«Ich habe schmerzhaft wahrgenommen, dass etwas fehlt.» Nina Ruge, Moderatorin und Buchautorin

Die ehemalige ZDF-Moderatorin Nina Ruge, 61, über ihren schwierigen Start ins Leben, übers Alleine kämpfen müssen und den Schmerz des unerfüllten Kinderwunsches. 

Wie eine mütterliche Umarmung

Es ist zwar nicht ganz richtig, wenn ich behaupte, dass ich mit ihr aufgewachsen sei. Aber es kommt dem Gefühl, das sie in mir auslöst, nahe. Und bestimmt geht es tausenden, hunderttausenden, vielleicht Millionen Menschen ebenso. Nina Ruge, die langjährige Moderatorin der ZDF-Gesellschaftssendung «Leute heute», ist eine Institution. Ihr «Alles wird gut!» zum Schluss der Sendung ist legendär und hatte etwas von einer mütterlichen Umarmung.

Über zehn Jahre ist es her, dass diese Nina Ruge ihre Paradesendung verliess. Persönliche Gründe – Ruge wollte mehr Zeit haben für ihren dritten Ehemann, den Top-Manager Wolfgang Reitzle – gaben den Ausschlag, dass sie am 3. Februar 2007 ihr letztes «Leute heute» präsentierte.

Ein mit persönlichen Erfahrungen gespicktes Buch

Seither liegt ihr Hauptfokus – neben der Moderation von Fachkongressen und Podiumsdiskussionen – auf dem Schreiben von Büchern. Gerade ist sie auf Lesereise mit ihrem neuesten Ratgeber «Sei DU der Leuchtturm deines Lebens». Was mit Blick auf den Titel vielleicht als Esoterik-Buch durchgehen könnte, ist in Tat und Wahrheit ein mit sehr persönlichen Erfahrungen gespickter Begleiter durch den suchenden Zustand, in dem sich viele Menschen ab 40 befinden.

Ich wollte diese Frau treffen, die unbekannterweise so viele gemeinsame Gedanken hat. Es wurde ein entspanntes Treffen, das mit einem Spaziergang mit ihren beiden Schweizer Sennenhunden begann und mit einem langen, offenen und sehr persönlichen Gespräch im Hotel «Vier Jahreszeiten Kempinski München» endete.

„Ich habe schmerzhaft wahrgenommen, dass etwas fehlt.“

Anna Maier: Nina, du kommst aus dem Boulevard-Journalismus, bist eine öffentliche Person. Bestimmt waren viele Menschen erstaunt darüber, dass die eher kühl wirkende Blondine – der Kopfmensch – ein Buch zur Sinnsuche schreibt. Hast du dich zum Bauchmenschen gewandelt oder war der schon immer da, nur nicht sichtbar?

Nina Ruge: Ich denke, dass ich, seit ich 12 oder 13 Jahre alt war, ein Doppelleben führe. Und ich glaube, es geht ganz vielen aus meiner Generation so: Dass sie einerseits spüren, dass es ganz viel Spass macht, sich auszutesten und sich auch beruflich immer weiterzuentwickeln. Ich habe mich karrieremässig auch total ausgelebt: Ich war ja nicht nur Lehrerin, ich war beim Film und vor allem hatte ich vor dem People-Journalismus meinen Fokus ganz auf das Nachrichtengeschäft ausgerichtet. Heute bewege ich mich wieder in diesem Betätigungsfeld, führe durch Anlässe in Wirtschaft und Politik.

Auf der andern Seite habe ich relativ früh schmerzhaft wahrgenommen, dass etwas fehlt. Dass ich – obwohl ich gerade als Frau vieles erreicht habe, was nicht einfach war – bereit war, für meine Sinnsuche alles hinzuwerfen und neu anzufangen. Darauf bin ich auch ein bisschen stolz. Der Auslöser war klar eine Melancholie, die da war.

Woher rührt dieses Gefühl?

Ich spürte tatsächlich Schmerz. Weil mir bewusst wurde, dass ich gewissermassen nur die eine Hälfte lebte, die das Leben mir ermöglichen kann, nämlich die des Wissens und des kühlen Kopfes. Sehr früh spürte ich, dass es da noch sehr viel mehr gibt, aber ich war nie spirituell geprägt worden. Meine Eltern waren zwar evangelisch getauft, aber keine praktizierenden Christen. Sie waren sehr stark werteorientiert, da habe ich viel lernen können, darin waren sie grosse Vorbilder. Aber den Liebesquell in mir selbst entdecken – meinem Leben einen Sinn geben, der viel mehr ist als das, was ich beruflich mache -, das war nie Thema. Das musste ich selber entwickeln.

„Es herrschte die Atmosphäre emotionaler Distanz.“

Du wirst im Buch sehr persönlich. Du beschreibst zum Beispiel die Situation, wie bei deiner Mutter – als sie mit dir im 4. Monat schwanger war – Krebs diagnostiziert wurde und die Ärzte ihr keine allzu grossen Überlebenschancen einräumten. Trotzdem lebte sie nochmals 30 Jahre, aber emotional abgekapselt von dir. Bei deinem Vater bestand eine ähnliche Situation: Du hast erst mit 17, 18 Jahren von der tragischen Geschichte deiner jüdischen Vorfahren erfahren und dein Vater war gefühlsmässig abgespalten. Warst du im Nachhinein enttäuscht oder sogar wütend, dass dir die Elternliebe, die einem Kind gewissermassen zusteht, verweigert wurde?

Ich würde nie die Vokabel «verweigern» in den Mund nehmen. Weil meine Eltern das Beste gegeben haben, was sie konnten. Man sagt: Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden. Ich verstehe heute, warum meine Eltern so waren wie sie waren. Meine Kindheit war ja nicht nur ein Einzelschicksal sondern geprägt von den 50ger und 60ger Jahren. Damals herrschte ein enormer Aufbauwillen, um sich in irgendeiner Form wieder eine Existenz zu schaffen. Man hat sich nicht damit auseinandergesetzt, was vielleicht an Wunden zurückgeblieben war, man hatte ja den Krieg überlebt. Man gehörte zu denen, die es geschafft hatten, nicht unterzugehen oder komplett durchzudrehen. Da war es ein Luxus, ja fast dekadent, wenn man sich zu sehr mit sich selbst, seinem Innern, beschäftigte.

Diesen beiden Einzelschicksale deiner Eltern wurden dir ja nicht schon von klein auf mitgegeben. Hast du als Kind gespürt, dass da etwas zwischen euch stand?

Ja, das habe ich: Dieses Schweigen führte zu einer tiefen Verunsicherung zwischen meinen Eltern und mir. Ich kann heute zwar gut nachvollziehen, dass meine Eltern nicht wollten, dass andere Leute über uns redeten. Weder über die Erkrankung meiner Mutter noch die Herkunft meines Vaters und den Holocaust, den er überlebt hat. Ich mache ihnen deswegen keinen Vorwurf mehr, damals habe ich das getan. Denn ich konnte kein tiefes Vertrauen zu meinen Eltern entwickeln und hatte als Kind und Jugendliche nicht das Gefühl, allumfassend geliebt zu sein. Es herrschte die Atmosphäre einer gewissen Strenge, Kühle und emotionaler Distanz.

„Ich war abhängig von der Anerkennung von aussen.“

Und das hat dich zu einem traurigen Kind gemacht?

Zu einem schüchternen. Ich war sehr schüchtern und sehr ängstlich. Und ich war dann auch – ohne dass ich es zugeben wollte – extrem abhängig von der Anerkennung von aussen. Ich war bedacht, gute Noten zu schreiben und für mein Wohlverhalten gelobt zu werden.

Aufgefallen ist mir, dass du – so habe ich gelesen – häufig das Gefühl hattest, du müsstest beweisen, dass du es Wert bist zu existieren.

Na ja. Wenn ich mir heute zum Beispiel anschaue, wie die Kinder meines Mannes ihre Kinder erziehen und wieviel Zeit und Liebe sie investieren, da denke ich manchmal: «Oh Gott, das würde ich ja nie können, meinen ganzen Tagesablauf so von einem Kind bestimmen zu lassen!». Aber diese Kinder werden mit Liebe und Wertschätzung und Akzeptanz zugeschüttet. Irre schön. Und diese nicht in einer solchen Reinheit und Klarheit zu empfangen, das war in meinem Elternhaus der Fall, es war aber auch ein Zeichen der Zeit. Dieser Umstand hat mich unsicher gemacht und immer wieder darum betteln lassen, mir zu zeigen, dass ich es Wert bin zu existieren.

„Ich jammere nicht über meine Jugend. Ich versuche zu begreifen.“

Aber man könnte es ja auch umdrehen: Haben Kinder, die mit Liebe überschüttet werden, denselben Antrieb auf die Suche zu gehen? Das würde dann gewissermassen bedeuten, dass du erst durch deine Familiengeschichte dahin gekommen bist, wo du heute stehst?

Das kann gut sein. Ich finde es sehr unangenehm, wenn ich über diese Dinge berichte, die mich stark geprägt haben, und daraus dann letztlich die Schlagzeile gemacht wird: «Oh Gott, die Ärmste, sie jammert über ihre furchtbare Jugend.» Das tue ich überhaupt nicht. Sondern ich versuche zu begreifen, wie ich zu der Person wurde, die ich heute bin. So kann ich auch andere verstehen lernen, weil ich Vielschichtigkeit und Offenheit entwickle. Ich bin heute absolut davon überzeugt, dass jeder sein Päckchen oder seine Herausforderungen zur Persönlichkeitsentwicklung serviert bekommt. Nach Viktor Frankl (dem österreichischen Neurologen und Psychiater), den ich sehr schätze: «Es ist das Leben, das mir die Fragen stellt und es ist meine Aufgabe, sie zu beantworten und nicht darüber zu jammern, dass mich das Leben da hineingeworfen hat.».

Selbstmitleid magst du nicht…

Nee, überhaupt nicht. Weil es destruktiv und nihilistisch ist. Denn: Wohin führt mich das? (lacht)

„Ich habe immer alleine gekämpft und mich doch nach dem Gegenteil gesehnt.“

Es gibt einen schönen Moment in deiner jungen Fernsehkarriere, wo du vom ZDF zur «heute journal»-Moderatorin ernannt wurdest. Als dein früherer Fernsehdirektor der RIAS (Rundfunk im amerikanischen Sektor, Berlin) dir auf die Schulter geklopft hat: «Hey Nina, ein grosser Schritt! Du warst für mich ja immer der «one single stone»!». Das hat dich erschüttert damals, warum?

Das habe ich im Buch zum Thema Glaubenssätze als Beispiel beschrieben. Glaubenssätze sind  – um es plump zu formulieren – unbewusste Muster, Gefühlsmuster und gedankliche Tunnel, die mich daran hindern, mich weiterzuentwickeln. Mein Glaubenssatz war: «Ich muss alles alleine schaffen. Ich bin verloren, es ist niemand da, der mich stützt, es gibt keine Schulter, an die ich mich anlehnen kann». Und dieses «Nina, Sie sind ja «one single stone»!» hat genau das getriggert und mich deshalb auch zutiefst getroffen. Ich habe an dem Abend in mein Tagebuch geschrieben: «Ja, er hat recht. Ich bin so hart geworden und ich kämpfe immer alleine, dabei sehne ich mich doch genau nach dem Gegenteil.»

Ich war ja einerseits stolz darauf, dass ich soviel geschafft hatte, und auf der andern Seite hat mich die Erkenntnis der Kühle, ja Kälte dieses «Alleine Durchziehens» einer solchen Karriere, tief getroffen.

„Die Verantwortung möchte ich niemals abgeben für mein Leben.“

Menschen, die so sind, wie du dich beschreibst, sind häufig Kontrollmenschen. Kannst du die Kontrolle abgeben und dich auch mal an eine starke Schulter anlehnen, dich auf andere verlassen?

Das musste ich lernen. Ich kann mich heute sehr auf meinen Mann verlassen. Oder das Band zu meiner älteren Schwester ist ein unzerstörbares, auch wenn wir sehr unterschiedlich sind. Zu ganz engen Freunden habe ich tiefes Vertrauen. Aber ich möchte gerne anmerken: Das Anlehnen ist etwas anderes, als Verantwortung abzugeben. Verantwortung möchte ich niemals abgeben für mein Leben. Das funktioniert nach meinem Dafürhalten auch nicht.

Das Anlehnen musstest du lernen, sagst du. War das bei dir mit ein Grund, warum deine ersten beiden Ehen nicht funktioniert haben?

Bei mir war es so, dass ich die Schulter zum Anlehnen weder brauchte noch suchte. Ich hatte vielmehr diesen tiefen Impuls, mich zu entwickeln und immer wieder neue Herausforderungen zu suchen. Und ich stellte fest, dass ich in meinen ersten beiden Ehen verheiratet war mit Männern, die einen anderen Lebensentwurf entwickelten.

„Ich brauchte ein anderes Kaliber Mann.“

Mein erster Mann war Studienrat für Mathe und Physik. Sein Traum war, in einem Bio-Holzhaus zu wohnen, zwei Kinder und zwei Hunde zu haben und mit seinem VW-Bus Europa zu erkunden. Diesen Traum hat er sich dann auch erfüllt mit seiner zweiten Frau. Ich glaube, er ist sehr glücklich.

Für mich war das unvorstellbar: In Braunschweig zu bleiben, in Wolfsburg zu unterrichten und in einem Holzhaus zu wohnen. Ich hatte viel mehr an Träumen und auch an Phantasie, was ich noch alles machen wollte. Und deshalb war mir das zu eng.

Bei meinem zweiten Mann war es so, dass es für mich in dieser Zeit immer wieder darum ging, Ängste zu überwinden und Neues auszuprobieren, was ich mir vorher nicht zugetraut hätte: Vorträge zu halten, Bücher zu schreiben, grosse Veranstaltungen zu moderieren. Mich immer wieder zu fordern, dafür habe ich viel Zeit investiert. Einfach nur so Urlaub machen und abends chillen, das konnte ich schon mal machen, aber das war letztlich nicht so mein Thema. Wir lebten auch in verschiedenen Städten. Und dann kam bei mir das Gefühl auf: Ich brauche ein anderes Kaliber Mann.

„In der Toskana führe ich ein ganz anderes Leben.“

Den Mann, den du offensichtlich gefunden hast. Du hast keine geradlinige Karriere hingelegt, viele neue Schritte gewagt – auch sehr mutige! -, wie der, weg vom Fernsehen zu mehr Lebensqualität. Was für eine Rolle spielte dabei einer deiner Leitsätze: «Ich bin gut zu mir selber»? Bist du das?

Von aussen betrachtet sagen mir manche: Warum musst du denn noch soviel arbeiten? Ich arbeite fast jedes Wochenende, es kommt kaum mal vor, dass ich nicht am Schreibtisch sitze und mir nicht Gedanken mache, was ich jetzt wieder als Projekt vorhabe. Naja, immer mal ein Wochenende ganz bewusst abhängen, das hat allerdings auch was.

Kannst du das überhaupt?

Doch!

Ist schwer sie sich vorzustellen, die Nina, die gar nichts tut!

Doch, in der Toskana, wo wir ein Haus haben, führe ich sowieso ein ganz anderes Leben. Da sitze ich am See und meditiere, füttere die Gänse, Pfauen und Hühner, laufe mit meinen Hunden durch die Olivenhaine… – und plötzlich ist der halbe Tag rum und ich bin total glücklich.

„Ich war mit der Redaktion geradezu verheiratet.“

Diese Wechsel, die ich vorhin angesprochen habe, da steckt ja auch eine grosse Risikobereitschaft drin. Wie extrem war der Schritt für dich selber?

«Leute heute» aufzugeben? Das war ein Riesenschritt! Erstens, weil ich mit der Redaktion geradezu verheiratet war, es war die Sendung, für die ich am längsten gearbeitet habe. Das hatte auch damit zu tun, dass wir immer wieder Neues entwickeln konnten – natürlich immer unter dem Druck, dass es funktionieren musste von der Quote her. Das hat uns zusammengeschweisst. Noch dazu, weil wir zur Nachrichtenredaktion gehörten beim ZDF und deshalb durchaus belächelt und nicht wirklich ernst genommen wurden, obwohl wir quotenmässig sehr erfolgreich waren. Wir Journalisten untereinander haben uns gegenseitig Mut gemacht: «Auch unsere Arbeit ist wichtig.»

Du hast deine journalistischen Wurzeln in Nachrichtenredaktionen. Es erstaunt, dass man euch belächelt haben soll, denn jeder wusste doch, dass du nicht die Oberfläche in dir trägst sondern Tiefgang hast.

Schau, die Schubladen sind einfach da. In dem Augenblick, in dem du vor der Kamera stehst, die Sendung geht los vor einem Glamour-Background – du berichtest über Michael Jackson oder Queen Elizabeth -, da bist du in einer Schublade und da kommst du so leicht nicht wieder raus. Da sind wir Deutschen, denke ich, ganz besonders konsequent.

„Ein Image abzuschütteln ist äusserst schwierig.“

Es sind jetzt 11 Jahre her, seit du weg bist von «Leute heute». Für mich bist aber immer noch du das Gesicht der Sendung und ich denke, für viele andere Menschen meiner Generation auch. Hast du dieses Etikett je weg gebracht, wolltest du es überhaupt weg haben?

Ja, ich wollte es gerne weg haben. Ich wollte es nicht etwa vertuschen oder abstreifen wie etwas, wofür ich mich schäme. Ich bin ja auch stolz, dass wir die Sendung so erfolgreich aufgebaut haben, dass sie ein klares Image hat, nämlich das der Seriosität und Glaubwürdigkeit und zugleich der Leichtigkeit. Ein Format, das augenzwinkernd dazu steht, keine weltbewegenden Inhalte zu transportieren – und das trotzdem gerne geschaut wird.

Doch mein grosser Wunsch war, wieder zurückzukehren in Politik, Wirtschaft und Technologie. Parallel zur Sendung war ich auch weiter in diesen Themen unterwegs gewesen, denn da gab es den einen oder anderen scheuklappenfreien Redaktionsleiter oder Senderchef, der meinte: «Ich kenne die Nina, ich weiss, wie die tickt, ich kann auf die bauen!»

Das öffentliche Image hingegen war, meistens auch medial geprägt, durchaus auch herabwürdigend. Wieviele Artikel gab es – oder meistens waren es ja nur Notizen, Artikel über mich wären ja auch schon viel zu viel der Ehre gewesen -: «Die Blondine in Champagnerlaune» oder «Die Blonde des Boulevards» oder was auch immer. Ein solches mediales Image abzuschütteln ist äusserst schwierig.

„Frauen über 60 haben selten eine Chance weiter zu moderieren.“

Und das, obwohl du nach «Leute heute» einige hintergründige Gesprächssendungen moderiert hast, zum Beispiel beim Bayerischen Rundfunk oder das «BUNTE-Gespräch» bei Audible. Solche Herzensprojekte sind leider nicht immer so erfolgreich, wie man sich dies wünscht. Ich finde es bewundernswert, wie du ganz sachlich sagst: «Hat nicht funktioniert.» War das ein langer Prozess, bis du es so ausdrücken konntest?

Nun, ich habe so viele Sendungen in meinem Leben gemacht und einige wurden an einem gewissen Punkt eingestellt. Manchmal hiess es lapidar «Es hat nicht funktioniert.», ein anderes Mal steckten senderpolitische oder auch Karrieregründe dahinter, weil beispielsweise ein neuer Fernsehdirektor seine markanten Duftmarken setzen wollte. Und es gibt eben – das muss man einfach auch ganz offen sagen – die Angst der öffentlich-rechtlichen Sender, dass ihnen die jungen Zuschauer weglaufen. Das ist ja auch so. Die jüngere Generation ist im Netz und nicht mehr vor dem Fernseher. Und somit ist auch das Alter einer Moderatorin durchaus ein Entscheidungskriterium, um eine Sendung abzusetzen.

Und du schaffst es, dies anzunehmen, ohne es persönlich zu nehmen?

Ja, das sehe ich ganz nüchtern. Frauen über 60 haben im öffentlich-rechtlichen System nur selten eine Chance weiter zu moderieren. Ich sehe das als eine Gegebenheit, die im Deutschland des Jahres 2018 schlichtweg so ist. In den USA sieht das anders aus: Da dürfen Moderatorinnen deutlich älter sein, wie Oprah Winfrey zum Beispiel.

Was hast du eigentlich am 3. Februar 2007 in dein Tagebuch geschrieben?

(lacht) The storm is over.

„The storm is over.“

Wirklich?

Ja. Ich habe in mein Tagebuch geschrieben: «The storm is over».

Und das wars dann.

Mit dem Tagebuch? Ja, das war der allerletzte Eintrag – nach 40 Jahren! Mit zwölf Jahren habe ich mit dem Schreiben begonnen. Als ich nach meinem Ausstieg aus «Leute heute» das Buch «Der unbesiegbare Sommer in uns» zu schreiben begann, wurde das Tagebuch überflüssig. Das Buch bedeutete für mich Reflexion auf einer höheren Ebene. Ich hatte zuvor zwar schon rund 20 Bücher geschrieben, doch mein Buchagent warnte damals: «So lange du das Image der People-Journalistin an der Backe hast, schreibe kein Buch über Persönlichkeitsentwicklung. Mache gerne Populärwissenschaftliches, aber erwarte nicht, dass du in der klassischen Literatur-Rezeption fair behandelt wirst.» Deshalb habe ich dieses Buch erst dann begonnen, als ich zumindest formal dieses Etikett los war.

Was war es für ein Gefühl als es rauskam?

Ganz grosses Glück! Zum einen war ich natürlich unsicher, ob ich den Leser erreiche – wie jeder Autor. Und dann schrieben mir Menschen, das Buch habe ihr Leben verändert, bereichert, vertieft. Das ist für mich das Schönste, was passieren kann.

„Ein Hund tut uns gut.“

Mit dem Ende deiner täglichen Fernsehkarriere hast du dich nicht nur entschieden, Bücher zu schreiben. Sondern du hast dir auch deinen Traum vom eigenen Hund erfüllt. Warum sollte es ein Hund sein?

Also, mittlerweilen habe ich auch Katzen und Hühner. Aber ein Hund sollte es sein, weil wir – Mensch und Hund – auf ganz ähnlichen emotionalen Ebenen unterwegs sind und über ähnliche Gefühlsmuster kommunizieren. Hunde sind nicht verstandesorientiert. Sie zwingen uns also, die Dominanz unserer linken Gehirnhälfte, die Verstandesseite, zu verlassen. Wenn wir mit Tieren gedeihlich zusammenleben wollen, dann müssen wir mit ihnen «rechtsseitig» kommunizieren: Emotional und intuitiv. Und das tut uns verdammt gut.

„Alles, was ich mache, mache ich richtig.“

Mit deinem ersten Hund wurdest du 2010 auch gleich die erste Hundebotschafterin Deutschlands, schriebst ein Buch über die Beziehung zwischen Mensch und Hunden und gibst Tierschutzunterricht in Grundschulen. Warum professionalisierst du alles, was du tust?

Weil ich leidenschaftlich bin. Alles, was ich mache, mache ich richtig. Die Aktion «Liebe fürs Leben» kombiniert mein früheres Lehrersein mit einem Lernziel, das ich als extrem wichtig erachte: Wir lassen Kinder möglichst früh erfahren, was Verantwortung für ein Haustier im Alltag bedeutet. So viele Vierbeiner landen im Tierheim, weil die Familien dies nicht realistisch einschätzen können.

Der Hund zum Geburtstag.

Oder zu Weihnachten. Der Grossteil des Unterrichts wird von Tierärzten geleistet. In manchen Einheiten bin ich als «Co-Lehrerin» zusätzlich dabei. Wir konfrontieren die Schüler mit der Frage: «Wärst du ein guter Hundehalter?» Da schnellen alle Hände in die Höhe. Und am Ende der Doppelstunde fragen wir wieder: «Traust du es dir immer noch zu?» Da zögern so einige. Dann sind wir zufrieden, weil wir so vielleicht das eine oder andere Tier vor dem Tierheim bewahrt haben.

„Es fehlt mir, keine Kinder zu haben.“

Du hättest bestimmt auch eine gute Mutter abgegeben. War es eigentlich eine bewusste Entscheidung, keine Kinder zu haben, damit du dich voll und ganz auf deine Entfaltung, auf ein selbstbestimmtes Leben konzentrieren konntest?

Nein, das war nicht bewusst. Ich durfte vor einigen Jahren ein relativ umfangreiches Interview mit dem Dalai Lama führen. Ich fragte ihn: «Wie finden Sie es eigentlich, dass so viele Frauen keine Kinder mehr haben, hier im Westen?» Seine Antwort: «Wozu seid ihr auf der Welt? Ganz elementar: Um Kinder zu haben! Das ist ein wichtiger Teil unserer Bestimmung. Viele vergessen das. Sie vergessen auch die tiefe Befriedigung, die Teil davon ist.»

Ja, ich muss zugeben, das fehlt mir auch. Ich habe meinen Mann kennengelernt, da war ich 41. Er hatte zwei Kinder und brauchte für eine solche weitreichende Entscheidung Zeit. Heute sagt er: «Schade». Und ich bin kein Mensch, der ihm ein Kind einfach «ins Nest gelegt hätte».

„Manchmal bettele ich um mehr gemeinsame Zeit.“

Es wäre für euch Vielbeschäftigten bestimmt auch eine spezielle Herausforderung gewesen, Zeitinseln für die Familie zu schaffen. Du hast dich vor elf Jahren ganz bewusst entschieden, dass du kürzer trittst, um mehr Zeit für die Ehe zu haben, aber dein Mann arbeitet immer noch ununterbrochen, so wie ich es verstanden habe. Fühlst du dich da auch ein bisschen betrogen, dass du diesen Schritt gemacht hast, aber so häufig dann doch alleine bist in eurem Haus in der Toskana und hier in München?

Für mich gilt der Leitsatz: Die Ehe ist ein Wachstumsort und kein Angleichungsort. Wenn mein Mann sich entscheidet, in beruflichen Aufgaben zu leben, dann ist das sein Weg. Dann werde ich nicht versuchen dazwischenzufunken. Ich bettele durchaus immer mal wieder um mehr gemeinsame Zeit, und dann finden wir diese Zeit auch.

„Ich würde nie von meinem Mann erwarten, dass er sein Leben ändert.“

Aber er hat den riesen Schritt von deiner Seite schon wohlwollend zur Kenntnis genommen?

Ja, das hat er (lacht). Er findet es wunderbar, wenn er nach Hause kommt und ich bin da. Und er findet es nicht gut, wenn er nach Hause kommt und ich bin nicht da.

Wir haben trotzdem verschiedene Ansichten über die Schwerpunkte, die wir in unseren Leben setzen wollen. So lebe ich meine Zeit allein in der Toskana beispielsweise sehr bewusst. Das hätte ich mit einer täglichen Sendung natürlich nie tun können. So war es auch eine Entscheidung für mich, aus dem engmaschigen Sendungsproduzieren auszusteigen.

Ich würde nie von meinem Mann erwarten, dass er sein Leben ändern solle, weil ich es getan habe.

Das ist ein schöner Schlusssatz. Ich habe nur noch eine letzte Frage: Warst du heute schon Schildkröte? Man soll einmal am Tag den Kopf einziehen um sich von Innen anzuschauen, schreibst du in deinem Buch.

Lass mich überlegen. Nein, ich war heute noch nicht Schildkröte. Aber ich werde noch Schildkröte sein. Ich habe heute noch ein paar Termine. Und dann habe ich mir für später auch schon in meine Agenda eingetragen: «Kamin».

Du musst dir das eintragen?

Ja! Weil ich sonst gefährdet bin durch Fremdbestimmung, durch Emails, Abgabetermine für Texte und andere «wichtige» Dinge. Ich gehe heute Abend aber vor den Kamin mit meinen Hunden und bin Schildkröte.

www.nina-ruge.de

Bilder: Jessica Kassner

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Comments

  • Marianne Weissberg
    REPLY

    Interessantes Gespräch! Ich habe einiges erfahren, was ich über Frau Ruge nicht wusste, etwa ihre jüdischen Wurzeln.

    1. April 2018

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