dänische Animator, der es nach Hollywood geschafft hat.

Wie, wenn du in die Schweiz kommst: Simon Otto, der Hollywood-Animator.

Ja, genau. Dabei ist es ein normaler Job. Nein, nicht ein normaler Job. Aber ein Job, der eine Routine hat, wie jeder andere auch.

Er wird normal?

Genau, für mich ist er normal. Ich überlege mir nicht ständig, dass ich an einem riesigen Hollywood-Film arbeite, der später von 100 Millionen Menschen auf der Welt gesehen wird.

«Ich überlege mir nicht, ob der Film von 100 Mio Menschen gesehen wird.»

Deine Filme wurde schon für alle wichtigen Preise nominiert, du triffst durch deinen Job auf viele interessante Menschen, auf berühmte Regisseure, auf die besten Schauspieler. Brauchte es viel Aufwand, um so bodenständig zu bleiben, wie du bist?

Ich weiss nicht, ob ich bodenständig bin. Ich bin einfach nicht die Person, die abgehoben wirkt. Das hat viel damit zu tun, dass ich ständig von Leuten umgeben bin, die ich bewundere – sei das ein Musiker oder ein Fotograf oder eben ein weltbekannter Schauspieler oder Regisseur. Da kann ich ja nicht ständig im Ausnahmezustand sein (lacht).

Es gibt eine Begebenheit in deinem Leben, die – so finde ich – eindrücklich dafür steht, wie bodenständig du wirkst. Ihr habt 2015 den Golden Globe gewonnen mit «Drachenzähmen leicht gemacht 2». Und du hast die Verleihung zu Hause mit deinem Sohn am Fernsehen verfolgt, weil deine Frau am Arbeiten war und du deshalb euren Sohn betreut hast. Bereust du es heute, dass du damals nicht dabei warst bei diesem grossen Moment?

Nein, eigentlich nicht. Ich finde sie schon interessant, diese Award-Season, aber erstens darf man diese Auszeichnungen nicht zu wichtig nehmen und zweitens kommen sie nach einer langen Kette von Aktivitäten zur Vermarktung des Films.

Du rührst während Monaten ununterbrochen die Werbetrommel: Du zeigst ihn hier dieser Gruppe, da musst du eine Präsentation machen und dieses und jenes. Dann kommen die Hollywood-Awards, dann Award x und y. Irgendwann sind die Golden Globes und die Oscars dran, bis dahin ist die Fertigstellung des Films schon fast ein Jahr her. Für mich ist zu diesem Zeitpunkt meine Arbeit daran schon so weit weg.

Ausserdem: Awards sind ein Bonus. Das musste ich auch erst lernen: Unser Film «Spirit» war für den Oscar nominiert und du denkst dir, der muss doch einfach gewinnen. Dann gewinnt ein anderer und du fragst dich: «Was?! Das gibt’s doch gar nicht! Dieser Film ist nie so gut wie unserer!».

Die ganze Industrie, die Presse, die Mitarbeitenden sprechen alle von diesem Award. Und man hat ihn nicht erhalten! Obwohl zig Millionen Menschen den Film geliebt haben! Man verliert die Perspektive ein bisschen. Irgendwann musste ich mir sagen, dass alles nur ein Bonus ist. So ist es auch kein Drama, wenn es dann halt keinen Preis gibt. Die Bedeutung eines Preises hält sich bei mir seither in Grenzen.

Du und deine Frau arbeiten beide in der Filmindustrie. Euer Sohn Max ist 10 Jahre alt. Das ist ein Alter, in dem Kinder häufig etwas komplett anderes machen wollen als die Eltern. Wie ist das bei euch?

Ja, völlig. Ich habe ihn schon ein paar Mal gefragt, ob er Animator werden will. Er zeichnet zwar gerne und fängt an, Comic-Bücher zu machen. Solche Sachen. Aber er würde lieber Lego-Ingenieur werden. Er spielt auch gerne Fussball. Er sagt auf jeden Fall nicht, dass er Animator werden wolle wie der Vater.

Er trägt verschiedene Kulturen in sich, deine Frau hat japanische Wurzeln, er kann aber weder Japanisch noch Deutsch,…

Noch nicht!

…obwohl du sagst, du hängst sehr an deiner Heimat. Warum nicht?

Abgesehen von den Sprachen ist er den Kulturen recht nahe. Er bekommt viel mit von der Schweiz.

Meine Mutter glaubt immer noch dran, dass Max einmal Schweizerdeutsch mit ihr sprechen wird.

Wie kommunizieren sie?

Er spricht Englisch, sie spricht Schweizerdeutsch. Sie kann genügend gut Englisch, dass sie sich verständigen kann. Sie spricht einfach lieber Schweizerdeutsch mit ihm.

Kulturell ist Max aber enorm verwurzelt, in allen drei Ländern. Durch die Mutter meiner Frau hat er viel Kontakt mit dem Japanischen, aber halt hier in Amerika.

Simon Otto mit Sohn Max und Ehefrau Fumi Kitahara Otto / Bild ZVG

«Kulturell ist Max in allen drei Ländern verwurzelt.»

Ihr wart gerade in Japan. Was habt ihr dort gemacht?

Wir sind rumgereist und haben Verwandte getroffen.

Du bist jemand, der auffällt. Alleine mit deiner Grösse von 1,98 Meter bist du eine imposante Erscheinung. Wie haben die Menschen in Japan auf dich reagiert?

Ganz unterschiedlich. Sie sind unglaublich freundlich. Sie wollen dich ja nicht beleidigen. Aber ich habe schon lustige Erfahrungen gemacht in Japan. Generell schauen dir Japaner nicht in die Augen, wenn du eine komische Erscheinung bist.

Einmal war ich in einer Bäckerei in einem Bahnhof und habe ein Gipfeli auf mein Tablett gelegt und plötzlich bemerkt, dass mich jemand beobachtet. Immer, wenn ich aufschaute, hat sie wieder weggeschaut. Dann ging ich raus und die Person kam zu mir und fragte: «Picture?» Sie wollte einfach ein Foto von einem grossen Menschen, wollte aber partout nicht mir zusammen auf dem Bild sein.

Sie hat dich nicht als Simon Otto erkannt?

Nein. Auf Instagram und Twitter kennen mich die Leute schon, aber ich werde auf der Strasse selten erkannt. Hier in Amerika noch eher. Hier in LA wissen die Leute, dass Animatoren hier leben. Ab und zu trifft man einen Fan. Meistens erkennen mich Menschen, die davon träumen, selber Animator zu werden.

Ich glaube, für deine Familie muss es ziemlich mühsam sein, mit dir zu reisen. Du zeichnest offenbar die ganze Zeit. Wie muss man sich das vorstellen? Andere machen Fotos und du zeichnest für drei Stunden?

Was du alles weisst (lacht laut)! Ich skizziere immer dann, wenn es gerade eine Luftblase gibt. Wenn man auf ein Schiff oder einen Zug wartet, wenn die anderen noch am Essen sind und ich fertig bin. Meine Frau findet es aber auch gut, dass ich skizziere.

Simon Otto unterwegs in Japan am Illustrieren / Bilder: ZVG

«Du bist in einer Blase drin. Du hörst Geräusche, du beobachtest.»

Sind das eure Fotoalben? Oder für was machst du das?

Ich mache es einfach gerne. Was interessant ist: Wenn du eine Skizze machst, nimmst du einen Moment ganz anders wahr, als wenn du kurz ein Foto schiesst.

Inwiefern?

Du bist in einer Blase drin. Du hörst Geräusche, du beobachtest. Das ist keine Momentaufnahme. Das ist wie eine stenografische Niederschrift von 30 – 40 Minuten. Es ist der Akt des Zeichnens, der interessant ist für mich.

Das heisst, du schaust es nachher nicht mehr an? Es geht nur um den Moment?

Hin und wieder blättere ich schon durch mein Skizzenbüchlein durch. Eine fertige Zeichnung gibt mir eine unglaubliche Befriedigung. Das macht mich glücklich. Nicht, wenn sie scheisse ist, aber wenn sie gut ist schon.

Wann ist sie «scheisse»?

In der Zwischenzeit ist sie selten scheisse (lacht). Oft ist sie einfach «okay». Aber selbst bei diesen kann ich mich genau an den Moment erinnern, als ich sie gemacht habe. Bei einem Foto kann ich mich zwar ans Bild erinnern, aber bei Zeichnungen ist es eine umfassendere Erinnerung.

Wann empfindest du eine Zeichnung als nicht so gut, und wann empfindest du selbst eine Zeichnung als gut? Ich habe mal von einem Autor gehört, dass es den perfekten Text nicht gäbe, sondern einfach einen Text, der besser sei als die Version zuvor.

Ja, das trifft es. Für mich ist eine Zeichnung gut, wenn sie eine innere Wahrheit hat. Es muss eine Karikatur sein von etwas, was ich erlebt habe. Ich rede jetzt aber nur von Skizzen. Sie muss eine gewisse Wahrheit drin haben. Sie muss aber gleichzeitig auch eine grafische Interpretation sein. Wenn mir jemand sagt, dass meine Skizze aussieht wie ein Foto…

… dann ist es für dich eine Beleidigung?

Es ist auf jeden Fall kein Kompliment. Dann hätte ich auch einfach ein Foto machen können! Wenn ich zum Beispiel diese Tür zeichnen würde, dann würde ich mit dem Rahmen anfangen, dann die Lampe reinzeichnen, dann habe ich den Raum. Dann ist das Bild dreidimensional. Erst dann beginne ich, Details miteinzubringen. Das meiste, was du hier siehst, wird nie auf der Zeichnung erscheinen.

Du versuchst, dich beim Zeichnen aufs Wesentliche zu konzentrieren?

Ja, ich versuche einfach, das zu zeichnen, was für mich den Moment darstellt: der dreidimensionale Raum, die Figur. Wenn es Menschen sind: Eine Bewegung, eine Geste.

«Wir ‚Alten‘ erzählen irgendwann Geschichten, die die Jugend nicht mehr interessiert.»

Du machst das jetzt schon dein ganzes Erwachsenenleben lang. Gab es auch Phasen, in denen du einen «Zeichnungsstau» hattest oder die Freude daran verloren hast? Dieser Enthusiasmus, den du beschreibst, der kann ja nicht immer gleich stark sein, oder?

Ja, wenn ich an einem Projekt arbeite, dann will ich mich am Ende des Tages nicht nochmal hinsetzen und zeichnen. Da geht es dann nicht ums Erleben des Zeichnens, sondern da muss es einfach gemacht sein, damit es funktioniert. Dann ist es schlicht eine Ausführung von etwas, an dem man schon lange arbeitet.

Manchmal verkommt in meinem Berufsalltag das Zeichnen fast zur Nebensache. Man hat täglich unzählige Meetings, Koordination von Abgabeterminen, Budgetdiskussionen, Gespräche über den Inhalt der Geschichte, die Charakteren der Figuren.

Was frustriert dich am meisten in dieser ganzen Kette?

Wenn ich am weitesten entfernt bin vom kreativen Arbeiten. Wenn ich nur noch Meetings habe. Wenn ich nur noch da bin, um sicherzustellen, dass alles funktioniert. Jetzt gerade ist es wieder umgekehrt. Deshalb habe ich wieder Freude am Skizzieren.

Zum Kreativen gehört für mich auch das Schreiben, Ideen finden, mit anderen Story-Leuten diskutieren, wie man etwas umsetzen kann. Es geht also nicht unbedingt nur ums Zeichnen. Das finde ich wichtig. Das wird oft missverstanden.

Ein Animator im heutigen Zeitalter ist nicht nur ein Zeichner. Er ist im Prinzip ein Schauspieler, der eine Figur Schritt für Schritt bewegt. Du kannst Zeichentrickfilmzeichner sein und dann zeichnest du wirklich Bild für Bild. Aber als Computeranimator bist du ein digitaler Puppenspieler, als Stop-Motion-Animator bist du jemand, der eine Figur Bild für Bild bewegt.

Dabei hat man natürlich unglaublich viele Gespräche mit den Regisseuren, wie man die Geschichte erzählt. Man steht vor den Spiegel und versucht, es zu spielen. Es beinhaltet viel mehr als nur zeichnen.

Das ist das, was ich vorher meinte, als ich gesagt habe, wieso ich Erfolg hatte in all diesen Jahren: Weil ich nicht nur ein guter Zeichner bin, sondern die anderen Sachen auch gut beherrsche. Bei mir kommt alles zusammen. Talent ist sicher ein Teil davon, aber schlussendlich macht dieser nur 20 – 30% aus.

Erkennst du schnell, wenn jemand ein aussergewöhnliches Talent hat?

Wenn ich die Arbeit sehe schon, ja. Es gibt viele, die Talent haben und den Weg in die Industrie schaffen könnten. Es kommt aber selten vor, dass ich jemanden finde, den man direkt anstellen muss. Das ist mir nur einmal passiert, in Deutschland.

An der FMX, einer Graphics Convention, kam ein Deutscher Animator auf mich zu und wollte mir sein Portfolio zeigen. Ich kam direkt von meinem Vortrag, 15 – 20 Leute standen um mich herum. Die meisten Demo Reels, die ich mir anschaute, waren schlecht, dann sah ich dieses. Ich wollte die anderen nicht beleidigen und habe dann einfach gesagt: «Okay, great, give me your copies and I’ll give them to my recruiter». Ich nahm die 20 Kopien mit von allen… (lacht)

Schweizer Neutralität!

Dieser Thomas Grummt war innerhalb von drei bis vier Monaten bei DreamWorks und beim dritten Film war er bereits Supervising Animator. Diese Geschichten gibt es, aber sie sind relativ selten.

Wo trennt sich die Spreu vom Weizen? Wann lohnt es sich deiner Meinung nach, den Träumen zu folgen?

Wenn man nicht nur Talent sondern auch Biss hat. Ich habe diese Zielstrebigkeit. Ich marschiere einfach los und wenn eine Wand kommt, versuche ich, um diese Wand herumzugehen.

Wenn deine Leser Kinder haben, die davon träumen, oder kreativ arbeiten wollen: Ich bin überzeugt, dass die Zukunft der Arbeitskraft in unserer Branche eher im kreativen Bereich sein wird. Die interessanten Jobs werden die sein, in denen du unkonventionell denken können musst.

Was Künstliche Intelligenz nicht ersetzen kann.

Genau. Ich habe das Gefühl, dass in Computeranimation sehr viel Potenzial für die Industrien steckt. Das wird auch in der Schweiz so sein. Man wird es in der Architektur brauchen, in der Logistik, in der Werbung. Es wird überall kommen.

«Ich wäre in der Schweiz wohl wie ein Tourist im eigenen Land.»

Ich würde gerne zum Schluss noch über deinen Bezug zur Heimat sprechen. Du trägst ein T-Shirt mit einer Kuh drauf, auf dem Tisch liegt eine Schweizerflagge und auf deinen Finken prangt ein Schweizerkreuz. Du hast mal gesagt, dass du die Schweiz vermutlich idealisierst, weil du schon über 20 Jahre weg bist. Ist es für dich unvorstellbar, irgendwann mal wieder zurückzukehren?

Nein, überhaupt nicht. Ich habe einen sehr starken Bezug zur Schweiz. Aber all die Schweizerkreuze hier um mich herum, die haben sicher auch viel damit zu tun, dass ich bei DreamWorks arbeitete. Die Firma ist total multinational aufgestellt. Es gibt da Italiener, Spanier, Brasilianer, Engländer, Franzosen.

Ich war der Schweizer. Jakob war der Däne. Allessandro war der Italiener. Wir haben uns gegenseitig bewundert und uns gleichzeitig häufig übereinander lustig gemacht, über die ländertypischen Klischees der anderen.

Um deine Frage zu beantworten: Ich geniesse es, der Schweizer zu sein in einer internationalen Gruppe. Ob ich aber tatsächlich wieder in der Schweiz leben könnte, da bin ich mir nicht so sicher. Wir haben viele Schweizer Freunde, die hier gelebt haben und dann zurückgingen. Sie sagen alle, dass es ein Schock war, zurückzugehen.

Man hat zwar zuerst diese wunderschöne Zeit von sechs Monaten, man kann all die Dinge tun, die man sonst nicht kann. Dann kommt aber plötzlich der Alltag wieder, der einem über die Jahre fremd geworden ist: das Wetter, die Mentalität, die Bürokratie. Ich wäre dieser Situation bestimmt ausgesetzt wie ein Tourist im eigenen Land.

Ich denke, ich geniesse es mehr, der Internationale zu sein, der ein Schweizer T-Shirt trägt.

Wo siehst du dich in Zukunft?

In unmittelbarer Zukunft weiss ich es nicht. Ich denke, eines meiner Projekte wird ins Rollen kommen. Dann werde ich zwei, drei Jahre daran arbeiten.

Bleibst du deiner Branche treu, auch jetzt, wo du kein grosses Unternehmen wie DreamWorks mehr im Rücken hast?

Ja, ich bin nach wie vor völlig davon begeistert. Ich sehe meine Fähigkeiten darin. Ich bin fasziniert davon und meine Frau ist auch im gleichen Business. Wir sind hier Zuhause und finden es toll. Es gibt sicher kleinere Nebenprojekte, die mich auch interessieren. In der Kunst zum Beispiel, oder Kinderbücher würde ich gerne machen.

Ich möchte mich auffrischen und den nächsten Schritt machen. Sicher schreiben, zeichnen und Regie führen. Die Möglichkeiten in der Animation sind heute viel grösser als noch vor 20 Jahren. Das hat damit zu tun, dass Netflix, Amazon, Apple usw. alle damit anfangen, auf Animation zu setzen.

Du hast nicht das Gefühl, dass du bald von den sogenannten Digital Natives überholt wirst, die ganz andere Möglichkeiten haben?

Dieser Prozess hat vielleicht schon stattgefunden. Es ist gut möglich, dass bald der Zeitpunkt kommt, dass ich und meine Generation der Animatoren ersetzt werden. Bei der Regie ist das genauso. Alte Regisseure erzählen irgendwann einfach Geschichten, die die Jugend nicht mehr interessiert.

Ich glaube aber, dass es dennoch ganz viele Möglichkeiten gibt, relevant zu sein. Vielleicht sogar noch relevanter, weil man dann an Projekten arbeiten kann, die persönlicher und weniger dem Druck des Kommerziellen erlegen sind.

Ich habe nach wie vor das Gefühl, dass die Animationswelt vor mir liegt und nicht hinter mir.

www.simonotto.com

Text: Anna Maier
Bilder:
Tomo Muscionico
Bilder Simon Otto mit Drache „Ohnezahn“ und Regisseur Dean DeBlois: Universal Pictures
Private Bilder: Simon Otto/ZVG

Simon Otto im Gespräch mit Anna Maier. Bild: Tomo Muscionico

Noch mehr über mein Treffen mit dem Trickfilm-Animator Simon Otto in meiner Bluewin-Kolumne:

Anna Maier trifft…

Anna Maier trifft… Trickfilm-Animator Simon Otto / Bild: Tomo Muscionico

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Hoppla, etwas ist schief gelaufen...

1. Juni 2019
Burnout: Die vielen Gesichter

Kommentare

  • Avatar
    Beat Merki
    REPLY

    Ich habe mich schon gefreut darauf ein neues Interview zu lesen. Wieder eine sehr spannende Lebensgeschichte welche Du uns in Deiner gewohnt so schönen Weise näher bringst. DANKE Anna für diesen wunderbar verfassten und illustrierten Bericht.
    En liebe Gruess Beat

    1. Juni 2019

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