„Ich habe einen Optimierungswahn.“ Jan „Seven“ Dettwyler, Soulsänger

Luft, Liebe und Reis – das waren die Ingredienzen in der Kreativküche von Jan Dettwyler aka «Seven» in seinen Anfängen, als er vor 9 Leuten auftrat und alle davon mit Namen kannte.

Heute ist er einer der erfolgreichsten Musiker der Schweiz und füllt die hiesigen Konzerthallen und – seit seinem vielbeachteten Auftritt bei der deutschen Fernsehshow «Sing meinen Song – das Tauschkonzert», als er aus Nenas «99 Luftballons» seine eigene Soul-Version formte – auch die in Deutschland, dem zweitgrössten Musikmarkt der Welt.

«Endlich!»,  mag man rufen. Denn den Erfolg gönnt man dem smarten Freiämter. Ihm, der sich durch nichts und niemand von seinem Weg abbringen lässt und lieber mit dem Kopf durch die Wand geht, als sich zu verbiegen. Dessen Soul und Funk vielleicht nicht der kommerziell spannendste Weg ist für einen Schweizer aus gutbürgerlichem Haus und dessen Optimierungswahn wenig zum Image des wilden Musikers passt.

Ein Gespräch über Konkurrenz unter Brüdern, frustrierende Rückschläge und den Tod seines besten Freundes.

«Ich war immer der junge Wilde, der Underdog. Jetzt nicht mehr.»

Anna Maier: Im vergangenen Jahr wurdest du 40 Jahre alt…

Jan «Seven» Dettwyler: …und zwar am 18. Oktober wie Julia Roberts und Alt Bundesrat Flavio Cotti.

Hat sich damit etwas geändert oder ist es nur eine Zahl für dich?

40 ist eigentlich ein supergeiles Alter. Man ist soweit, dass man weiss, was man will. Man weiss vor allem auch, was man nicht will. Die Entscheidungsfindung wird viel einfacher. Und man muss nicht mehr auf allen Hochzeiten tanzen. Man ist zielgerichtet, hat seinen Hafen, wo man hingehört. Aber ich habe mir zum ersten Mal Gedanken gemacht, dass der nächste grosse Geburtstag der 50igste ist.

Wie wäre es denn, wenn du 50 Jahre alt wärst?

Ich weiss es nicht. Es ist eher ein Vorurteil. Man sagt, dass 40 noch nicht alt ist, 50 ist alt. Das ist eigentlich völlig blöd, denn wenn man 50 Jahre alt ist, denkt man bestimmt, dass man erst mit 60 alt sei.

Du musst wissen: Ich war immer der Jüngste, überall, in meiner Band, in allen Projekten, in denen ich mitgearbeitet habe. Der junge Wilde, der Underdog. Der bin ich jetzt definitiv gar nicht mehr.

Jetzt bist du der Familienvater, der vorne steht, ein Vorbild ist. Du wurdest auf die andere Seite katapultiert.

Ja, und nicht nur im Privatleben, auch im Geschäftsleben. In der Musikbranche gehöre ich zum alten Eisen, ich mache das schon ewig. Ich fühle mich aber immer noch wie 12 und habe das Gefühl, dass ich noch nirgends bin.

Du hast das Gefühl, dass du noch nirgends seist, habe ich das richtig verstanden?

Ja. Das hat nichts damit zu tun, dass ich undankbar wäre oder finde, dass das, was ich erreicht habe, nicht gut sei. Aber ich fühle mich wirklich nicht so, als hätte ich viel erreicht. Vielleicht weil es mir im Leben nicht um etwas «Erreichen» geht. Es geht mir mehr darum, dass ich unbedingt noch die verschiedensten Projekte umsetzen möchte. Ich bin eher inhaltgetrieben als dass ich Häkchen hinter Erfolge setzen will.

«Ich war tatsächlich auch in «erfolglosen» Momenten glücklich.»

Aber wenn du zurückblickst auf deine Anfänge als Musiker und die harten Phasen, als die Menschen noch nicht an deine Konzerte kamen, dann kann man schon sagen, dass du jetzt dort bist, wo du dich immer hin gewünscht hast, oder?

Das kann man so nicht sagen. Denn es war nicht so, dass ich in diesen Momenten – mit einem leeren Kühlschrank und neun Leuten im Publikum, von denen sechs auf der Gästeliste waren und ich die anderen drei auch mit Namen kannte – unglücklich war. Ich habe nicht gedacht, «so ein Scheiss, es müsste doch mal besser laufen. Ich habe doch das Zeug zum grossen Star». Ich war tatsächlich auch in diesen «erfolglosen» Moment glücklich.

Ich denke, diese schwierige Anfangsphase ist auch der Grund, warum sich mein Weg so schön erzählen lässt – aber er war eben auch schön zu leben. Ich habe einfach weitergemacht. Am nächsten Konzert waren es dann zwölf Leute und irgendwann waren es 1000. Es kam nie eine Verzweiflung auf, wo ich mir sagte, «es scheisst mich an, ich höre jetzt bald auf damit».

Wirklich nicht?

Nein, wirklich nicht. Ich musste zwar frustrierende Rückschläge entgegennehmen, wo ich in etwas investierte und dann eine falsche Entscheidung traf. Aber es war nie so, dass meine Leidenschaft je aufhörte, zu wachsen. Auch wenn es karrieretechnisch nur ganz kleine Babyschritte waren, die ich vorwärts machte.

Das Wichtigste für mich, was mich antreibt, ist der Inhalt. Der wurde stetig besser, ich steigerte kontinuierlich die Qualität, konnte mit noch besseren Menschen zusammenarbeiten. Solange das möglich ist, sagte ich mir, geht es nach oben. Durch diese Einstellung hatte ich nie eine Phase, in der ich dachte, ich kann nicht mehr.

Trotzdem muss man am Ende des Tages überleben können. Deine Frau hat mir erzählt, dass es vorkam, dass ihr nur Reis gegessen habt, weil das Geld knapp war. Was war das für eine Phase in deinem Leben?

Ich kannte nichts anderes. Ich lebte von Leidenschaft, Luft und Liebe. Ich zog in eine kleine, beschissene Einzimmerwohnung mit einer Küchenecke und einem Reiskocher. Den brauchte ich recht oft, die Bratpfanne kam weniger in den Einatz.

Ich habe fünf, sechs Stunden geschlafen, den Rest der Zeit machte ich Musik. Ich versuchte, Projekte auf die Beine zu stellen, Partys zu vermitteln. Ich habe Open-Air-Bookings gemacht. Es war ein Überlebenskampf, aber mit viel Leidenschaft und Freude. Ich liebe es, tausende Dinge gleichzeitig zu machen und zu organisieren. Es ist nicht so, dass ich in dieser Zeit weinend auf meinem Bett sass.

Wie hast du dein erstes Geld verdient? Wie kamst du über die Runden?

Ich bin in einem Dorf aufgewachsen, in Wohlen im Kanton Aargau, das für die Unterhaltung der Jugendlichen nicht so viel bietet. Als ich 13- oder 14-jährig war, war ich mit meinem Bruder zusammen in einer Acapella-Gruppe. Wir waren zu viert und haben an Hochzeiten gesungen. Dadurch habe ich ein bisschen was verdient.

Hast du das gerne gemacht?

Mega. Ich singe ja sowieso gerne. Mit 14 Jahren an einem Samstag ein paar hundert Franken zu verdienen, war natürlich toll.

«Was braucht man als junger Mensch wirklich?»

 Du warst der Jüngste?

Ja, natürlich. Wie immer. Zu dem Zeitpunkt war ich in der Band meines Bruders. Ich interessierte mich sehr für deutschen Hip-Hop. In der Schweiz gab es keine Möglichkeit, solche Acts zu sehen. Ich fing also an, Leute aus Deutschland in die Schweiz zu holen. Samy Deluxe hatte zum Beispiel seinen ersten Schweizer Auftritt in Wohlen. Ich habe ihn geholt.

Ich als 14-Jähriger wollte an diese Konzerte gehen, ich konnte das nicht, also kümmerte ich mich selber darum, dass diese Konzerte stattfanden.

Schlauer Ansatz.

So ist es bei mir bei allen Projekten: Ich habe Bock auf etwas und probiere einfach aus. Die Opportunitäten liegen für das, was ich mache, nicht auf der Strasse. Ich bin so ungeduldig, dass ich auch nicht warten kann, bis mir jemand diese Plattform oder diese Opportunitäten bietet, sondern ich überlege mir, wie kann ich mein Schaufenster selber bauen.

Als ich anfing Konzerte zu organisieren, haben mich viele Leute gefragt, wie ich an diese Stars rankäme. Nun, ich habe einfach die Nummer hinten auf der Kassette gewählt. So schwierig war das nicht (lacht).

Ich habe dann begonnen, Open-Airs aufzugleisen. Nebenbei sang ich in zwei Bands. So hatte ich nach der Matura mit 19 Jahren schon ein Standbein, das etwas Geld einbrachte.

Alles hatte mit Musik zu tun?

Es hatte immer mit Musik zu tun. Ein Jahr später lag dann der erste Seven-Song auf dem Tisch. Durch meine Parties habe ich einen DJ kennengelernt und bin so in diese Szene reingerutscht. Ich habe Leute kennengelernt, mit denen ich meine ersten Songs veröffentlicht habe, Nation Records, das Hip-Hop-Label aus Aarau.

Am Anfang war der Anteil von «Seven» sehr klein. Aber ganz ehrlich: Was braucht man als junger Mensch wirklich? Du brauchst vielleicht 1000, 1500 Franken. 250 Franken für die Einzimmerwohnung. Das hat man schnell zusammen.

Du sagst heute zwar, du hättest dir nie Gedanken gemacht. Du wirkst sehr positiv, bist lustig,…

«En glatte Vogel!»

«Es ging tatsächlich um die Existenz.»

…aber am Anfang deiner Karriere erklärtest du in einem Interview, du hättest eine sehr ausgeprägte melancholische Seite. Ich nehme dir nicht wirklich ab, dass du nie Existenzängste hattest. 

Du machst dir die Gedanken natürlich, punktuell. Ich habe mir zu diesem Zeitpunkt aber nicht überlegt, wie es in einem Jahr weitergehen wird. Es ging vielmehr tatsächlich um die Existenz: Was mache ich, wenn ich in der zweiten Woche des Monats die 250 Franken für die Einzimmerwohnung noch nicht zusammen habe und gleichzeitig der Kühlschrank leer ist?

Ich habe versucht, bei den Partys noch irgendwas rauszuholen, ein VIP-Package zu organisieren oder so. Ich habe eine Lösung gesucht für den Moment. Ich hatte auch nie Angst vor dem Versagen.

Ich wusste auch, dass ich ein Sprachentalent habe, Deutsch, Französisch und Englisch ziemlich gut kann. So hatte ich immer die Möglichkeit, in den Verkauf zu gehen, oder mir irgendetwas für 30-40% zu suchen, auch wenn es scheisse bezahlt war. Ich brauchte so wenig Geld. Ich ging nie in die Ferien. Ich hatte kein Auto.

In dem Land, in dem wir leben, wo die Menschen am wenigsten Risiken eingehen, hast du am meisten doppelte Böden. Wenn man irgendwo Risikobereitschaft zeigen darf, dann ist es in der Schweiz. Aber wir machen es nicht, weil wir Angst davor haben, zu versagen, oder einen Traum aufgeben zu müssen.

Auch heute höre ich von vielen Musikern, dass sie aufhören wollen, weil es «nicht mehr gehe». Dann muss man halt einen Tag Musik-Unterricht geben in der Woche! Warum sind die Leute nicht kreativer? Nur, weil man nicht mehr 100% davon leben kann, heisst das nicht, dass man versagt hat. Das ist so bescheuert.

Dann sind wir bei der Frage, die sicher viele Musiker beschäftigt: Ist man nur erfolgreich, wenn man kommerziellen Erfolg hat?

Das ist Bullshit. Ich finde das überhaupt nicht. Klar, man kann mit Bestimmtheit sagen: Wenn man von der Musik leben kann, ist es ein Beruf, wenn man nicht davon lebt, ist es kein Beruf. Es gibt aber doch so viele Leute, die leben von Dingen, bei denen man sich auch fragt, ob das überhaupt ein Beruf ist.

«Mit einer finanziellen Unsicherheit möchte doch lieber niemand leben.»

Wirst du auch ab und zu gefragt, was du sonst noch machst?

Ja. Der Klassiker geht so: «Was machst du?», «Ich bin Musiker.», «Und was arbeitest du?». Das ist häufig die zweite Frage. Das kann man den Menschen in unserem Land auch nicht übelnehmen. In den wenigsten Freundeskreisen von Schweizern macht einer das, was ich mache. Man hat keine Berührungspunkte, es ist suspekt.

Die Fragen, die man mir dann stellt, wie «Wie lebst du davon? Wie funktioniert das?», das wird in Deutschland, Frankreich oder England nie gefragt. Denn der Künstlerberuf, egal in welche Richtung, ist viel verbreiteter und wird viel mehr von der Gesellschaft akzeptiert. Bei uns ist der Musiker einfach «zu faul, um etwas Richtiges zu machen». 

Warum hast du diesen Eindruck?

Das spüre ich so häufig. Ich bin seit 20 Jahren Musiker. Das Knowhow fehlt, Menschen können sich nicht vorstellen, wie es funktioniert, wo das Geld herkommt. Ich werde oft gefragt, wie ich plane. Ich plane soweit es geht. 

Aber mit dieser Thematik sieht sich jeder Selbständige konfrontiert: Man weiss nie, wie sich das Jahr finanztechnisch gestaltet.

Ja, natürlich. Ein regelmässiges Einkommen bedeutet Sicherheit. Die Schweizer sind ein sicherheitsbedachtes Volk. Ich denke, die erwähnten Reaktionen hängen damit zusammen. Mit einer finanziellen Unsicherheit möchte dann doch lieber niemand leben.

Dein Bruder spielt bei dir in der Band, deine Eltern waren klassische Musiker und haben deinen unkonventionellen Weg nicht hinterfragt, während andere Eltern wohl eher beschützend gesagt hätten: «Lern zuerst etwas Richtiges». Wie kam es, dass sie ein solches Vertrauen in dich hatten?

Meine Eltern sind Klassiker. Sie hatten viel Sicherheit, weil sie an einer Musikschule angestellt waren. Sie waren nie in einer kompletten Selbstständigkeit wie ich. Ich weiss, dass Sie sich oft gefragt haben, was ich eigentlich mache. Ich war aber sehr froh, dass ich ihnen die Liebe und die Leidenschaft für die Musik nicht erklären musste. Das war der grösste Vorteil.

Sie hatten zwar keine Ahnung, wie es funktioniert. Sie hatten keine Ahnung, was ich den ganzen Tag lang mache. Selbst in meiner schlimmsten Zeit, als ich komplett von Luft, Liebe, Idealismus und Reis lebte, haben sie einfach gefragt, wie es mir gehe. Ich habe immer gesagt, alles sei super, kein Problem. Aber eigentlich war es überhaupt nicht so.

«Ich wollte nicht auf einer Weisswasserschaumblase surfen.»

Warum hast du das gemacht? Warum hast du nicht gesagt: «Es geht nicht, ich brauche eure Hilfe.»?

Aus Stolz. Auch hatte ich die Überzeugung, dass ich mich selber tragen muss. Ich wollte mir vielleicht auch selber was beweisen. Ich wollte nicht auf einer Weisswasserschaumblase surfen. Ich war bereit, Dreck zu fressen.

Ich habe deine Eltern einmal an einem Konzert von dir gesehen. Es scheinen sehr sanfte Menschen zu sein. Hat es bei euch auch mal geknallt? Gab es Themen, über die ihr diskutiert habt?

Nein. Ich bin im Übrigen so engstirnig, dass es nicht möglich ist, mich von etwas abzubringen. Meine Eltern kennen mich gut genug und sie wussten, dass sie den Vulkan erst recht auslösten, wenn sie versuchten, dagegen anzukämpfen. Ich bin einer, der alles probieren muss, aber dann die Konsequenzen auch selber ausbaden will, wenn ich auf die Fresse fliege. Ich will meine eigenen Entscheidungen treffen, koste es, was es wolle. Wir waren sehr harmonisch zu Hause. Es gab keine Streitkultur.

Heute hast du die?

Ja, die habe ich.

Du musstest sie lernen?

Ich musste sie lernen. Es war so, dass meine Eltern Streit nie suchten und ich es auch nie zuliess.

Klingt so, als seist du in einer Blase der Glückseligkeit aufgewachsen. Das ist sehr weit weg von der Soulmusik, die du machst, und die den Ursprung im Rhythm and Blues hat…

Ich bin nicht wirklich in einer Blase aufgewachsen. Aufgrund der Tatsache, dass wir zu Hause sehr harmonisch funktionierten, habe ich die harte Realität wohl noch mehr gesucht als jemand anders. Andere dachten, dass man mit 16 das Sackgeld noch nicht selber verdienen muss. Ich dachte immer: Ich will selber.

Oftmals habe ich tatsächlich das Gefühl, dass die ganze Schweiz in einer Blase lebt. Wir haben Versicherungen erfunden. Wir haben Versicherungen für unsere Versicherungen, überleg mal, das ist unfassbar. Ich möchte nie einem amerikanischen Durchschnittsbürger erklären müssen, was das bedeutet. Er würde das nicht begreifen.

Ich glaube, ich habe immer die Herausforderung gesucht, bin an Grenzen gegangen um zu erfahren, was echt ist, wie Menschen auf etwas reagieren und ob ich das antizipieren kann. Das hilft mir auch bei meiner Bühnenarbeit enorm.

«Ich habe einen Optimierungswahn – bei allem.»

Was hast du rausgefunden? Wie holt man Menschen ab?

Es gibt ganz klare dramaturgische Regeln. Man fängt zuoberst an, man bricht zusammen, damit man wieder zuoberst aufhören kann. 

Das enstpricht grob gefasst auch der sogenannten «Heldenreise», der typischen Dramaturgie für Bücher und Filme.

Genau. Oder man fängt unten an, weil das Publikum dann noch aufmerksam und aufgeschlossener ist. So kann man die ruhigen Töne am Anfang bringen und am Schluss wirds lauter.

Spürst du, was das Publikum braucht?

Ich habe einen Erfahrungsschatz. Ich beobachte stark. Es fing ganz klein an: Wenn du ein Konzert oder eine Party organisierst als 14-jähriger musst du dir überlegen, wie du das «Check-in» gestaltest. Die einen wollen die Jacke abgeben, die anderen nicht. Da frage ich mich «Wie machen wir das?» und plane entsprechend. Ich habe einen Optimierungswahn – bei allem. Das ist mein Fluch und mein Segen.

Ein Optimierungswahn. Woher kommt der?

Das kann ich dir nicht sagen.

Hattest du den schon als Kind?

Mir wird es einfach anders, wenn etwas nicht logisch ist. Zurück zum Beispiel «Check-in»: Wenn zwei Menschenschlangen vor dem selben Eingang warten und nur die Hälfte die Jacken abgeben will, dann denke ich: «Das ist doch bescheuert!»

Solche Situationen passieren aber wohl jeden Tag. Du kannst nicht die Welt retten.

Nein, ich kann nicht die Welt retten, aber dann muss ich mir halt meine eigene erschaffen.

Ich möchte nochmal auf deine Familie zurückkommen. Kann es sein, dass deine grosse Liebe zur Musik überhaupt nur dadurch entstanden ist, dass du in diesem übermässig musikalischen Umfeld aufgewachsen bist?

Ich glaube schon, dass man etwas mitgibt. Ich glaube daran, dass Talent weitervererbt werden kann, aber dieses Talent kann sich nur entfalten, wenn es zu Hause gelebt wird. Wenn zu Hause keine Musik gespielt wird, nicht geübt wird, dann kommt ein  Talent wohl erst im Teenageralter oder später zum Vorschein kommt. Meine Eltern haben beide im Haus unterrichtet. Manchmal waren täglich 12, 13 Kinder da.

Gesangsunterricht im Estrich, in der Mitte wohnten ich und mein Bruder, unten war das Unterrichtszimmer meiner Mutter, direkt neben der Küche, da wurde Klavier und Flöte unterrichtet. Es gab kein Zimmer, in dem kein Instrument war.

Ich bin mit klassischer Musik aufgewachsen. Ich glaube auch fest daran, dass man sich die Grundzüge der Klassik reinziehen sollte. Man muss gar nicht zu weit gehen. Aber die Geschichte der Musik hat in der Klassik begonnen.

Sprechen wir nur schon über Opern: Faszinierend, denn man hatte kein Sibelius mit verschiedenen Spuren. Es wurde alles im Kopf komponiert. Man hat sich ein 70-köpfiges Symphonieorchester im Kopf vorgestellt. Wie unglaublich ist das denn?

Auch wer zuerst auf der Klassik-Schiene fährt: Man kann sich später immer für die Ausfahrt der Musikgeschichte entscheiden, die zu einem passt.

Ich habe mit 7 Jahren begonnen, Geige zu spielen.

Nicht Flöte, wie alle anderen?

Ich habe bis heute nie eine Flöte angefasst. Ich habe in unserem Haus Tausende von Kindern gehört, die sich an der Blockflöte abgemüht haben, tütütüü. Ich bin ein gebranntes Kind.

«Ja, ich bin ein unglaubliches Rudeltier.»

Du hast auch zwei Söhne mit ungefähr dem gleichen Altersabstand wie dein Bruder und du haben. Was ich bei Freunden mit Söhnen häufig sehe, ist, dass diese sich gerne messen und es schwierig ist, wenn der zweite Sohn den älteren übertrumpft. Dein Bruder Micha hat zuerst angefangen, Musik zu machen und dich damals in seine Band geholt. Mittlerweile spielt er bei dir.

Immer noch, seit 25 Jahren.

War das nie ein Thema, dass plötzlich du als der Kleine ihm über den Kopf gewachsen bist?

Wenn die Persönlichkeiten umgekehrt wären, hätte das nie geklappt. Ich bin die…

…Rampensau?

Nicht nur das, sondern ich bin ein Reisser. Ein Beispiel: Als wir noch klein waren, hat meine Mutter Micha auf den Spielplatz geschickt, wenn er leer war. Ich ging immer, wenn er am vollsten war. So unterscheiden sich die Persönlichkeiten schon in den Grundzügen komplett.

Du bist ein Rudeltier?

Ja, ein unglaubliches Rudeltier. Nicht mal ein ausgeprägtes Alpha-Tier. Klar habe ich Alpha-Gene, aber ich bin nicht der, der den Lead sucht. Ich sage vielmehr: Ich habe ein Gastgeber-Gen. Ich denke für alle, ich schaue, dass es für alle stimmt.

In meiner Teenager-Zeit gingen wir häufig mit den Wohlener-Jungs nach Zürich und mit dem ersten Zug wieder nach Hause. Damals war es immer so, dass sich alle gefragt haben, was wir machen sollen. Schlussendlich haben alle mich angeschaut. Ich war stets der, der das Routing bekanntgab. Es hat immer so geendet, dass ich entschieden habe, wie der Abend ablaufen wird.

Nicht einmal wegen Führungsqualitäten oder weil ich ein Alpha-Tier wäre, sondern weil ich derjenige war, der alle Bedürfnisse schnell aufnehmen konnte.

Fühlst du dich schnell verantwortlich?

Oh ja. Es scheisst mich selber auch an. Ich sehe sofort das Potenzial, den Abend zu optimieren, damit sind wir wieder beim Optimierungswahn.

Du hattest in deiner Teenager-Zeit einen besten Freund. Wie war er?

Der war ganz anders als ich. Ich war immer der Kleinste, der Dünnste, der Feinste. Ich war der, der singen konnte, der gefühlsvoll war, der für alle denken konnte. Er war der Grosse, der Kräftige, der Coole. Er hat geraucht. Er war äusserlich ganz anders, aber in seinem Wesen auch extrem fein.

Wieso war er dein bester Freund?

Er hatte etwas, das ich vorher nicht kannte. Wir hatten ein Urvertrauen ineinander. Wir mussten uns nicht zuerst kennenlernen. Wir wussten sofort, dass wir uns selber sein konnten.

Optisch waren wir wie Tag und Nacht. Er war zu gross für sein Alter, ich zu klein. Er war ein Kasten, ich ein Würstchen. Unser Schnittpunkt war die Musik. Er war ein sehr begnadeter Texter und Gitarrist. Wir haben zusammen eine Band gegründet und waren zehn Jahre zusammen in einer Rockband. Ich sass am Schlagzeug. Auch dort war die Musik die verbindende Sprache.

Du hast gesagt, du seist ein Rudeltier, hast gerne viele Menschen um dich herum. Was hat diese eine Freundschaft denn von den anderen unterschieden?

Ich wusste in der Schulzeit ganz genau, was ich zu jemandem sagen musste, damit er mich toll fand – selbst, wenn er mich eigentlich doof fand. Ich kann mit jemandem eine halbe Stunde sprechen und der denkt, wir verstehen uns gut, aber eigentlich ist das nicht der Fall. Sprich: Ich hatte es mit allen gut, aber ich konnte neben der Bühne mit niemandem richtig offen im Gespräch sein. Er kam neu in die Klasse, wir haben uns angeschaut und ich dachte, «der ist easy». Diese Maske, die ich fast in Perfektion beherrsche, war zwischen uns weder gefragt noch notwendig.

Er hatte diese Maske aber offenbar doch. Er hat sich mit 19 Jahren das Leben genommen. Was passiert, wenn man realisiert, dass man die Person, die einem so nahe war, eigentlich gar nicht richtig kannte?

Im ersten Moment stirbt man selber.

«Man fühlt sich alleine, man fühlt sich verantwortlich.»

Wie hast du es erfahren?  

Ich habe angerufen. Ich wäre eine Stunde später mit dem Zug zu ihm gefahren. Ich wollte fragen, ob ich eine Stunde früher kommen könnte. Die Grossmutter hat abgenommen, was vorher nie der Fall war, und hat mir gesagt, sie seien auf der Polizeistation und es sei letzte Nacht passiert.

Es war die schlimmstmögliche Art und Weise. Ich wollte ja nur kurz anrufen, um zu sagen, dass ich eine Stunde früher komme. Im ersten Moment bricht nicht nur eine Welt zusammen, sondern die ganze Welt. Man fühlt sich alleine, man fühlt sich verantwortlich. Mit 19 Jahren ist man nicht so weit, dass man weiss, dass er einem das nicht aufladen wollte.

Ist man je soweit, dass man das begreifen kann? Wenn dir das heute passieren würde, würdest du dich genauso hinterfragen, oder?

Ja, aber mit 19 ist die Welt noch viel kleiner. Je kleiner die Welt, desto heftiger kann sie zusammenbrechen. Man hat noch nicht so viele Vergleichspunkte und Anhaltspunkte.

Wir hatten unsere eigene kleine Welt kreiert: Wir hatten unsere Band und jeden Samstag war ich bei ihm und habe bei ihm übernachtet. Ich war ein Teil der Familie. Die kleine Schwester hat mich Bruder genannt. Ich ging mit ihnen in die Ferien. Der Bandraum war in seinem Keller. Den ganzen Samstagnachmittag waren wir in seinem Raum, am Abend gings in den Ausgang, am Sonntag wieder nach Hause. Am Montag hat man sich in der Schule wieder getroffen. Wir waren wirklich dicke Buddys.

Und dann ist das auf einen Schlag weg. Es ist, als wenn dir beim Ballonflug alle Schnüre abgeschnitten werden. Du hängst nicht mal mehr in der Luft, sondern knallst einfach auf den Boden.

Wie ging’s weiter bei dir?

Zuerst mal monatelang gar nicht. Ich habe mich in meinem Zimmer eingesperrt. Ich wollte mit der Welt nichts zu tun haben.

Hast du dich verlassen gefühlt?

Nein. Ich war auch nie böse auf ihn. Obwohl ich guten Grund dazu gehabt hätte. Ich hatte das Recht, böse zu sein. Ich war es aber nie. Ich war immer nur böse auf mich selber. Und ich habe mich unentwegt gefragt: Wie konnte ich das nicht merken?

Schuldgefühle?

Brutal. Ohne Ende. Eine Woche vorher musste ich die Bandprobe absagen. Da hat er zu mir gesagt: «Ich muss dir noch etwas erzählen.» Ich habe gesagt: «Das machen wir nächste Woche.»

Das war unser letzter Austausch: «Ich muss dir noch etwas erzählen.» – «Das machen wir nächste Woche.» Dann liegst du mit 19 Jahren im Meer deiner eigenen Tränen und denkst dir, was wäre gewesen, wenn ich damals nicht abgesagt hätte? Du lebst nur noch im Konjunktiv. Es war recht lang unmöglich zu wissen, was oben und unten ist, was für ein Wochentag es ist usw. Lange machte gar nichts einen Sinn.

«Ich habe in der wichtigsten Beziehung für mich selber versagt.»

Was hat dieser Verlust für Spuren hinterlassen? 20 Jahre danach?

Für mich war es nachher noch viel schwieriger, mich zu öffnen.

Hast du wieder einen besten Freund?

Ja, definitiv. Aber es ging sehr lange, bis ich mich wieder voll auf jemanden einlassen und vertrauen konnte. Es ging nicht darum, dass ich den Menschen nicht mehr vertrauen konnte, sondern mir selber. Ich habe in der wichtigsten Beziehung für mich selber versagt.

Später dachte ich immer wieder, wenn Freundschaften enger wurden: Nimm mich nicht zum Freund, ich bringe dir nichts. Ich bin nicht keine Beziehungen eingegangen, weil ich Angst hatte, dass die Person mich wieder verlassen würde, sondern weil ich dachte, dass ich der Person nichts bringe. Ich musste ein Vertrauen in mich selbst aufbauen. Genüge ich? Denn es war ja auch schon mal fett nicht genug. Das hat viel Geduld mit mir selber gebraucht. Heute gehört die Geschichte zu meinem Leben und ich habe gelernt, sie zu akzeptieren.

Du bist 40 Jahre alt. Das ist ein guter Zeitpunkt, um auf dein bisheriges Leben zurückzublicken. Auf was bist du stolz und auf was weniger?

Meine Familie erfüllt mich mit Stolz. Wie mein älterer Sohn schon passioniert Schlagzeug spielt, er ist ein Fan von Metallica und AC/DC – mit 9!

Musikalisch bin ich stolz darauf, dass es keinen einzigen Song gibt aus den 192 Songs der letzten 16 Jahre, von dem ich denke, dass er scheisse oder peinlich ist. Ich habe mich nicht verbogen oder mich selber betrogen für ein Label oder für einen vermeintlich schnellen Erfolg. Das habe ich nie gemacht.

Auf was bist du weniger Stolz?

Vielleicht aufs Gleiche… Dass ich nicht kompromissbereit bin. Das ist ein Fluch und ein Segen. Ich kann es einfach nicht. Aber es wäre sicher von Vorteil gewesen in gewissen Zeiten meiner Karriere. Da wären wahrscheinlich Dinge entstanden, die ich geil gefunden hätte und mich zu einem anderen Türchen geführt hätten. Aber ich bin ein «Egobrötler». Ich habe das Gefühl, dass ich meine Musik am besten sehe und höre und so muss es sein.

Anna Maier im Gespräch mit Jan „Seven“ Dettwyler im Maison Blunt, Zürich

2019 geht Seven auf «Soulmate Tour» durch die Schweiz, Österreich, Deutschland und Luxembourg.

Daten und Tickets:

sevenmusic.ch/tour-dates

Text: Anna Maier
Bilder: Jean-Pierre Ritler

***

Anna Maier Make-Up: Clinique
Anna Maier Haare: Coiffure Valentino

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Kommentare

  • Karin
    REPLY

    Grandios!

    3. Januar 2019
  • JoeWanni
    REPLY

    Hallo, was für ein voll sympatischer Bericht! Ich bin ebenfalls ein waschechter Wohler (Bürger), aber aus einer Generation vorher, war bekannt mit der Mutter von Seven. Ich habe Seven weder schon einmal getroffen, noch ein Konzert besucht – wohl weil ich Wohlen kurz nach seiner Geburt den Rücken kehrte… Seine Musik lernte ich vor 10 Jahren kennen, als meine eigenen Töchter meinten, dieser Sound „sei noch geil“. Musik gehört zu meinem Leben ebenfalls, mein Archiv im Computer ist riesig, in Wohlen war ich DJ seit 1969. Im eigenen Musizieren bin ich „Elektroniker“ (lach). – Also, ganz herzlichen Dank für das Interview, ein schöner Jahresbeginn! JoeWanni

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